Fast unbemerkt sind ehemalige Regierungsmitarbeiter:innen zu Banken, Rüstungskonzernen und Lobbyagenturen gewechselt. Recherchen von abgeordnetenwatch zeigen, warum sie dort besonders gefragt sind.
Seit dem Amtsantritt der Regierung Merz im Mai 2025 wechselten mindestens 16 frühere Ministeriumsmitarbeiter:innen in Lobbyjobs, darunter hochrangige Führungskräfte.
Ein Ex-Abteilungsleiter im Forschungsministerium ist inzwischen Lobbyist für ein Unternehmen, das auf eine Millionen-Förderung aus dem Forschungsministerium hofft.
Ein früherer Abteilungsleiter im Verkehrsministerium lobbyiert jetzt für Tank & Rast, ein persönlicher Referent des damaligen Verkehrsministers wurde Lufthansa-Lobbyist.
Karenzzeiten greifen oft nicht: Tarifbeschäftigte können oft nahtlos als Lobbyist:innen arbeiten, selbst in früheren Themenfeldern.
Ministerien und Unternehmen wollten sich zu entsprechenden Lobbykontakten nicht äußern.
Als Friedrich Merz und seine Minister:innen am 6. Mai 2025 vereidigt wurden, begann in den Ministerien das große Stühlerücken. Die neuen Regierungsmitglieder brachten eigene Leute mit, Vertraute und loyale Fachleute.
Während sich die Neuen in den Ministerien einarbeiteten, orientierten sich manche ihrer Vorgänger:innen ebenfalls neu – als Lobbyist:innen. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit haben in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche frühere Beschäftigte der Bundesministerien die Seiten gewechselt. Nach Recherchen von abgeordnetenwatch nahmen seit der Regierungsübernahme von Union und SPD mindestens 16 frühere Mitarbeiter:innen eine Lobbytätigkeit auf, darunter zwei Staatssekretär:innen, mehrere Abteilungs- und Referatsleiter:innen (siehe Tabelle am Ende des Artikels). Dies geht aus Angaben im Lobbyregister hervor.
So wird eine frühere Referatsleiterin aus dem Umweltministerium inzwischen vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) bezahlt. Ein ehemaliger Abteilungsleiter aus dem Bundeswirtschaftsministerium lobbyiert heute für den Rüstungskonzern KNDS, ein früherer Abteilungsleiter aus dem Verkehrsministerium vertritt die Interessen der Autobahn Tank & Rast Gruppe.
Sie wissen, wen man im Ministerium anrufen muss
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Von Aktienvorsorgedepot bis Bankenfusion: Lobbyist:innen haben zahlreiche Anliegen beim Bundesfinanzministerium. Eine große Lobbyagentur hat kürzlich einen Ex-Referenten aus dem Ministerium verpflichtet – sowie den Amtsvorgänger von Minister Lars Klingbeil als "Senior Advisor".
Die Seitenwechsler:innen bringen neben Fachkenntnissen noch etwas anderes zu ihrem neuen Arbeitgeber mit: Wer längere Zeit in einem Ministerium tätig war, kennt nicht nur die informellen Abläufe, sondern weiß, wen man mit einem Anliegen anrufen muss.
Auch die international tätige Lobbyagentur Teneo hat sich Expertise aus einem Ministerium geholt. Anfang des Jahres begann Louis Fuhrmann, bis dahin Referent im Bundesfinanzministerium (BMF), seinen Job als “Senior Consultant”. Teneo lobbyiert unter anderem für die Großbank UniCredit. Für den Online-Broker Trade Republic ist die Agentur zum Thema Altersvorsorgedepot sogar direkt beim BMF aktiv.
Persönliche Gespräche “mit der Politik”
Fuhrmann ist laut Lobbyregister nicht persönlich für diese Kunden tätig. Sein Name ist aber an anderer Stelle vermerkt: als Lobbyist für die kanadische KI-Firma Cohere, die Anwendungen für den Finanzsektor entwickelt. Die Lobbytätigkeit bezieht sich ausdrücklich auf den “Interessenbereich Bank- und Finanzwesen”. Ob die Bemühungen auf das Bundesfinanzministerium gerichtet sind, geht aus dem Eintrag nicht hervor.
Man tausche sich „regelmäßig in direkten persönlichen Gesprächen mit der Politik aus“ und übermittle bei Bedarf Positionspapiere und Stellungnahmen, heißt es im Registereintrag von Teneo. Diese Dienstleistungen ließ sich Cohere im Jahr 2024 zwischen 100.000 und 150.000 Euro kosten.
Karenzzeit greift nicht
Wie konnte ein Referent des Finanzministeriums nahtlos zu einer Agentur wechseln, die beim Finanzministerium lobbyiert?
Um zu verhindern, dass frühere Amtskontakte in Lobbyjobs genutzt werden, sieht das Bundesbeamtengesetz eine Karenzzeit von bis zu sieben Jahren vor. Im Fall von Fuhrmann griff diese Regel jedoch nicht. Wie das Finanzministerium auf Anfrage erklärt, gelte für „Tarifbeschäftigte“ nicht das Beamtengesetz, sondern der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst – und der kennt keine Karenzzeit. Immerhin besteht die Pflicht, Dienstgeheimnisse zu wahren, selbst nach dem Ausscheiden.
