Julia Schramm
PIRATEN

Frage an Julia Schramm von Fira Ervgznle bezüglich Familie

07. Mai 2010 - 19:41

Sehr geehrte Frau Schramm,

welche Vorstellungen und Ziele verfolgt die Piratenpartei in der Familienpolitik?
Wie definiert die Piratenpartei den Begriff Familie?

Für Ihre Antworten bedanke ich mich vorab.

Sven Reitmayr

Frage von Fira Ervgznle
Antwort von Julia Schramm
08. Mai 2010 - 11:01
Zeit bis zur Antwort: 15 Stunden 19 Minuten

Sehr geehrter Herr Reitmayr.

Danke für ihre Frage. Die Piratenpartei versteht sich als liberale und tolerante Partei und unterstützt Selbstbestimmung, gerade in Bezug auf das Privatleben und sexuelle Orientierung, so dass wir ein offenes Familienbild vertreten. Homosexuelle Paare dürfen nicht länger auf Grund ihrer sexuellen Identität schlechter gestellt sein. Auch das Adoptionsrecht muss angepasst werden, so dass homosexuelle Paare grundsätzlich auch als Paar Kinder adoptieren können und nicht mehr unter Nachteilen leiden müssen.

Familie kann und darf nicht nur über eine Blutsverwandschaft definiert werden - Familie bedeutet vielmehr füreinander einzustehen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu lieben - in guten wie in schlechten Zeiten. Natürlich ist an dem Spruch "Blut ist dicker als Wasser" etwas dran, aber gerade in unseren globalisierten postmodernen Zeiten ist ein klassisches Familienbild nicht mehr als Maß der Dinge anzusehen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welche Menschen er als seine Familie versteht und verstehen will. Natürlich unterstützen und tolerieren wir auch "konservative" Familienstrukturen - nur dürfen alternativen Lebensführungen nicht strukturell benachteiligt werden. Zusammenhalt und Solidarität sollten abgesehen davon auch generell über die Grenzen der eigenen Verwandschaft hinaus gehen.

Selbstverständlich findet eine sexuelle Selbstbestimmung ihre Grenzen im Kinder- und Jugendschutz. Jedoch ist die Vorstellung, dass jede Abweichung von der gesellschaftlichen Norm der Heterosexualität gleichbedeutend mit Pädophilie sei, haltlos, diskriminierend und zu bekämpfen!

Grundsätzlich denke ich, und befinde mich da auf festem wissenschaftlichen Boden, dass die sexuelle Orientierung, die in der Pubertät ausgebildet wird zunächst einmal anzuerkennen ist. Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen muss jedoch strafbar bleiben - an dieser Stelle wiegt der Schutz des Kindes höher als die Selbstbestimmung der sexuellen Orientierung.

Was in diesem Zusammenhang interessant und diskussionswürdig erscheint, ist Artikel 6 GG und die dazugehörige Rechtssprechung des Bundesverfassungsgericht.

Während Artikel 6 GG die Definition von Ehe und Familie unterlässt, hat das Bundesverfassungsgericht die Ehe als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau definiert - eine veraltete Entscheidung! Ehe bedeutet eine Vertrauens- und Versorgungsgemeinschaft - nicht mehr und nicht weniger.

Was mir in diesem Zusammenhang noch besonders am Herzen liegt ist die gesellschaftliche (und rechtliche) Anerkennung von Menschen, die ihren Kindern zu liebe zu Hause bleiben. Sowohl Männer als auch Frauen, die sich für diesen kinderfreundlichen Weg entscheiden, werden in unserer Gesellschaft immer noch für ihre "arbeitslose" Lebensweise belächelt, als sei sozial verträgliche Kinder zu erziehen keine Arbeit und vor allem keine Leistung!!!!!! Doch gerade das Wohl der Kinder muss uns am Herzen liegen, auch wenn es abgedroschen klingt. Deswegen setzen wir uns für bessere Schulen und kostenlose und gute (Aus-) Bildung ein.

Sie sehen, dass sich hier viele Themenkomplexe kreuzen - grundsätzlich gilt: Jeder nach seiner façon! Liebe und Sexualität, Vertrauen und Zusammenhalt sind komplexe Dinge, denen nicht mit einfachen Formeln wie Heterosexualität, Monogamie und "Vater, Mutter, Kind, Reihenhaus und Hund" zu begegnen ist.

Ich hoffe, dass ich ihnen einen umfassenden Einblick in meine Auffassung des Familienbildes der Piratenpartei vermitteln konnte und bedanke mich für ihr Interesse!

Mit freundlichen Grüßen,
Julia Schramm