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Wiebke Winter
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Frage von Norman-Patrick E. •

Sie sagten bei Lanz es brauche mehr Leistungsbereitschaft. Wie meinen Sie das bei 1,2 Mrd Überstunden (häfte unbezahlt), Überlastung, hohen Mieten, Teilzeit aus Gesundheitsgründen und Sozialkürzungen?

In der Sendung Markus Lanz am 05.02. sprachen Sie von „mehr Leistungsbereitschaft“. Können Sie bitte konkret erläutern, was Sie damit meinen?

In Deutschland wurden 2025 über 1,2 Milliarden Überstunden geleistet, etwa die Hälfte davon unbezahlt. Gleichzeitig nehmen Überlastung und psychische Erkrankungen zu. Viele Beschäftigte sind bereits hoch engagiert, stoßen aber an gesundheitliche Grenzen, während wirtschaftliche Gewinne nicht bei den Leistenden sondern bei Investoren ankommen.

Vor diesem Hintergrund interessiert mich Ihre Haltung zu möglichen Kürzungen von Sozialleistungen. Viele Menschen können sich Wohnen am Arbeitsplatz nicht mehr leisten, da Mieten in Städten stark steigen und Investoren den Wohnungsmarkt dominieren. Zudem entgehen dem Staat durch Steuervermeidung jährlich dreistellige Milliardenbeträge, mit denen Ausgaben abgefedert werden könnten.

Wie bewerten Sie außerdem Teilzeitarbeit, die Menschen aus gesundheitlichen Gründ wählen, zum Schutz vor Überlastung wählen.

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Antwort von CDU

Vielen Dank für Ihre Frage Herr E.. Zunächst eine Klarstellung: In der Sendung habe ich nicht pauschal behauptet, Deutschland habe „zu wenig Leistungsbereitschaft“. Im Gegenteil: Ich habe ausdrücklich gesagt, dass es wahnsinnig viele Menschen gibt, die unglaublich leistungsbereit sind – und dass wir gleichzeitig darüber sprechen müssen, wie Leistung wieder besser möglich wird und sich lohnt.

Die Zahl „rund 1,2 Milliarden Überstunden“ bezieht sich nach Kenntnis der Bundesregierung auf 2024: 1.189,7 Mio. Stunden, davon 637,5 Mio. unbezahlt (53,6%). Für Q1/2025 werden 274,3 Mio. angegeben (54,5% unbezahlt). Das ist ein starkes Signal: Leistungsbereitschaft ist da. Gleichzeitig ist es politisch nicht akzeptabel, wenn ein so großer Teil der Mehrarbeit unbezahlt bleibt und wenn Arbeitsverdichtung zu Lasten der Gesundheit geht. 2024 waren Beschäftigte im Schnitt 14,8 Arbeitstage krank gemeldet Psychische Erkrankungen sind dabei ein relevanter Faktor:  Deshalb geht es nicht um „Druck“, sondern um gesunde Arbeit, bessere Arbeitsorganisation, Prävention und einen Staat, der Prozesse erleichtert statt erschwert.

Teilzeit ist nicht einfach „fehlende Bereitschaft“. Es arbeiteten 2024 viele aus privaten/Betreuungsgründen und 4,9% wegen eigener Krankheit/Behinderung in Teilzeit. Mein Ansatz ist: Wer mehr arbeiten will, soll es leichter können. Wer gesundheitlich begrenzt ist, braucht Schutz und Unterstützung.

Wenn Menschen trotz Arbeit das Gefühl haben, es reicht nicht für Wohnen/Vorsorge, sinkt Motivation. Die Verbraucherpreise für Nettokaltmiete lagen im Dezember 2025 +2,2% über Vorjahr. Darum müssen wir Bauen und Genehmigungen beschleunigen und Angebot schaffen, sonst wird Leistung in Ballungsräumen tatsächlich „abgestraft“.

Ich stehe nicht für pauschale Kürzungen nach dem Motto „weniger für alle“. Ein starker Sozialstaat muss treffsicher helfen (wer nicht kann, muss verlässlich abgesichert sein) und zugleich Anreize setzen, dass Arbeit sich lohnt. Unabhängig von individuellen Lebenslagen drückt der demografische Wandel das Arbeitskräftepotenzial: Das IW erwartet bis 2040 einen Rückgang des Arbeitskräftepotenzials um fast 3 Millionen Personen daher braucht es Fachkräftegewinnung und bessere Ausschöpfung des Potenzials sowie Produktivitätssteigerungen

Kurz: Mein Punkt ist nicht „die Menschen sind faul“, sondern: Wir brauchen Rahmenbedingungen, damit die sehr hohe Leistungsbereitschaft in diesem Land gesund, fair und produktiv wirken kann und damit sich Leistung wieder spürbar lohnt.

Liebe Grüße

Dr. Wiebke Winter MdBB

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