Christian Lindner – Teil eines “einzigartigen Netzwerks”
Teneo wirbt auf seiner Website mit einem „einzigartigen, über Jahrzehnte aufgebauten Netzwerk“. Zu diesem gehört seit einigen Wochen auch Ex-Finanzminister Christian Lindner. Er soll „das Wachstum und die Leistungsfähigkeit des Unternehmens in Europa und weltweit ausbauen“. Lindners Tätigkeit für Teneo bewertete die Bundesregierung als derart problematisch, dass sie eine 16-monatige Karenzzeit verhängte, die im März endete.
Sind Lindner und Fuhrmann direkt oder indirekt in Vorgänge eingebunden, bei denen es um die Interessenvertretung gegenüber dem Bundesfinanzministerium geht? Teneo ließ diese und andere Fragen unbeantwortet.
Förder-Milliarden für eine Branche in Goldgräberstimmung
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Das Start-up Proxima Fusion plant ein Kernfusionskraftwerk in Bayern und hofft auf Fördermillionen aus dem Forschungsministerium – für das bis vor Kurzem ein Lobbyist des Unternehmen tätig war (im Bild: CEO Francesco Sciortino rechts neben Ministerpräsident Markus Söder am 26. Februar 2026).
Große Wachstumspläne hegen auch die Unternehmen aus dem Bereich der Fusionsenergie. Die junge Branche ist in Goldgräberstimmung, spätestens seitdem Union und SPD im Koalitionsvertrag ein ehrgeiziges Ziel ausgegeben haben: “Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen” – auch Dank staatlicher Förderung.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte unlängst an, der Freistaat wolle bis zu 400 Millionen Euro für den Bau des ersten kommerziellen Fusionskraftwerks in Europa beisteuern. Daran ist allerdings die Bedingung geknüpft, dass sich die Bundesregierung ebenfalls an den Gesamtkosten von geschätzt 2 Milliarden Euro beteiligt.
Zentraler Ansprechpartner für die Förderung ist das Bundesforschungsministerium (BMFTR) von Dorothee Bär (CSU). Ihre Behörde will mehr als zwei Milliarden Euro bereitstellen, die u.a. der “Unterstützung des Aufbaus neuer Forschungsinfrastrukturen und Technologiedemonstratoren” dienen soll. Ein Programm, das auch für das geplante Projekt von Proxima Fusion in Bayern relevant ist.
Ein Ex-Abteilungsleiter und ein Ex-Abgeordneter als Fusions-Lobbyisten
An dieser Stelle kommt Armin Reinertz ins Spiel. Reinertz war bis Mai 2025 Abteilungsleiter im Forschungsministerium. Inzwischen ist er nicht nur Vorstandsmitglied des Branchenverbands Pro Fusion, sondern seit Oktober 2025 auch Cheflobbyist („Head of German Policy“) von Proxima Fusion. Also jenem Unternehmen, das auf staatliche Fördermittel hofft.
Ob Reinertz als Lobbyist mit dem Forschungsministerium in Kontakt steht, ist unklar. Das BMFTR reagierte nicht auf eine Anfrage. Proxima Fusion kündigte eine Antwort an (die bis zum Erscheinen des Artikels noch nicht vorlag).
Früher Vertrauter des Verkehrsministers, heute Lufthansa-Lobbyist
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Guter Draht zur Bundesregierung: Damit das so bleibt, hat das Unternehmen von Lufthansa-Chef Carsten Spohr (rechts) den persönlichen Referenten des damaligen Verkehrsministers Volker Wissing als Lobbyisten verpflichtet (im Bild mit Verkehrsminister Schnieder und Kanzler Merz am 15. April 2026)
Wenn sich im Bundesverkehrsministerium jemand bestens auskennt, dann ist es Jim Würz. Drei Jahre lang war er persönlicher Referent des damaligen Verkehrsministers Volker Wissing (FDP). Jetzt ist er Lobbyist für Deutschlands größte Airline.
Drei Monate nach Wissing verließ Würz das Ministerium und heuerte im Juli 2025 bei der Lufthansa an. Er betreue vor allem das Thema Umwelt, gab das Unternehmen in einer Pressemitteilung an. Dass die Airline und ihr neuer “Manager Political Relations & Negotiations” auch Kontakt zum Verkehrsministerium pflegen, wäre zumindest naheliegend.
Plötzlich keine Einträge mehr im Lobbyregister
Bis Ende 2024 sind Kontakte im Lobbyregister gut dokumentiert: 13 Statements schickte die Airline ans Verkehrsministerium, Würz’ damaligen Arbeitgeber. Immer wieder ging es dabei um sogenannte Sustainable Aviation Fuel. Das Unternehmen will die Regulierung dazu aufweichen.
Eigentlich fällt genau das in Würz’ Bereich “Umwelt”. Ob sich der Lufthansa-Lobbyist bei seinen ehemaligen Kollegen im Ministerium gemeldet hat? Unklar. Laut Lobbyregister hat die Lufthansa seit Dezember 2024 angeblich keine Statements mehr an Ministerien oder den Bundestag verschickt. Auf Anfrage hierzu antwortete das Unternehmen bis Redaktionsschluss nicht.
Auf EU-Ebene jedenfalls gab es Kontakt. Im letzten “Politikbrief” von März 2026 berichtet der Vorsitzende des Lufthansa-Aufsichtsrats von einem Bittbrief an Ursula von der Leyen. Erfolgreich war das jedoch nicht: Eine Antwort habe er nicht erhalten.