Porträtfoto von Sascha Herr, Abgeordneter im Hessischen Landtag
Sascha Herr
parteilos
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Frage von Lotti K. •

Immer wieder hört man davon, dass unsere Demokratie in Gefahr sein und geschützt werden muss. Wie sehen Sie das, ist unsere Demokratie gefährdet ?

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Antwort von parteilos

Sehr geehrte Frau K.

Vielen Dank für Ihre Frage.

Ich halte es grundsätzlich für richtig, wachsam zu sein und unsere demokratischen Strukturen ernst zu nehmen. Eine funktionierende Demokratie ist kein Selbstläufer – sie lebt von Beteiligung, Transparenz und einem offenen Wettbewerb der Meinungen.

Ich sehe unsere Demokratie jedoch nicht in ihren formalen Strukturen gefährdet. Der Rechtsstaat funktioniert, Wahlen sind frei, und die Meinungsfreiheit ist rechtlich garantiert.

Die eigentliche Gefahr liegt aus meiner Sicht an anderer Stelle – und sie wird oft unterschätzt.
Wir erleben zunehmend eine Entwicklung, in der Meinungen zwar formal erlaubt sind, aber gesellschaftlich unter Druck geraten. Bestimmte Positionen werden nicht mehr argumentativ widerlegt, sondern moralisch eingeordnet, delegitimiert und teilweise faktisch sanktioniert.

Wenn Menschen den Eindruck gewinnen müssen, dass eine unpopuläre Meinung schnell zu öffentlicher Ächtung oder sogar zu beruflichen Konsequenzen führen kann, dann ist das kein gesunder Zustand für eine Demokratie. Das führt zu Selbstzensur – und Selbstzensur ist für eine freie Gesellschaft mindestens genauso problematisch wie staatliche Eingriffe.

Diese Entwicklung zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der AfD. Unabhängig davon, wie man ihre Inhalte bewertet, halte ich es für demokratiepolitisch bedenklich, wenn eine gewählte Partei und ihre Wähler systematisch ausgegrenzt werden, anstatt sich mit ihnen im offenen Wettbewerb auseinanderzusetzen.

Eine lebendige Demokratie braucht nicht weniger, sondern mehr Streit, mehr Offenheit und mehr Bereitschaft, auch unbequeme Positionen auszuhalten.
„Demokratie schützen“ darf nicht zur Begründung dafür werden, Debattenräume einzuengen oder politische Gegner moralisch aus dem Diskurs zu drängen.

Konkrete Beispiele sehen wir etwa dann, wenn Veranstaltungen verhindert werden, weil unliebsame Meinungen vertreten werden könnten, wenn politische Vertreter bewusst von Diskussionsformaten ausgeschlossen werden oder wenn Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung unter erheblichen sozialen oder beruflichen Druck geraten. Solche Entwicklungen führen nicht zu mehr Demokratie, sondern eher dazu, dass sich Positionen in abgeschlossene Räume zurückziehen. Genau dort entstehen dann die Radikalisierungstendenzen, die man eigentlich vermeiden wollte.

Kurz gesagt:
Unsere Demokratie wird nicht durch abweichende Meinungen gefährdet – sondern dort, wo der offene Meinungsaustausch durch Druck, Ausgrenzung und informelle Sanktionen ersetzt wird.

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