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Frank Heinrich
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Frage von Konrad M. •

Frage an Frank Heinrich von Konrad M. bezüglich Familie

Werter Herr Heinrich,
wie ich gelesen habe, sind sie Sprecher des parlamentarischen Beirates der DSW, der deutschen Stiftung für Weltbevölkerung. Nun setzt sich die DSW auch dafür ein, das das der Zugang zu Abtreibungen erleichtert werden und das negative Image der Abtreibung aufgebessert werden soll.
Quelle: https://www.dsw.org/abtreibungsverbote-lockern/
Auch wirbt die DSW für die Anliegen der Konferenz "She Disedes", nachdem Präsident Trump Organisation die Gelder gestrichen hatte, die ungehinderten Zugang zu Abtreibungen als Mittel der Familienplanung propagieren.
Quelle: https://www.shedecides.com/manifesto/

Frage: Wie verträgt sich ihr Engagement für diese Organisationen als Christ, der sogar ein Buch gegen Abtreibungen geschrieben hat?

Quelle: "Ich lebe!: Ein Plädoyer für die Würde des Menschen" Verlag Neukirchener Aussaat https://www.amazon.de/Ich-lebe-Pl%C3%A4doyer-W%C3%BCrde-Menschen/dp/3761563019/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=frank+heinrich&qid=1606663770&sr=8-2

Mit freundlichen Grüßen Konrad Meier

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Antwort von
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Sehr geehrter Herr M.,

vielen Dank für Ihre Fragen.

Zu diesem Thema werde ich immer mal wieder befragt und so nehme ich die Gelegenheit gerne wahr, hier öffentlich Stellung zu beziehen.

Tatsächlich bin ich seit 2014 Sprecher des Parlamentarischen Beirats für Bevölkerung und Entwicklung. Der Beirat ist ein informelles, fraktions- und ausschussübergreifendes Gremium mit aktuell 29 Mitgliedern. Der gemeinsame Einsatz für die Rechte von Frauen – und im Übrigen auch von Männern – insbesondere im Bereich Gesundheitsdiensleistungen und Familienplanung ist mir ein wichtiges Anliegen. Mit Nachdruck setzen wir uns für das Recht einer jeden Frau ein, selbst zu entscheiden, ob, wann und mit wem sie Kinder haben möchte. Dieses Engagement gleichzusetzen mit einem Engagement für Abtreibungen als Mittel der Verhütung ist aus meiner Sicht, nicht zuletzt als Christ, geradezu haarsträubend. Ich danke Ihnen für den Hinweis auf den DSW-Link. Ich unterstütze die Argumentation in diesem Beitrag voll und ganz. Es geht mir oder dem Beirat oder der DSW nicht darum, Abtreibungen zu fördern oder gar das „Image von Abtreibungen“, wie Sie es nennen, zu verbessern, sondern es geht uns um Zugang zu Aufklärung und Verhütung für Mädchen und Frauen, um den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und – als absolute ultima ratio – um den Zugang zu sicheren (!) Abtreibungen, bei denen Mädchen und Frauen nicht ihr Leben riskieren und leider immer noch viel zu oft verlieren. Genau das steht in dem DSW Beitrag und genau das vertritt auch die „She-decides-Bewegung“.

Meine sehr geschätzte Kollegin im Bundestag und Parlamentarische Staatssekretärin Dr. Maria Flachsbarth, seit fast zehn Jahren Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes sowie Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, engagiert sich als „Champion der She-decides-Bewegung“. Sie hat unlängst einmal zusammengetragen und öffentlich gemacht, worauf ihr Engagement basiert. Die Zahlen sind sehr eindrücklich und ich könnten sie nicht besser aufbereiten, so dass ich die Staatsekretärin im Folgenden gerne zitieren möchte:

„In meiner Arbeit als Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erfahre ich nahezu jeden Tag, dass Frauen und Mädchen in allen Teilen der Welt nach wie vor um gleichberechtigte Teilhabe kämpfen müssen: um ausreichend Nahrung und sauberes Wasser, um sanitäre Einrichtungen und Menstruationshygiene, um die Chance auf Bildung und damit perspektivisch auf wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie ein selbstbestimmtes Leben, frei von (sexualisierter) Gewalt.

