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Ralf Michalowsky
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Frage an Ralf Michalowsky von Ludwig S. bezüglich Gesundheit

Fragen:
1. In den letzten 10 Jahren sind ca 50000 Pflegestellen weggefallen. Die Krisensituation ist bekannt. Eine Lösung intendierte das Pflegeförderprogramm. Aber sowohl die mangelnde Nutzung sowie die steigende Belegungszahlen gleichen den positiven Effekt aus. Werden Sie sich für eine Verbesserung der Situation der Pflege auf Landes-, Bundes- und Einrichtungs- Ebene einsetzen? Wie wollen Sie das machen? Mit welchen Vorschlägen?
2. Bei neueren Erhebungen zur Pflegequalität stellt sich heraus, dass eine gute Pflegequalität häufig nicht mehr gewährleistet ist. Eine Untersuchung an 9 Akutkrankenhäusern und Psychiatrien im Raum Köln/Bonn hat ergeben, dass nur 4,3% immer der Pflegestandard einhalten können ( http://www.menschenwuerdigepflege.de ). Würden Sie sich für eine verbindliche (ausreichende) Personal-Pflege-Verordnung einsetzen (PPV), die die Einhaltung der Pflegestandards gewährleistet?
3. Die erlebte Diskrepanz zwischen gelernten Pflegeanforderungen und dem erfahrenen Pflegealltag, Stress durch Unterbesetzung, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und eine im Verhältnis zur Qualifikation zu geringe Bezahlung machen die Wahl des Pflegeberufes für junge Menschen unattraktiv. Wir haben jetzt schon einen Pflegekräftemangel vor allem in den Ballungsgebieten, der sich in Zukunft noch verstärken wird. Welche Maßnahmen halten Sie für erforderlich, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken?

Frage von Ludwig S. am
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Antwort vom
Zeit bis zur Antwort: 1 Tag 19 Stunden

Hier meine Antwort:

Die Situation ist sicher so wie beschrieben - wir sind eine alternde Gesellschaft und der Druck auf die Finanzierung der Pflege wird immer größer. Sowohl Pflegekassen als auch Sozialhilfeträger setzen alles daran, pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich zu Hause zu halten und insbesondere aus Kostengründen eine Heimaufnahme zu verhindern. Dies bedingt, dass die Bewohner in Pflegeeinrichtungen immer älter und kränker sind, wenn sie in die Einrichtungen gelangen.
Es sind in den letzten Jahren sehr viele Pflegeeinrichtungen errichtet worden, die sich zumindest jetzt und in den nächsten Jahren noch gegenseitig das Wasser abgraben und Lehrstände aufweisen. Das wird sich zukünftig mit wachsenden Zahlen alleinlebender Menschen sicher anders darstellen. Derzeit gibt es aber noch Lehrstände und vieles regelt sich über die Heimkosten. Die Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten der stationären Behandlung ab - und zwar auch nur den Teil der pflegerischen Aufwendungen. Die Unterbringungs- und Verpflegungskosten und auch die Investitionskosten müssen von den pflegebedürftigen Menschen bzw. ihren Angehörigen selbst getragen werden und die schauen auf die Kosten. Die Einrichtungen setzten derzeit alles daran den Preis zu drücken und das geht zulasten der Beschäftigten und der Bewohner (die Gefahr groß, dass an Qualität, Betreuung, Essen und allem gespart wird). Der Personalschlüssel in den Heimen ist immer weiter von Profis in Richtung an- und ungelernte Beschäftigte verändert worden. Die Verhandlung zu einem angestrebten Mindestlohn in dieser Branche ist auch immer wieder verschoben worden. Wir brauchen dringend in diesem Bereich einen festgelegten, angemessenen Personalschlüssel und qualifizierte Menschen in der Pflege. Derzeit ist noch ein zusätzlicher Trend, dass Menschen minimal qualifiziert werden und im Rahmen von Arbeitsgelegenheit für 1,50 € in Pflegeeinrichtungen im Bereich Alltagsbegleitung vom Demenzkranken eingesetzt werden.Das ist der falsche Weg, wir brauchen Menschen, die Spaß an der Arbeit haben und auch angemessen für diese sozial enorm wichtige Aufgabe bezahlt werden.Die Pflege von Menschen gehört zu den zentralen Feldern der kommunalen Daseinsvor- und fürsorge. Kommunen müssten finanziell durch eine umfassende Gemeindefinanzreform in die Lage versetzt werden auch städtische Pflegeheim wieder zu betreiben, wie es in der Vergangenheit gute Praxis war.
Derzeit wird viel über den Pflege-TÜV in Heimen geredet. Das Instrument in der derzeitgen Ausprägung ist nicht geeignet die Pflegequalität objektiv zu prüfen, vielmehr liegt hier ein viel zu großer Focus auf die Pflegedokumentation. Dadurch wird z. Zt., ausschließlich ein zusätzlicher Druck auf die Beschäftigten ausgeübt, die eh schon keine Zeit mehr haben sich angemessen um die Bewohner zu kümmern. Die Qualitätskriterien gehören dringend überarbeitet. Ein angemessener Personalschlüssel mit qualifizierten Mitabeiterinnen und Mitarbeitern ist das ganz wesentliches Qualitätsmerkmal, dies darf dann auch nicht mit anderen Themenfeldern verrechnet werden, um ein besseres Gesamtergebnis zu erzielen.
Es ist an der Zeit die Pflegeversicherung grundlegend zu reformieren - sie war bislang nicht kostendeckend angelegt und das ist falsch. Niemand darf in unserem Land Angst haben alt zu werden, weil er seine Vorsorgung dann nicht mehr gewährleistet sieht.
Der Pflegebedürftigkeitsbegriff muss umfassend überarbeitet werden, weil zu sehr geurteilt wird nach mechanischen, pflegerischen Arbeiten (Waschen, umlagern, Hilfestellung beim Essen, Anziehen etc.). Wir haben aber eine steigende Zahl demenziell erkrankter Menschen, die ganz andere Anforderungen an die Pflege stellen. Die Pflegereform 2008 hat hier viel zu kurz gegriffen. Auch nicht demenziell erkrankte Menschen haben einen Anspruch auf Pflegerinnen und Pfleger, die Zeit haben zur Betreuung, Ansprache und Versorgung.
Der Mensch muss im Mittelpunkt steheh und nicht die Kosten.

Liebe Grüße
Ralf Michalowsky
Stellvertretender Landessprecher DIE LINKE. NRW