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Rudolf Henke
CDU

Frage an Rudolf Henke von Xevfgvan Zregra bezüglich Bildung und Erziehung

08. Mai 2020 - 09:37

Sehr geehrter Herr Henke!

Zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie auf meine Anfrage geantwortet haben.

Auf Ihre Antworten möchte ich gerne Stellung nehmen, insbesondere zum Thema "Kinder & Covid-19":

-> Kinder haben nicht nur ein Recht auf Bildung, sondern auch die Pflicht zum Schulbesuch
-> Kinder haben das Recht auf Erholung und Spiel
-> Kinder müssen vor körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt geschützt werden

Diese Rechte wurden in den letzten Wochen massiv verletzt. Kinder, die in Familien leben, wo ihr Kindeswohl gefährdet ist, hat man einfach vergessen und sich und diese Familien sich selbst überlassen.

Anfangs, als die Gefährlichkeit des Virus noch nicht bekannt war, hatte ich durchaus Verständnis, für die "Maßnahmen".

Mittlerweile ist aber seit Wochen durch Wissenschaftler weltweit nachgewiesen worden, dass es sich bei "Sars-Cov2 nicht um eine allen todbringende Seuche handelt, wie Herr Lauterbach mehrfach in der Presse zitiert wurde.

Herr Drosten warnt weiterhin davor, dass Kinder ein unkalkulierbares Risiko als "Infektionsbeschleuniger" darstellen.

Die über folgenden Link abrufbare Analyse zum Infektionsrisiko für und durch Kinder sollte sich jeder, der sich um das Wohl der Kinder sorgt, einmal anschauen: https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/corona-sind-kinder-nun-doch-virenschleudern/

So eine Analyse würde ich mir von der Bundes- und den Landesregierungen wünschen.

Warum öffnen die Schulen in Österreich und der Schweiz in Kürze wieder und zwar ohne verstörende Abstandsregeln?

Warum hat man in Island und Schweden die Kitas und Grundschulen die ganze Zeit über geöffnet gelassen?

Alle bisherigen Studien und Beobachtungen unterstützen die Annahme, dass Kinder bzw. Kinder in der Schule die Epidemie nicht unterhalten wird. Aktuelle Studiendaten gibt es beispielsweise aus Holland und Australien. In Schweden sind die Fallzahlen bei unter 20-Jährigen gleich wie in anderen Ländern, obwohl die Schulen nie geschlossen wurden.

Alle Länder mit verfügbaren Fallzahlen zeigen das gleiche Bild: Bis ins Alter von ca. 15 Jahren sind Abstrich-positive Fälle mit weniger als 1% aller Betroffenen selten. Es gibt mehrere wissenschaftliche Erklärungsansätze. Dazu gehören eine geringere Expression des Rezeptors (Andockstelle) für SARS-CoV-2 an Atemwegszellen und das Fehlen einer überschiessenden Immunantwort.

Kinder werden selten infiziert und infizierte Kinder sind selten Indexpersonen für die Weiterverbreitung des Virus.

Quelle: https://www.kinderaerzteschweiz.ch/Fuer-Mitglieder/Coronavirus---COVID-19

Wie verhält es sich eigentlich mit den Infektionen von Kindern in den letzten Wochen, seit die Notbetreuungen eingerichtet sind?

Die Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten (Pflegepersonal, Ärzte, Kassierer, Polizisten), die ja zu besonders vielen Menschen Kontakt haben und somit besonders gefährdet sind, sich anzustecken, sind ja demnach ebenfalls einem höheren Risiko ausgesetzt.

Wie viele Kinder und Erzieher haben sich in Kitas angesteckt? Wurden Infektionsketten erstellt, aus denen zu entnehmen ist, wo sich Kinder und Erzieher/Lehrer angesteckt haben?

Wurden Notkitas oder Notbetreuungen in Schulen geschlossen, weil Kinder oder Erzieher/Lehrer positiv getestet worden sind?

Man hört und liest nichts davon...

Das RKI hat ja leider die letzten Wochen nicht genutzt, um eigene Studien zu erstellen. Aber die vorhandenen Studien zeigen einen klaren Weg auf.

Die gerade verabschiedeten "Lockerungen" begrüße ich durchaus, aber es ist an der Zeit, den Kindern ihr Recht auf Bildung und Spiel uneingeschränkt wieder zuzugestehen - ohne Einschränkung und schädliche sowie praktisch nicht umsetzbare Regeln.

