Wolfgang Kubicki bringt das Glücksspiel in den Supermarkt
Der designierte FDP-Chef mischt bei einer Pfandlotterie mit, die bald bundesweit in Supermärkten landen könnte. Seit Monaten wirbt Kubicki dafür bei Politik und Behörden. Jetzt hat er eine bundesweite Lizenz beantragt.
Sollte Wolfgang Kubicki FDP-Vorsitzender werden, wäre er wohl der erste deutsche Parteichef an der Spitze eines Glücksspielunternehmens.
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Wolfgang Kubicki ist seit 2025 Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Deutschen Pfandlotterie. Kund:innen können ihr Pfand per Knopfdruck in Lose verwandeln und bis zu 100.000 Euro gewinnen.
Hinter dem Unternehmen stehen drei norwegische Investoren, darunter der Pfandautomatenhersteller Tomra. Für ihre Expansion holten sie erst Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), später Kubicki an die Spitze der Gesellschaft.
Kubicki spielte selbst eine zentrale Rolle bei der Liberalisierung des deutschen Glücksspielmarktes. Heute arbeitet er in genau jener Branche.
Interne Unterlagen zeigen: Während sein Unternehmen Lizenzen beantragte, nahm Kubicki persönlich Kontakt zu Behörden und Politiker:innen auf.
Die Idee stammt aus Norwegen: Ein Teil der Einnahmen fließt an gemeinnützige Projekte, gleichzeitig verdienen Betreiber, Handel und Technikfirmen mit.
Sollte Kubicki FDP-Chef werden, stünde wohl erstmals ein deutscher Parteivorsitzender zugleich an der Spitze eines Glücksspielunternehmens.
2011 hat Wolfgang Kubicki einen Termin am Hamburger Flughafen. Zwei norwegische Geschäftsleute wollen ihm eine Idee vorstellen: Pfandflaschen und Glücksspiel. Im Kieler Landtag kämpft Kubicki gerade dafür, das staatliche Glücksspielmonopol aufzubrechen und den Markt für private Anbieter zu öffnen.
Damals ahnt wohl noch niemand, dass daraus Jahre später ein gemeinsames Geschäft werden würde.
Heute steht Kubicki kurz davor, FDP-Chef zu werden. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag hatte er sich eigentlich auf ein ruhigeres Leben gefreut, “mit Urlauben und solchen schönen Dingen”, wie er kürzlich sagte. Stattdessen stieg er wenige Wochen später bei einem Unternehmen ein, das von einem Glücksspielmarkt profitiert, den Kubicki einst selbst öffnete.
Glücksspiel mit Pfandflaschen
Seit Mai 2025 ist Kubicki Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Deutschen Pfandlotterie gGmbH. Das Konzept: Wer im Supermarkt Leergut abgibt, kann per Knopfdruck auf den großen Gewinn hoffen, statt sich das Pfand auszahlen zu lassen. Bis zu 100.000 Euro sind möglich, ein Teil der Einnahmen fließt an gemeinnützige Organisationen wie die Tafeln.
Die Idee stammt aus Norwegen, wo Pfandlotterie-Automaten längst zum Supermarktalltag gehören. Einer der Geschäftsleute, die Kubicki damals am Flughafen traf, steht heute an der Spitze der Firma Recycling Lottery International AS, die das Modell exportieren will. Nun soll die Pfandlotterie auch nach Deutschland kommen – mit Kubicki an Bord.
100.000 Euro-Gewinn per Flaschenpfand: Das verspricht die Deutsche Pfandlotterie. Profitieren sollen am Ende alle: Verbraucher:innen, gemeinnützige Organisationen, Betreiberfirma – und die Umwelt.
Dass die Deutsche Pfandlotterie ihren Sitz in Kiel hat, dürfte kein Zufall sein. In Schleswig-Holstein schuf Kubicki Anfang der 2010er Jahre gemeinsam mit der CDU von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen jene liberaleren Glücksspielregeln, auf die Unternehmen wie die Pfandlotterie heute setzen können. Das Bundesland wurde damit zum Experimentierfeld einer Branche, die auf einen Milliardenmarkt hoffte. Viele der damals eingeführten Regeln wurden später bundesweit übernommen.
Hinter der Deutschen Pfandlotterie stehen drei norwegische Investoren: der Pfandautomatenhersteller Tomra, der Glücksspieldienstleister Norsk Underholdningsspill AS und Playsafe Norway AS, ein Entwickler von Spiel- und Lotteriesystemen. Sie halten jeweils 32 Prozent der Anteile, Kubicki vier Prozent.
Eine politische Entscheidung
Für die Norweger ist Kubicki seit Jahren ein wichtiger Ansprechpartner. “Er hat uns schon viele Jahre geholfen”, sagt Atle B. Johansen, Direktor und Gründer der Recycling Lottery International AS.