Bitte werfen Sie mit mir einen Blick auf die Lebenswirklichkeit von Hundertausenden von Mädchen und jungen Frauen:

- Aufgrund des fehlenden Zugangs zu Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln, aufgrund sexualisierter Gewalt, wirtschaftlicher Abhängigkeiten und ungleicher Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen kommt es in Entwicklungsländern zu zahlreichen ungeplanten Schwangerschaften - insgesamt 21 Millionen Teenagerschwangerschaften pro Jahr. Ungefähr die Hälfte davon entbinden, darunter sind ca. 770 000 Mädchen, die bei Entbindung noch keine 15 Jahre alt sind.

- Für diese Mädchen bedeutet eine Schwangerschaft, dass sie häufig kaum eine Chance auf Bildung haben, sie fürchten müssen von ihrer Familie verstoßen zu werden und sich darum kümmern müssen, wie sie sich und ihre Kinder durchbringen können. Deshalb lassen sie sich trotz der Risiken auf unsichere Schwangerschaftsabbrüche ein – jedes Jahr ca. 3,9 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Für die Betroffenen bedeutet das, neben der psychischen Belastung, ein hohes gesundheitliches Risiko: Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sind weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen im diesem Alter in Entwicklungsländern.

- 214 Millionen Frauen in Entwicklungsländern, die eine ungewollte Schwangerschaft vermeiden wollen, haben keinen ausreichenden Zugang zu modernen Verhütungsmitteln. Jährlich kommt es deshalb zu 89 Millionen nicht geplanten Schwangerschaften, mehr als 800 Frauen pro Tag sterben an vermeidbaren Komplikationen in Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Subsahara- Afrika hat mit 546 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten die höchste Müttersterblichkeitsrate der Welt. Ein Grund ist, dass viele Geburten nicht professionell begleitet werden. Auf dem afrikanischen Kontinent sind es weniger als 60 Prozent.

- Schätzungsweise 650 Millionen Mädchen weltweit wurden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet, was 21 Prozent (junger) Frauen entspricht. Am stärksten ist Kinderheirat in Subsahara-Afrika verbreitet: 37 Prozent der Frauen wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Jedes Jahr werden weltweit weitere 12 Millionen Mädchen verheiratet, wenn nichts gegen diese Praxis unternommen wird.

- Im südlichen und östlichen Afrika sind 83 Prozent aller neu mit HIV-infizierten Personen Mädchen und junge Frauen zwischen 10 und 19 Jahren. Gründe hierfür sind wiederum u.a. wirtschaftliche Abhängigkeit, sexuelle Gewalt und ein geringes Wissen über die Infektionswege: Nur drei von zehn Mädchen haben umfassendes Wissen zur HIV-Prävention.

- Mindestens 200 Millionen Mädchen und Frauen weltweit leben gegenwärtig mit Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM). In 30 Ländern, zumeist auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in einigen arabischen und asiatischen Ländern, wird FGM praktiziert. FGM kann schwerwiegende psychische, physische und soziale Folgen haben und sogar zum Tod führen und gilt daher als eine schwere Verletzung der Menschenrechte und Würde der Betroffenen sowie als ein Entwicklungshemmnis für Mädchen, Frauen und die Gesellschaften, in denen sie leben.
[…] Deutsche Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich, im Einklang mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, deshalb für sexuelle und reproduktive Gesundheit. Dazu gehört eine professionelle Geburtsbegleitung zur Reduzierung der Mütter- und Neugeborensterblichkeit sowie der Zugang zu Verhütungsmitteln, um ungewollte Schwangerschaften und damit auch Schwangerschaftsabbrüche zu reduzieren und damit nicht nur große gesundheitliche Risiken, sondern vor allem unsagbares Leid und zerstörte Leben zu vermeiden. In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit sind Schwangerschaftsabbrüche selbstverständlich und ausdrücklich kein Mittel der Familienplanung.

