Susanne Schaper
DIE LINKE

Frage an Susanne Schaper von Wöet Urzcry bezüglich Soziales

21. August 2019 - 10:27

Auf die These "Wer sich verpflichtet, für mindestens 10 Jahre auf dem Land zu praktizieren, soll bevorzugt zum Medizinstudium zugelassen werden (Landarztquote)." antworteten Sie mit: "Der Vorschlag widerspricht der Freiheit der Berufswahl."

Könnten Sie das bitte genauer erläutern? Inwiefern widerspricht das Konzept der geförderten Medizinerausbildung (aka Landarztquote) der freien Berufswahl? So wie ich die These verstehen, soll ein Angebot geschaffen werden, das einfacheren Zugang zum Medizinstudium gewährt, wenn man sich zur Gegenleistung verpflichtet. Es kann jeder frei entscheiden, ob er das Angebot annimmt oder auch nicht. Oder hat Die Linke eine andere Quote im Hinterkopf, dass ein gewisser Prozentsatz der hiesigen Medizinstudenten zum "Landarztdienst" verpflichtet werden sollen und Sie teilen nur an dieser Stelle den Standpunkt der Partei nicht? Das wäre tatsächlich ein Eingriff in die freie Berufswahl.

Frage von Wöet Urzcry
Antwort von Susanne Schaper
21. August 2019 - 11:48
Zeit bis zur Antwort: 1 Stunde 20 Minuten

Sehr geehrter Herr Urzcry,

wenn ein Auszubildender in einem privaten Unternehmen eine in der Regel dreijährige Berufsausbildung beginnt, steht es dem Azubi frei, ob er danach in dem Unternehmen verbleibt oder nicht. Unabhängig davon, ob er einen Übernahmevertrag oder einen Arbeitsvertrag im Laufe der Ausbildung unterzeichnet hat. Das dient dem Schutz des Rechts auf freie Berufswahl des Auszubildenden. Wenn jetzt der Staat junge Menschen mit Geld und erleichtertem Zugang zum Medizinstudium lockt und dann aber diese Menschen dazu verpflichten will, nach dem in der Regel mindestens 10 Jahre dauernden Studium sich im ländlichen Raum niederzulassen, sehe ich diesen Schutz für diese Personengruppe nicht gewährleistet. Das Medizinstudium ist vielseitig und bietet den Menschen, anders als eine Berufsausbildung, zahlreiche Möglichkeiten der Fachauswahl. Menschen im Alter von 18 bis 20 Jahren vor eine solche Entscheidung zu stellen, halte ich für den falschen Weg. In dem Alter können Sie gar nicht abschätzen, in welche Facharztrichtung sie gehen und ob sie wirklich einer selbständigen Tätigkeit als Arzt nachgehen wollen.

Anstatt also Menschen zu irgendetwas zu zwingen oder junge Menschen derart in ihren Entscheidungen zu beschränken, wäre es sinnvoller, das Konzept der Polikliniken und MVZ zu verfolgen. Hier können dann junge Ärzte in ein Anstellungsverhältnis gehen, so dass das unternehmerische Risiko und der bürokratische Aufwand bei Abrechnungen nicht bei den jungen Ärzten hängen bleibt. Die Gesellschaft hat sich auch im Bereich der Ärzteschaft geändert. Man möchte mehr Zeit für Freizeit und Familie. Das ist als selbständig tätiger Arzt nur schwer vereinbar.

Zudem dürfen wir medizinische Versorgung nicht mehr in Sektoren denken und müssen Infrastruktur im ländlichen Raum wieder aufbauen. Auch junge Mediziner brauchen Kita- und Schulplätze in Wohnortnähe für ihre Kinder, sowie Arbeitsplätze für ihre Lebenspartner. Eine Landarztquote blendet das alles aus, beschneidet Menschen in ihren Grundrechten und wird als Lösung nicht taugen. Schon jetzt gibt es Programme der Studienfinanzierung, bei denen Medizinstudenten 1.000 Euro monatlich für 75 Monate erhalten, wenn sie sich im Vorfeld für eine Niederlassung im ländlichen Raum entscheiden. Das Programm wird zwar gut angenommen. Aber nicht selten wechseln Studenten die Fachrichtung und stehen dann nicht mehr als Hausärzte im ländlichen Raum zur Verfügung, mit dem Ergebnis, dass sie die Förderung zurückbezahlen müssen.

Wer mehr Ärzte will, muss mehr Ärzte ausbilden. Denn wir haben den Arztmangel nicht nur im ländlichen Raum, sondern auch zunehmend in den Städten zu beklagen. Es müssen also Kapazitäten geschaffen werden. Des weiteren muss der Zugang zum Medizinstudium der Realität angepasst werden. Der numerus clausus von 1,0 sortiert Menschen aus, die vielleicht auf Grund einer einmaligen schlechten Leistung in einer Prüfung oder Klausur den Spitzenwert nicht mehr erreichen können. Viel wichtiger zur Eignung als Arzt ist auch die Frage, ob man mit Menschen umgehen kann. Das werden Sie in einem Zeugnis oder in einer Abschlussnote von 1,0 nicht herauslesen können.

Als Sofortmaßnahme ist es wichtig, Ärztinnen und Ärzte zurückzuholen und für Niederlassungen oder den medizinischen Dienst zu gewinnen, die in anderen Ländern oder Bereichen, wie beispielsweise dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen oder Laboren von Pharma-Unternehmen arbeiten.

All diese Maßnahmen sind meines Erachtens wesentlich besser geeignet, um den Arztmangel, im städtischen sowie ländlichen Raum zu begegnen.

Mit freundlichen Grüßen

Susanne Schaper