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Frank Müller-Rosentritt
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Ihr Beitrag "Antisemitismus ist Alltag" in der JÜDISCHEN ALLGEMEINE lässt mich fragen, ob Ihnen der Irrsinn der Vokabel Antisemitismus, wenn es "nur" gegen Juden geht, bewusst ist...

....schließlich gibt es neben den Juden noch zahlreiche andere Semiten.

Den Juden selbst ist vorzuwerfen, dass sie den Abraham verheißenen Segen ausschließlich auf Isaac und dessen Nachkommen verstehen -- ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass Abraham vorher Ismael und hinterher – als Sarah verstorben war – mit seiner zweiten Ehefrau weitere sechs Söhne zeugte. So steht es in Genesis 25.
Alle ihre Nachkommen sind ebenso Semiten wie die Nachfahren aus jener Gegend, aus welcher Abraham exilierte. Das "Alleinstellungsmerkmal" der Juden, sie allein verfügen über den zugeteilten Segen des Schöpfers, macht sie zu Opfern ihrer Halsstarrigkeit.

Frage von Jürgen F. am
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Antwort vom
Zeit bis zur Antwort: 21 Stunden 19 Minuten

Guten Tag, 

ich halte es für wichtig, dass ein intensiver Diskurs über das Thema Antisemitismus geführt wird. Denn antisemitische Übergriffe sind an der Tagesordnung und gleichermaßen hat diese Ideologie es geschafft, sich immer wieder anzupassen und damit zu verändern, ohne ihren Kern aufzugeben. Das macht sie tatsächlich noch viel gefährlicher, denn es besteht immer die Gefahr, dass sie nicht erkannt, oder relativiert wird.

Um nun konkreter auf ihre Frage einzugehen, möchte ich mich als erstes kurz mit der Vokabel des Antisemitismus selbst befassen: Tatsächlich wird diese Behauptung immer wieder aufgestellt, doch die Häufigkeit ihrer Wiederholung ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Und dieser ist tendiert gegen Null. Der Begriff "Antisemitismus" geht u.a. auf Heinrich von Treitschke und Wilhelm Marr zurück, die ihn explizit für ihre "Abwehrbewegung gegen das Judentum" nutzten.

Damit wird schon einiges deutlich über den modernen Antisemitismus, in dem die Wahnvorstellung maßgeblich ist, dass es sich um eine angebliche Notwehr gegen die "jüdische Übermacht" handeln würde. Tatsächlich traten Antisemitinnen und Antisemiten jedoch immer nur auf die Schwächsten und Schutzlosesten der Gesellschaft ein. Dass sie sich keineswegs in einer Notwehrposition befanden, sondern gesellschaftlich anerkannt waren, zeigte sich auch daran, dass sie gar Vereine gründeten, die Antisemitismus voller Stolz im Namen trugen. Repressionen erfuhren sie dafür keine. Bei all dem war es nie umstritten, wogegen sich der Antisemitismus richtete, nämlich gegen Jüdinnen und Juden.

Es ist eine Blüte aktueller Diskurse, dass versucht wird, über die irreführende Einbeziehung einer Kategorie der Sprachwissenschaften (nur in dieser Hinsicht gehören z.B. Hebräisch und Arabisch zur Kategorie des Semitischen), die Bedeutung des Begriffs Antisemitismus zu verschleiern. Für Antisemitismus trifft zu, dass der Begriff eine andere Bedeutung hat, als das Wort selbst vermuten lässt.

Antisemitismus richtet sich auch nicht am tatsächlichen Verhalten von Jüdinnen und Juden aus, sondern an dem, was der Antisemit für jüdisch hält. Jüdisch wird dabei zur Chiffre, mit der alles Unverstandene und Beängstigende der modernen Welt abgelehnt werden kann. Dennoch sind vor allem Jüdinnen und Juden betroffen, weil Antisemiten Jüdinnen und Juden eben für die Personifizierung dieser Chiffre halten.

Hinzu verwenden Sie den Begriff der "Halsstarrigkeit", der dem Instrumentenkasten des christlichen Antisemitismus angehört, wenn er zur Charakterisierung von Jüdinnen und Juden wie auch der jüdischen Religion genutzt wird. Weil Jüdinnen und Juden nicht ihre religiöse Wahrheit für die Wahrheit des Neuen Testaments und des Christentums abgelegt haben, sondern am Judentum festhielten, wurden seit 2.000 Jahren Stereotype wie "halsstarig", "arrogant" und "elitär" gebraucht, um Jüdinnen und Juden abzuwerten. 

Mit freundlichen Grüßen

 

Frank Müller-Rosentritt, MdB

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