Über die Initiative „Selbstbestimmte Familienplanung und Müttergesundheit“ unterstützt die Bundesregierung mit durchschnittlich 100 Millionen Euro jährlich Maßnahmen in der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit, um den Zugang zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit für Mädchen und Frauen in den Entwicklungsländern zu stärken. Über die Initiative ermöglicht die Bundesregierung unter anderem den Zugang zu Sexualaufklärung, selbstbestimmter Familienplanung und professioneller Geburtsbegleitung. Die aktuelle Phase der Initiative läuft von 2019 bis 2023.

Über ihr multilaterales Engagement leistet die Bundesregierung einen weiteren wichtigen Beitrag, um die sexuellen und reproduktiven Rechte von Mädchen und Frauen zu stärken, ihnen Schutz vor geschlechtsbasierter Gewalt und Kinderheirat zu gewähren und ihnen auch in Krisensituationen lebensnotwendige Gesundheitsdienstleistungen zukommen lassen zu können. Das BMZ unterstützt den VN Bevölkerungsfonds UNFPA im Jahr 2020 mit einem Kernbeitrag in Höhe von 40 Millionen Euro, sowie die internationale Familienplanungsorganisation IPPF mit 12 Millionen Euro. Die bei der Weltbank angesiedelte Global Financing Facility (GFF) für die Gesundheit und Ernährung von Frauen, Kindern und Jugendlichen wird in den Jahren 2020 und 2021 mit insgesamt 50 Millionen Euro unterstützt.

In der Agenda 2030 hat sich die internationale Staatengemeinschaft auch die Verbesserung der sexuellen und reproduktive Gesundheit (SDG 3) zum Ziel gesetzt. Die Förderung der sexuellen und reproduktiven Rechte steht in einem engen Zusammenhang mit der Förderung der Gleichberechtigung der Frau, die ein zentrales Anliegen der Bundesregierung ist. Wenn Mädchen und Frauen selbstbestimmt entscheiden können, wann und wie viele Kinder sie bekommen wollen, erhöht sich ihre Chance auf weiterführende Bildung und damit auch die Möglichkeit, sich am Arbeitsmarkt zu beteiligen. Dies hat neben den individuellen Möglichkeiten auch signifikante gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Und es zeigt sich, dass in Familien, in denen die Frauen um die Funktionen ihres Körpers, um die Wichtigkeit von ausgewogener Ernährung, Gesundheitsschutz und Bildung für ihre Kinder wissen, weniger Kinder geboren werden, weil die Eltern weniger Angst haben müssen, dass sie sterben, bevor sie erwachsen sind.

Für mich ist Wegschauen keine Option. Deshalb setze ich mich gerade als katholische Christin für die Rechte von Frauen und damit auch eine verantwortete Elternschaft ein.“

Über zwei weitere Aspekte möchte ich abschließend gerne noch aufklären: (1) Sie erwähnen lobend US-Präsident Trump. Die von ihm gestrichenen Gelder fehlen bei wichtiger Aufklärungs- und Beratungsarbeit sowie dem Zugang zu Gesundheitsdiensleistungen. Dies führt bereits zu einer ansteigenden Mütter- und Kindersterblichkeit in den betroffenen Ländern. (2) Amerikanische Gerichte haben bestätigt, dass die von so genannten Nicht-Regierungsorganisationen (NGO’s) aufgebrachten Gelder für die Finanzierung von sicheren Abtreibungen ausschließlich aus Spenden stammen.

Ich hoffe, Ihnen mit diesen Informationen weitergeholfen zu haben.

Ich kann Ihnen versichern, dass es meiner christlichen, ethischen und menschenrechtlichen Überzeugung zutiefst widerspräche, Abtreibungen als Mittel der Familienplanung zu denken oder gar zu propagieren. Im Übrigen kenne ich auch sonst niemanden, der das tut.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Heinrich