Mit freundlichen Grüßen,
Xevfgvan Zregra

Frage von Xevfgvan Zregra
Antwort von Rudolf Henke
18. Mai 2020 - 15:58
Zeit bis zur Antwort: 1 Woche 3 Tage

Sehr geehrte Frau Merten,
verbindlichen Dank für Ihre Erwiderung vom 8. Mai. Es geht erneut um das Übertragungspotenzial von Kindern beim neuartigen Coronavirus „SARS-CoV-2“ und damit verbunden die Verhältnismäßigkeit von vorübergehenden Einrichtungsschließungen ab Mitte März.

Zunächst zur medizinisch-wissenschaftlichen Dimension: Natürlich ist mir bekannt, dass die Altersgruppe der Minderjährigen im bisherigen nationalen und internationalen Infektionsgeschehen zum Glück mit niedrigen Fallzahlen und milderen Erkrankungsverläufen auffällt. Laut RKI-Lagebericht vom 17. Mai machen Kinder unter 10 Jahren nur 1,9% aller bisher übermittelten COVID-19-Fälle in Deutschland aus und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren 4,3% aller hiesigen Fälle. Nur drei der bis dato 7.914 Verstorbenen waren jünger als 20 Jahre. Im RKI-Lagebericht finden Sie auch tagesaktuell die gesuchten Fallzahlen, wie viele Minderjährige sich in Kitas, Schulen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen nach § 33 Infektionsschutzgesetz angesteckt haben (bisher 1.946).

Der Hinweis in meiner letzten Nachricht, dass es bislang an abschließender wissenschaftlicher Sicherheit zum geringeren Übertragungspotenzial von Kindern fehlt, hat offenbar nicht überzeugt. Ich probiere es gerne mit einem neuen Zitat aus einem Fachartikel im Deutschen Ärzteblatt vom 8. Mai: „Zusammenfassend unterstützt eine zunehmende Anzahl an Studien die Annahme, dass Kinder seltener und milder an SARS-CoV-2 erkranken und zudem die Erkrankung seltener übertragen. Der Nutzen der Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten ist deshalb kritisch zu hinterfragen.“ (S. 994) Wie Sie dieser Aussage entnehmen können, liegt der Wesenskern von Wissenschaft im schrittweisen Erkenntnisgewinn durch das Ausschließen von vorläufigen Unsicherheiten. Stand heute kann kein Wissenschaftler der Welt eine abschließende Bewertung zur Übertragungsgeneigheit verschiedener Altersgruppen oder zu medizinischen Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung abgeben. Das gilt zum Beispiel auch dafür, wie häufig Kinder als symptomfreie und damit unentdeckte Virusträger fungieren oder welche Rolle Grunderkrankungen bei Kindern spielen. Von einer „allen todbringende[n] Seuche“ hat meines Wissens übrigens nie ein Wissenschaftler gesprochen. Die bisher rund 310.000 Todesfälle weltweit und davon etwa 157.000 in Europa sprechen für sich. Zuletzt: Entgegen Ihrer Darstellung hat das Robert Koch-Institut Anfang April drei eigene großangelegte Studien gestartet, um das SARS-CoV-2-Geschehen in Deutschland detailliert zu untersuchen (siehe RKI-Pressemitteilung vom 9. April).

Nun zur kinder- und bildungspolitischen Dimension Ihrer Nachricht: Natürlich ist das Recht auf Bildung und Beschulung ein hohes Gut. Das kann aber nicht bedeuten, ihm automatisch und immer einen Vorrang vor dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit einzuräumen. Als Mitte März ein exponentielles Wachstum der Ansteckungszahlen und ein Kontrollverlust der zu unterbrechenden Kontaktketten drohten, haben sich Bund und Länder – im Bewusstsein des medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnismangels – zurecht vorerst für den vorsorglichen Gesundheitsschutz entschieden. So sieht es der „Nationale Pandemieplan“ von 2017 in Phasen anhaltender Übertragung in der Bevölkerung vor. Mit zunehmender Kontrolle über das Infektionsgeschehen und zunehmender wissenschaftlicher Sicherheit mehrten sich die Stimmen, die sich für die behutsame Öffnung von Kitas und Schulen aussprachen. Daher finde ich es nur folgerichtig, dass sich Bund und Länder am 15. April entsprechend verständigten. In NRW haben die Landesregierung und die kommunalen Spitzenverbände in der vergangenen Woche gemeinsam Leitlinien für den Infektionsschutz an Schulen erarbeitet. In diesem Sinn tritt aktuell das Recht auf Bildung und soziale Teilhabe wieder stärker in der Vordergrund.

Mit freundlichen Grüßen nach Monschau

Rudolf Henke MdB