Berlin, 03.09.2026 – Tempelhofer Feld, A100, Enteignung, KI-Überwachung: Im Berliner Wahlkampf wird um wenige Themen so hart gerungen wie um diese vier. Doch gerade bei diesen brisanten Themen decken sich die Positionen der Spitzenkandidierenden für die Abgeordnetenhauswahl und ihr Wahlprogramm nicht immer. Und auch innerhalb der Direktkandidierenden einer Partei gibt es deutliche Unterschiede in der Einschätzung zentraler Fragen. Genau diese Differenzen macht der kandidierendencheck, das Wahlhilfeangebot der unabhängigen Transparenzorganisation abgeordnetenwatch, sichtbar.
Mit dem kandidierendencheck zur Berlin-Wahl am 20. September bietet abgeordnetenwatch eine Wahlhilfe für die Erststimme an. Dafür hat abgeordnetenwatch alle 670 Direktkandidierenden um ihre Positionierung zu 21 zentralen Fragen der Landespolitik gebeten. Die Spitzenkandidierenden aller aktuell im Berliner Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien haben am Check teilgenommen. Die jetzige Auswertung macht sichtbar, wo diese gegen die Mehrheit ihrer eigenen Direktkandidierenden oder das eigene Wahlprogramm stehen. Die auffälligsten Befunde:
AfD: Brinker gegen die Randbebauung des Tempelhofer Felds und gegen das eigene Programm
Ob am Rand des Tempelhofer Felds Wohnungen gebaut werden sollen, ist eine der emotionalsten Fragen des Wahlkampfs. AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker lehnt eine Bebauung ab, anders als die relative Mehrheit der teilnehmenden AfD-Direktkandidierenden, unter denen die Zustimmung mit 22 zu 17 Stimmen überwog (acht Kandidierende positionierten sich neutral).
Die Kandidierenden der AfD sind bei diesem Thema insgesamt gespalten: 47 Prozent befürworten die Randbebauung, 36 Prozent lehnen sie ab, 17 Prozent bleiben neutral. Auch das AfD-Wahlprogramm spricht sich für Wohnungsbau auf Teilen des Felds aus, allerdings geknüpft an einen erneuten Volksentscheid. Spitzenkandidatin Brinker steht mit ihrer Position somit gegen die am Merheitsposition der Direktkandidierenden und auch gegen die Linie ihres Programms.
FDP: Meyer für KI-Videoüberwachung, anders als die FDP-Direktkandidierenden
Bei der Frage nach KI-gestützter Videoüberwachung an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen durch die Polizei liegt FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer auf der Linie seines Wahlprogramms, das intelligente Videoüberwachung an kriminalitätsbelasteten Orten fordert. Doch die Basis der Direktkandidierenden sieht das differenzierter: Nur 19 Prozent der teilnehmenden FDP-Direktkandidierenden stimmen der These zu, während 44 Prozent sie ablehnen und 37 Prozent neutral bleiben. Meyer gehört damit zur Minderheit in seiner eigenen Partei.
Bei anderen Positionen sind sich die Spitzenkandidierenden und ihre möglichen künftigen Fraktionskolleg:innen sehr einig: Beim Weiterbau der A100 etwa vertreten alle ausgewählten Spitzenkandidat:innen jeweils die klare Mehrheitsposition ihrer Partei: CDU, AfD und FDP befürworten den Ausbau mit großer Mehrheit, Grüne, Linke und SPD lehnen ihn ab.
Bei der Frage nach einer Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen folgen die Spitzenkandidat:innen überwiegend der vorherrschenden Position der Direktkandidierenden. Weniger eindeutig in der Frage: die SPD. Spitzenkandidat Steffen Krach lehnt die Vergesellschaftung im kandidierendencheck ab – wie rund 41 Prozent der SPD-Kandidierenden (bei 33 Prozent Zustimmung und 26 Prozent Enthaltungen). Damit positioniert sich Krach hier deutlicher als das Wahlprogramm der Berliner SPD, das eine Vergesellschaftung nicht ausdrücklich benennt und allgemein davon spricht, „alle rechtlichen Möglichkeiten" nutzen zu wollen, „auch solche, die uns die Verfassung bietet".
Wie aussagekräftig der Vergleich der Direktkandidierenden einer Partei ist, ist auch davon abhängig, wie viele Kandidierende am Check teilnehmen. Insgesamt haben sich 73 Prozent der 670 Direktkandidierenden am kandidierendencheck beteiligt, jedoch mit großen Unterschieden je nach Parteizugehörigkeit: Bei den Grünen sind es 94 Prozent, bei der Linken 91 Prozent, bei SPD (74 Prozent), FDP (70 Prozent) und AfD (60 Prozent) jeweils eine klare Mehrheit. Die CDU-Kandidierenden beteiligen sich mit 49 Prozent am seltensten.