Deutschland gilt den Norwegern nun als Schlüsselmarkt. „Am Ende ist es eine politische Entscheidung, ob die Pfandlotterie gesellschaftlich gewollt ist”, sagt Johansen.
In Schleswig-Holstein fiel diese Entscheidung schon vor einigen Jahren. 2021 erhielt die Deutsche Pfandlotterie erstmals eine Lizenz – in jenem Bundesland, das Kubicki zuvor zum Vorreiter liberalerer Glücksspielregeln gemacht hatte.
Gespräche im Innenministerium
Als die Lizenz der Deutschen Pfandlotterie im vergangenen Jahr auslief, suchte Kubicki den Kontakt zur zuständigen Behörde. Im Oktober 2025 traf er im Kieler Innenministerium einen Abteilungsleiter und eine Referatsleiterin, einen Monat später telefonierte er erneut mit der Beamtin.
Das geht aus mehr als 200 Seiten interner Kommunikation hervor, die abgeordnetenwatch und ZEIT über das Informationsfreiheitsgesetz erhalten haben. Thema waren Auflagen zum Jugend- und Spielerschutz.
Ich habe selbstverständlich die Zulassungsbehörde in Schleswig-Holstein aufgesucht, um mich persönlich vorzustellen
Das Unternehmen setzte die geforderten Änderungen um. Die Lizenz wurde daraufhin bis Ende 2026 verlängert.
Nachdem er die Geschäftsführung übernommen habe, habe er sich persönlich bei der Behörde vorstellen wollen, sagt Kubicki. Außerdem habe er sich erkundigt, unter welchen Bedingungen die Lizenz verlängert werden könne.
Der Weg zur bundesweiten Lizenz
Bislang steht die Pfandlotterie nur in wenigen Supermärkten in Schleswig-Holstein. Doch Kubicki denkt größer: Das Konzept soll in ganz Deutschland ausgerollt werden.
Dafür braucht das Unternehmen eine bundesweite Lizenz. Nach Informationen von abgeordnetenwatch und ZEIT liegt ein entsprechender Antrag inzwischen bei der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder. Eine Entscheidung darüber steht laut Kubicki noch aus.
Kontakte in die Landespolitik
Parallel wirbt Kubicki bereits in den Ländern für das Projekt. “Herr Kubicki hat mich vor einigen Monaten privat telefonisch erreicht und über sein Anliegen in Kenntnis gesetzt”, sagt Doris Schröder-Köpf auf Anfrage. Die SPD-Politikerin ist Vorsitzende des Innenausschusses im niedersächsischen Landtag. Sie habe daraufhin einen Fraktionsreferenten gebeten, sich inhaltlich mit dem Thema zu befassen. Mehr sei bislang nicht passiert.
Herr Kubicki hat mich vor einigen Monaten privat telefonisch erreicht und über sein Anliegen in Kenntnis gesetzt
Die Kontakte fallen in eine Phase von Kubickis politischem Comeback. Sollte er am Samstag wie erwartet zum FDP-Vorsitzenden gewählt werden, stünde wohl erstmals ein deutscher Parteichef zugleich an der Spitze eines Glücksspielunternehmens.
Die Frage nach dem Eigeninteresse
Wie erklärt Kubicki selbst sein Engagement?
picture alliance / dpa | Angelika Warmuth
Alte Weggefährten: Schleswig-Holsteins damaliger Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) und FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki lockerten 2011 das staatliche Glücksspielmonopol. Später wurden beide Geschäftsführer und Gesellschafter der Deutschen Pfandlotterie. (Foto von 2013)
Finanzielle Gründe spielen ihm zufolge keine Rolle. Das Unternehmen sei gemeinnützig, nicht gewinnorientiert, für die Gesellschafter gebe es keine Gewinnausschüttung. Die Pfandlotterie sei schlicht eine “gute Sache”, sagt er.
Die Pfandlotterie ist nicht nur ein Spendenmodell, sondern auch ein Millionengeschäft. Mehrheitseigner der Betreibergesellschaft Norsk Pantelotteri AS ist mit 60 Prozent die Olav Thon Gruppen, einer der größten privaten Immobilien- und Hotelkonzerne Norwegens. Die restlichen Anteile hält das Rote Kreuz, das über die Lotterie bislang mehr als 100 Millionen Euro erhielt. Allein 2024 machte die Gesellschaft gut eine Million Euro Gewinn. Weitere Erlöse bleiben bei Handel und Technikdienstleistern.
Kein Gehalt?
Etwas komplizierter wird es bei der Frage nach Kubickis Geschäftsführergehalt. Er beziehe “in dieser Gesellschaft” kein Gehalt, sagt er. Was genau bedeutet die Einschränkung “in dieser Gesellschaft”?
Kubicki betreibt in Kiel eine Rechtsanwaltskanzlei – unter derselben Adresse sitzt auch die Deutsche Pfandlotterie. Erst auf erneute Nachfrage präzisiert er: „Ich beziehe kein Gehalt.“ Die Pfandlotterie sei zudem keine Mandantin seiner Kanzlei.
