Julian Thomsen
ÖDP
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Frage von Gisela W. •

Frage an Julian Thomsen von Gisela W. bezüglich Verbraucherschutz

Sehr geehrter Herr Thomsen,

wie stehen sie zur Agrogentechnik?
Wie stehen sie zu den Antrag der Europäische Kommission, den Anbau von zwei neuen Gen-Maissorten zu bewilligen: Syngenta Bt11 und Pioneer 1507?
Auch würde ich gerne wissen:
Ob es stimmt, dass als "externer Berater" der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) Andrew Cockburn, ehemaliger wissenschaftlicher Direktor von Monsanto fungiert?
Stimmt es, dass keine Langzeitstudien (730-Tage-Tests) bei GenMais -obwohl vorgeschrieben - gemacht wurden?

Mit freundlichen Grüßen
Gisela Wroblewski

Antwort von
ÖDP

Sehr geehrte Frau Wroblewski,

Agrogentechnik ist meines Erachtens in vielen Aspekten heikel. Ich selbst habe in meinem Studium schon mit Genen arbeiten dürfen und möchte betonen, dass die Arbeit mit Genen nicht von Grund auf verteufelt werden sollte. Das ist nicht mein Anliegen und nicht das der ödp. Betrachtet man Gentechnik als Wissenschaft an sich, hat sie ihre Daseinsberechtigung und könnte in Zukunft in einem ethischen Rahmen Schlüssel vieler ungelöster Probleme werden, so zum Beispiel in der Humanmedizin. In der Landwirtschaft ist ein Einsatz genmanipulierten Saatgutes jedoch nicht zu rechtfertigen. Zu groß sind die Probleme, die facettenreiche und schier endlos komplexe Wirkung solcher Organismen auf ihre Umwelt zu verstehen und die sich abzeichnenden Konsequenzen zu fassen. Laborversuche können einen Feldversuch nicht ersetzen – doch mit dem Feldversuch ist eine Ausbreitung der Kulturen oftmals kaum mehr zu vermeiden. Man betrachte nur die gentechnisch belastete Umwelt des nordamerikanischen Kontinents. Und wenn dann noch ein Patentrecht hinzu stößt, wird das Unterfangen umso fragwürdiger. Argumente, mit der Agrogentechnik und der daraus resultierenden steigenden Produktivität der Landwirtschaft der wachsenden Weltbevölkerung und ihrem steigenden Nahrungsmittelbedarf begegnen zu können, sind nicht angemessen. Nicht der numerische Mangel an Nahrungsmitteln weltweit ist ein Problem - es ist vielmehr die ungleiche Verteilung.

Einen weiteren Brennpunkt sehe ich in der Kommerzialisierung des Lebens. Patente auf Leben kann ich nur ablehnen. Man muss nicht um viele Ecken denken, um sich der Folgen klar zu werden, die sich in Zukunft auch hinsichtlich unserer Würde Mensch zu sein daraus ergeben könnten. Es ist zudem nicht nachvollziehbar, wie die ausführende Politik bisher eine zunehmende Abhängigkeit der Landwirtschaft von der chemischen Industrie ohne Intervention hinnehmen kann. Lizenzgebühren, Notwendigkeiten, an die genmanipulierten Kulturen angepasste Herbizide zu erwerben und die daraus folgende Machtstellung der Industrie laufen einer ökologischen Landwirtschaft grob zuwider. Die ödp hat sich deshalb wie kaum eine andere Partei der Problematik in einer Vielzahl ihrer programmatischen Punkte angenommen – und ich glaube, dass das weit mehr ist als eine politische Hysterie vor dem vermeintlich Harmlosen. Ich kann mich nur wiederholen – selbst wenn die unmittelbare Gefahr genmanipulierter Nahrung NOCH nicht 100%ig nachgewiesen werden konnte, so lassen doch patentrechtliche, ethische und ökologische Gesichtspunkte bereits genug Raum für Sorgen – und lange Gesichter bei denen, die womöglich zur Kasse gebeten werden.

Nun zu dem speziellen Fall der Entscheidung der EU-Kommission vom 27.01.09 – soweit ich weiß, liegen Berichte vor, die aus gesundheitlicher Sicht gegen eine Bewilligung sprechen. Nicht zuletzt deswegen und aus den oben genannten Gründen kann ich diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Europa scheint zu fürchten, den Anschluss an einen Zug zu verpassen, der mit Hochgeschwindigkeit ins Ungewisse rast.

Nach meinen Informationen haben Sie bezüglich Dr. Cockburn recht. Die Liste der EFSA weist darüber hinaus weitere fragwürdige Besetzungen auf, wie ihnen wohl nicht entgangen ist. Ich möchte niemanden beschuldigen, ohne konkrete Hinweise zu haben – aber es zeichnet sich schon ein herber Interessenkonflikt ab. Über die Hintergründe der Berufung Cockburns über die akademische Befähigung hinaus möchte ich hier nicht mutmaßen. Aber das Unausgesprochene liegt sehr nahe...

Zur Einhaltung der Langzeitstudien für Genmais kann ich keine Aussagen machen – dessen Ausführung im Speziellen entzieht sich meiner Kenntnis. Ich hoffe dennoch, dass sich dieser Sachverhalt nicht bewahrheitet. Ich werde der Sache bei Gelegenheit sicher nachgehen.

Liebe Grüße und ein Dank, dass Sie sich in einem solch wichtigen Gebiet engagieren,

Julian Thomsen