Stellungnahme und Kurskorrektur zur Abwertung psychotherapeutischer Leistungen. Was halten sie davon?
Guten Tag,als Fachärztin für psychosomatische Medizin bin ich getroffen und irritiert über die beschlossene Abwertung psychotherapeutischer Leistungen. Es ist erwiesen,dass Psychotherapie sich volkswirtschaftlich auszahlt. Die angeschlagene Coronageneration, Krisen der Welt und lange Wartezeiten belegen den hohen Bedarf, der Renteneintritt älterer Psychotherapeuten und die missglückte Ausbildungsreform verengen das Nadelöhr zur Therapie. Das Einkommen der Therapeuten ist ohnehin Schlusslicht im Facharztvergleich. Die Abwertung ist eine persönliche Entwertung meiner Arbeit und Person und aller psychisch Kranken. Überlegungen mehr PKV statt GKV zu behandeln oder zurück in eine Anstellung zu gehen, sind die Folge, der Facharzt verliert an Attraktivität, die Versorgung wird sicher schlechter. Längere AUs und Krankenhausbehandlungen statt amb. Therapie führen die kurzfristige Kostenkalkulation ad absurdum. Was halten sie davon? MFG Grünen Mitglied Laila G.
Guten Tag Frau G.,
vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihre offenen, persönlichen Worte. Als Fachärztin für psychosomatische Medizin sprechen Sie aus einer Perspektive, die ich sehr ernst nehme. Die von Ihnen geschilderte Abwertung psychotherapeutischer Leistungen halte ich für ein falsches und problematisches Signal – sowohl gegenüber den Behandelnden als auch gegenüber den vielen Menschen, die auf eine verlässliche und qualitativ hochwertige Versorgung angewiesen sind.
Gerade vor dem Hintergrund der Belastungen der vergangenen Jahre – von der Pandemie bis hin zu globalen Krisen – ist der Bedarf an psychotherapeutischer Unterstützung deutlich gestiegen. Das erleben wir auch konkret hier in Freiburg: Lange Wartezeiten, eine hohe Nachfrage und gleichzeitig strukturelle Engpässe verschärfen die Versorgungssituation zunehmend. Wenn nun finanzielle Vergütungen verschlechtert werden, besteht die reale Gefahr, dass sich diese Situation weiter zuspitzt – mit allen von Ihnen beschriebenen Folgen, etwa einer Verlagerung hin zu stationären Behandlungen oder längeren Arbeitsunfähigkeiten.
Aus grüner Sicht ist klar: Psychische Gesundheit muss denselben Stellenwert haben wie körperliche Gesundheit. Dazu gehört eine angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen ebenso wie gute Arbeitsbedingungen für Therapeutinnen und Therapeuten. Auf Landesebene setzen wir uns daher für eine Stärkung der ambulanten Versorgung, den Ausbau von Ausbildungsplätzen sowie bessere Rahmenbedingungen für den Berufsnachwuchs ein. Auch die Bedarfsplanung muss perspektivisch weiterentwickelt werden, damit sie den realen Versorgungsbedarf besser abbildet.
Gleichzeitig ist es wichtig, die Zuständigkeiten klar zu benennen: Die konkrete Ausgestaltung der Vergütung in der gesetzlichen Krankenversicherung wird auf Bundesebene geregelt, insbesondere durch Institutionen wie den Gemeinsamen Bundesausschuss und die Kassenärztliche Selbstverwaltung. Das Land Baden-Württemberg hat hier leider nur begrenzte direkte Einflussmöglichkeiten. Dennoch bringen wir uns über politische Initiativen und den Bundesrat aktiv in diese Debatten ein.
Die Grüne Bundestagsfraktion hat sich wiederholt für eine bessere Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit eingesetzt – etwa durch den Ausbau von Therapieplätzen, eine Reform der Bedarfsplanung und eine Stärkung der Prävention. Eine Politik, die kurzfristig Kosten senken will, aber langfristig höhere gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Belastungen in Kauf nimmt, halten wir für nicht zielführend.
Ihre Sorge, dass die Attraktivität des Fachgebiets leidet und sich die Versorgung weiter verschlechtert, teile ich ausdrücklich. Es braucht hier dringend eine Kurskorrektur. Psychotherapeutische Arbeit verdient Anerkennung – ideell wie materiell.
Vielen Dank, dass Sie dieses wichtige Thema so deutlich ansprechen.
Mit freundlichen Grüßen
Daniela Evers MdL