Meine damalige Einschätzung, dass es sich bei der Pfandlotterie um eine gute Sache handelt, hat sich bestätigt.
Trotz seiner kleinen Vier-Prozent-Beteiligung verfügt Kubicki laut Gesellschaftsvertrag über eine Stimmenmehrheit. Das diene der Absicherung, sagt er. So könnten keine Beschlüsse gefasst werden, die ihn in Konflikt mit Glücksspielrecht oder Lizenzauflagen bringen.
Das Netzwerk um die Pfandlotterie
Kubicki ist nicht der erste prominente Politiker im Umfeld der Pfandlotterie. Vor ihm war der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) Geschäftsführer der Gesellschaft – ein politischer Weggefährte Kubickis. Im Mai 2025 übernahm Kubicki sowohl den Geschäftsführerposten als auch Carstensens Gesellschaftsanteile.
Auch Carstensen suchte den Kontakt zur Landesregierung. Zwischen 2020 und 2022 führte er mehrere Gespräche mit Fachleuten im Kieler Innenministerium. Bei zwei Terminen war auch die damalige CDU-Innenministerin anwesend, einmal der Chef der Staatskanzlei.
Frühe Nähe zur Glücksspielbranche
Die Namen Kubicki und Carstensen tauchten schon früher im Umfeld der Glücksspielbranche auf – nicht immer zu ihrem Vorteil. Kubicki ließ sich 2011 von Lobbyvertretern zu einer Tagung in ein Fünf-Sterne-Hotel auf Sylt einladen, wenige Tage vor Beratungen der Ministerpräsidenten zum Glücksspielstaatsvertrag.
Carstensen wiederum geriet im Zuge des Wirecard-Skandals in den Fokus, als bekannt geworden war, dass er Gespräche zu Glücksspielthemen vermittelt hatte.
Ein Modell ohne Verlierer?
Katrine Lunke/Pantelotteriet
Lotteriebutton mit einem roten Kreuz: In Norwegen stehen die Pfandlotterieautomaten des Herstellers Tomra inzwischen in den meisten Supermärkten. Nun soll Deutschland folgen. Kubickis Unternehmen hat dafür kürzlich eine bundesweite Lizenz beantragt.
Die Pfandlotterie dagegen lässt sich nur schwer angreifen. Verbraucher:innen, gemeinnützige Projekte und die Umwelt – alle sollen profitieren.
Die Idee entstand in Norwegen aus einer Krise heraus. In den 1990er Jahren kämpfte das Land mit einem massiven Glücksspielproblem: Spielautomaten standen in Kneipen, Tankstellen und Einkaufszentren, die Zahl der Spielsüchtigen stieg. Die Branche suchte nach einem Modell, das harmloser wirkte – und weiter Geld einbrachte. Daraus entstand die Pfandlotterie.
Wer verdient woran
30 Prozent der Einnahmen in Deutschland gehen an gemeinnützige Zwecke, weitere 30 Prozent werden als Gewinne ausgeschüttet. 16,67 Prozent kassiert der deutsche Fiskus. Der Rest wird für Betriebskosten, Marketing und die Vergütungen an die beteiligten aufgewendet.
Deutschland gilt für die Betreiber als entscheidender Markt. Gelingt hier der Durchbruch, dürfte sich das Konzept leichter international ausrollen lassen.
Der Handel zögert
Die großen Handelsketten geben sich bislang zurückhaltend. Rewe, die Schwarz-Gruppe, Aldi, Edeka und Netto wollten auf Anfrage keine Gespräche mit der Deutschen Pfandlotterie bestätigen.
Ein finanzielles Eigeninteresse bestreitet Kubicki. Mit Tomra und den übrigen Gesellschaftern unterhalte er außerhalb der Gesellschaft “keinerlei geschäftliche Beziehung”.
Auch im Fall seiner Wahl zum FDP-Vorsitzenden will Kubicki an seiner Rolle festhalten. Er werde “weder meinen Beruf noch meine ehrenamtliche Tätigkeit aufgeben, weder bei der Pfandlotterie noch bei sonstigen karitativen Organisationen”. Der Parteivorsitz sei schließlich ebenfalls ein Ehrenamt.
Der Knopf am Automaten
Für die norwegischen Betreiber wäre ein Erfolg in Deutschland von großer Bedeutung. Der Pfandautomatenhersteller Tomra etwa ist Mitgesellschafter der Deutschen Pfandlotterie und Weltmarktführer seiner Branche. In deutschen Supermärkten stehen mehr als 31.000 Geräte, weltweit sind es 91.000 in über 60 Ländern.
Auf ihnen fehlt bislang nur ein kleines Detail: der Knopf für die „Pfandlotterie”. Noch gibt es ihn nur in wenigen Supermärkten in Schleswig-Holstein.