Die AfD steht doch für den freien (Arbeits-)Markt? Oder: Wie Niveauverlust vom Staat gefördert wird
Sehr geehrter Herr Dr. Frömming,
erlauben Sie eine genuine Sachfrage: Wie positionieren Sie sich persönlich zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG)? Als promoviertem Mediävisten ist Ihnen das Grundproblem der Geschichtswissenschaft bestens geläufig: Die Studierendenzahlen sanken dort in zwei Dekaden um fast 40 %. Zudem verlassen 85 % der Postdoktoranden das akademische System. Nach sechs Jahren droht trotz geringer Teilzeitquote die manifeste Arbeitslosigkeit (trotz 0,5, 0,75-Noten!). Die Erosion des deutschen Geisteslebens agiert schleichend, langfristig jedoch fatal. Ist es vermittelbar, dass Forschende, welche Drittmittel eigenständig akquirieren, infolge der rigiden Befristungshöchstgrenze exkludiert werden müssen? Erfordert dieses Arbeitsrecht nicht eine dringliche Novellierung bzw. Sonderklauseln? Viele junge, hochtalentierte Akademiker „fliehen“. Der Niveauverlust in den Geisteswissenschaften lässt sich nicht mehr leugnen.
Mit bestem Dank
Dr. K. M.
Sehr geehrter Herr Dr. L.,
ich bedanke mich für Ihre Frage zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz, zu dessen Bestimmungen und Auswirkungen ich mich mehrfach öffentlich geäußert habe, z.B.
in der Plenarrede vom 14. Februar 2020
https://dserver.bundestag.de/btp/19/19147.pdf?utm_source=openai S. 18427 B
und in der Plenarrede vom 24. Juni 2021
https://dserver.bundestag.de/btp/19/19236.pdf?utm_source=openai S. 30624 C
Ihre Frage beantworte ich somit differenziert: ich sehe durchaus, dass viele Doktoranden von ihren Professoren ausgebeutet werden, dennoch ist es sinnvoll, die Phase der Qualifizierung während der Promotion zu befristen. Qualifizierungsstellen können keine Dauerstellen sein und auch für zeitlich begrenzte Drittmittelprojekte sollte man keine dauerhaften Lebenszeitstellen schaffen.
Die hohe Zahl befristeter Verträge ist auch nicht primär auf das Gesetz, sondern auf die Hypertrophie des Hochschulwesens zurückzuführen. Zudem kann eine starke Einschränkung der Befristungsmöglichkeiten auch dazu führen, dass viele derzeit befristet Beschäftigte künftig überhaupt nicht mehr eingestellt würden.
Befristungen ermöglichen damit nachfolgenden Generationen von Studenten und Wissenschaftlern die notwendigen Qualifizierungsmöglichkeiten.
Durchaus sinnvoll ist jedoch eine stärkere staatliche Grundfinanzierung der Hochschulen und ein solider wissenschaftlicher Mittelbau, was auch mehr reguläre akademische Stellen bedeuten würde.
Die von Ihnen zu Recht festgestellte „Erosion des deutschen Geisteslebens“ lässt sich allerdings nicht wesentlich auf die Bestimmungen des Wissenschaftszeitvertragsgesetz zurückführen. Das hat andere und schon länger zurückreichende Gründe.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Götz Frömming

