Sind sie für die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung? Und wenn ja, bezieht sich die Lebenserwartung auf Beamte und Politiker oder die der körperlich hart arbeitenden Bevölkerung?
Sehr geehrte Frau H.,
zuerst möchte ich Sie um Verständnis bitten, dass ich Ihre Frage erst heute beantworte.
Grundsätzlich halte ich es für richtig, bei der Frage des Renteneintrittsalters auch die Entwicklung der Lebenserwartung und der Lebensarbeitszeit zu berücksichtigen. Aber für mich bedeutet das ausdrücklich nicht, einfach für alle Menschen gleichermaßen das Rentenalter immer weiter anzuheben.
Entscheidend ist vielmehr, welche Belastungen ein Mensch während seines gesamten Berufslebens zu tragen hatte. Wer über Jahrzehnte körperlich schwer gearbeitet hat oder dauerhaft besonderen psychischen oder geistigen Belastungen ausgesetzt war, muss andere Möglichkeiten für einen früheren Ruhestand haben als jemand, dessen Tätigkeit auch in höherem Alter noch gut ausgeübt werden kann.
Ich kann das auch aus meiner eigenen Berufsbiografie nachvollziehen. Ich habe eine Ausbildung zum Fliesenleger gemacht und viele Jahre körperlich gearbeitet. Später habe ich mich weitergebildet, andere berufliche Aufgaben übernommen und arbeite heute als Abgeordneter überwiegend geistig. Auch diese Arbeit ist fordernd, aber auf eine andere Art. Genau daran sieht man, dass sich eine Erwerbsbiografie nicht immer sauber in die Kategorien „körperliche Arbeit“ oder „Büroarbeit“ einteilen lässt.
Deshalb halte ich es für sinnvoller, stärker auf die gesamte Lebensarbeitszeit, die tatsächliche Belastung und die individuelle Erwerbsbiografie zu schauen. Wer schon sehr früh ins Berufsleben eingestiegen ist und über viele Jahre körperlich belastende Arbeit geleistet hat, muss anders betrachtet werden als jemand, der später ins Erwerbsleben eingestiegen ist und überwiegend unter weniger körperlich belastenden Bedingungen gearbeitet hat.
Solche Unterschiede berücksichtigen wir heute bereits bei bestimmten Berufsgruppen. Diesen Gedanken halte ich grundsätzlich für richtig und würde ihn eher weiterentwickeln.
Deshalb würde ich die Frage auch nicht darauf reduzieren, ob wir die Lebenserwartung von Beamten, Politikern oder körperlich arbeitenden Menschen zugrunde legen. Maßstab kann eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung sein – aber die Konsequenzen daraus dürfen nicht für jeden Beruf und jede Erwerbsbiografie dieselben sein.
Und selbstverständlich nehme ich Politiker dabei nicht aus. Wo eine Tätigkeit gesundheitlich und persönlich auch länger zumutbar ist, kann man über eine längere Lebensarbeitszeit sprechen. Wo jahrzehntelange körperliche, psychische oder geistige Belastungen das nicht zulassen, braucht es faire Möglichkeiten für einen früheren Renteneintritt.
Für mich ist deshalb nicht allein das Lebensalter entscheidend, sondern die Frage, wie wir Lebensarbeitszeit gerecht gestalten.
VG Matthias Herzog

