Mehr als 10 Millionen Euro Nebeneinkünfte: Jeder dritte Abgeordnete verdient neben dem Mandat

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Berlin/Hamburg, 22. Juni 2026 – 232 der 630 Bundestagsabgeordneten (37 Prozent) verdienen neben ihrer Diät zusätzlich Einkünfte oder geldwerte Vorteile. Insgesamt meldeten sie seit Beginn der Wahlperiode Nebeneinkünfte von rund 10,6 Millionen Euro. Das zeigt eine gemeinsame Auswertung von abgeordnetenwatch und dem SPIEGEL.

Bundestagsabgeordnete erhalten derzeit monatliche Diäten von 11.833 Euro. Daneben dürfen sie unbegrenzt hinzuverdienen, müssen dies aber innerhalb von drei Monaten bei der Bundestagsverwaltung angeben. Die gemeldeten Nebeneinkünfte reichen von Unternehmensbeteiligungen und Vermietungen über freiberufliche Tätigkeiten bis hin zu Aufsichtsratsmandaten und Vortragshonoraren.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • In der CDU/CSU-Fraktion hat die Hälfte der Abgeordneten bezahlte Nebentätigkeiten. Dahinter folgen AfD (37 Prozent) und Grüne (36 Prozent).
  • 67 Abgeordnete geben Unternehmensbeteiligungen an.
  • 39 Prozent melden Funktionen in einem Unternehmen. 

Die höchsten Nebeneinkünfte meldeten:

  • Ophelia Nick (Grüne): 2,7 Millionen Euro aus Unternehmensbeteiligungen – unter anderem als Erbin und Gesellschafterin des Technologiekonzerns Voith. Nick erklärte auf Anfrage, sie sei weder für die Unternehmen tätig noch an deren operativen Entscheidungen beteiligt. Einen Zusammenhang mit ihrer politischen Arbeit sieht sie nicht.
  • Alexander Engelhard (CSU): 1,5 Millionen Euro als Betreiber einer Bio-Getreidemühle
  • Sebastian Maack (AfD): 439.000 Euro aus Mieteinnahmen

Die Recherche offenbart Lücken bei der Kontrolle der Selbstauskünfte und macht potenzielle Interessenkonflikte sichtbar:

  • Unvollständige und verspätete Meldung: Der AfD-Abgeordnete Sebastian Münzenmaier meldete seine Beteiligung an einer Immobilienfirma erst rund 11 Monate nach deren Gründung bei der Bundestagsverwaltung. Auf seiner Bundestagsseite sind weiterhin zwei Geschäftsführerposten nicht aufgeführt. Münzenmaier bestreitet, gegen die Offenlegungspflichten verstoßen zu haben.
  • Mögliche Interessenkonflikte: Der CDU-Abgeordnete Lars Rohwer und die SPD-Abgeordnete Maja Wallstein erhalten Vergütungen als Aufsichtsratsmitglieder des Kohlekonzerns LEAG. Rohwer sitzt im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, der sich unter anderem mit milliardenschweren Entschädigungen für den Kohleausstieg befasst hat. Er erklärte, seine Aufsichtsratstätigkeit bei einer entsprechenden Abstimmung offengelegt zu haben. Wallstein gehörte dem Ausschuss zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an.
  • Wenig Präsenz im Bundestag, viele bezahlte Auftritte außerhalb: Gregor Gysi (Linke) meldete seit Beginn der Wahlperiode mehr als 70 bezahlte Moderationen, Lesungen, Podcasts und andere Auftritte. Die daraus erzielten Einkünfte summieren sich auf rund 250.000 Euro. Gleichzeitig gehörte er zu den Abgeordneten mit den meisten Fehlzeiten bei namentlichen Abstimmungen. Gysi verweist darauf, seine Terminplanung inzwischen geändert zu haben: „So werden Sie erleben, dass ich 2026 weitaus weniger fehle.“

„Ein sich selbst kontrollierender Bundestag funktioniert nicht“

Sarah Schönewolf, Pressesprecherin von abgeordnetenwatch, sagt: „Bei Nebeneinkünften geht es nicht nur um Geld. Die Auswertung zeigt Transparenzlücken und mögliche Interessenkonflikte und wirft die Frage auf, ob der Auftrag der Wähler:innen bei allen Abgeordneten wirklich Priorität genießt.“ Verstöße gegen die Offenlegungspflichten können mit Ordnungsgeldern von bis zu 70.000 Euro geahndet werden. Tatsächlich kam es in der Geschichte des Bundestags bislang jedoch nur einmal zu einer solchen Sanktion.

Für Schönewolf zeigt sich hier Reformbedarf: „Niemand prüft wirklich nach, ob die Abgeordneten ihre Einkünfte vollständig und korrekt angegeben haben. Verstöße werden praktisch nie geahndet. Der Bundestag kontrolliert sich selbst – und das funktioniert nicht. Dass Verstöße überhaupt auffallen, liegt nur daran, dass andere die Nachforschungen anstellen, die die Bundestagspräsidentin leisten müsste. Deshalb muss eine unabhängige Stelle diese Aufgabe übernehmen.“

Die vollständige Auswertung mit allen Nebeneinkünften, Unternehmensbeteiligungen und Unternehmensfunktionen der Bundestagsabgeordneten ist hier abrufbar.