Wie stehen Sie zu einer EU-Strategie, die durch Kooperation mit Indien und China Europas Unabhängigkeit stärkt und zugleich den Friedensprozess in der Ukraine unterstützt?
Europa steht vor geopolitischen Herausforderungen: Die Abhängigkeit von den USA wächst, während der Ukraine-Krieg anhält. Eine verstärkte Kooperation mit Indien und China könnte neue Handlungsspielräume schaffen. Indien ist ein neutraler Vermittler mit guten Beziehungen zu Russland und dem Westen, während China wirtschaftlichen Einfluss auf Russland hat. Durch gezielte Zusammenarbeit könnte die EU ihre wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unabhängigkeit stärken und gleichzeitig Druck auf Russland für Friedensverhandlungen erhöhen. Welche Chancen sehen Sie in einer solchen Strategie, und wie könnte sie konkret umgesetzt werden?
Sehr geehrter Herr B.,
entschuldigen Sie bitte, dass Ihre Frage bisher unbeantwortet geblieben ist – an Aktualität hat sie jedoch nichts verloren.
Tatsächlich steht die Europäische Union vor der Aufgabe, sich in einer veränderten geopolitischen Weltordnung neu aufzustellen. Der anhaltende russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, wachsende globale Machtverschiebungen und neue Abhängigkeiten machen deutlich, dass Europa seine außen-, sicherheits- und wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit stärken muss. Dazu gehört auch, in Einzelfragen mit Akteuren zusammenzuarbeiten, die unsere Werte nicht in allen Punkten teilen.
So verstehe ich auch den Ansatz einer vertieften Zusammenarbeit mit Indien, etwa im Rahmen des geplanten Handelsabkommens. Indien ist ein wichtiger globaler Akteur, wirtschaftlich dynamisch und geopolitisch eigenständig positioniert. Ein solches Abkommen kann neue wirtschaftliche Spielräume für Europa eröffnen und zugleich politische Gesprächskanäle stärken. Im Europäischen Parlament werden wir das Abkommen genau prüfen – insbesondere im Hinblick auf soziale, ökologische und geopolitische Auswirkungen – und anschließend darüber entscheiden.
Im Verhältnis zu China gilt weiterhin: China ist zugleich Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale. Für die Lösung globaler Herausforderungen – vom Klimaschutz bis zur Stabilität der Weltwirtschaft – bleibt Zusammenarbeit notwendig. Gleichzeitig müssen wir Abhängigkeiten reduzieren, europäische Interessen klar benennen und unsere Resilienz stärken. Die EU sollte hier fallweise um ausgewogene Lösungen ringen: nicht naiv, aber auch nicht dogmatisch.
Eine solche strategische Offenheit kann dazu beitragen, Europas wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unabhängigkeit zu stärken und zusätzlichen diplomatischen Einfluss zu gewinnen. Entscheidend ist dabei, dass Europa geschlossen auftritt, seine eigenen Werte und Interessen selbstbewusst vertritt und Kooperation immer an klare Bedingungen knüpft.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Ecke

