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Anikó Glogowski-Merten
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Frage von Klaus E. •

Werden Sie gegen oder für das Selbstbestimmungsgesetz stimmen? Einem Gesetz, das Menschen zwischen 14 und 18 Jahren eine sexuelle Selbstbestimmtheit voraussetzt, die die wenigsten haben.

Es gibt weltweit zahlreiche Belege von dem Leid der Betroffenen, die als Jugendliche eine derart lebensverändernde Entscheidung getroffen haben und anschließend mit den Folgen leben müssen.

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Sehr geehrter Herr E.

,zu aller erst: Sexuelle Selbstbestimmung ist die Selbstbestimmung über sexuelle Handlungen, die jemand an einem oder an jemand anderen Vornimmt - mit dein ausdrücklichen Einverständnis der jeweils anderen beteiligten Person oder Personen. Sie hat nichts mit der geschlechtlichen Selbstbestimmung zutun. Und ich hoffe doch inständig, dass sie die sexuelle Selbstbestimmung von niemanden einschränken möchten, auch nicht von Jugendlichen innerhalb des aktuellen gesetzlichen Rahmens.

Da Sie aber von Selbstbestimmungsgesetz schreiben gehe ich davon aus, dass sie die geschlechtliche Selbstbestimmung meinen. Die korrekte Nutzung und Definition der Terminologie ist hier jedoch sehr wichtig, um nicht auf reißerische Hetzkampangen hereinzufallen.

Geschlechtliche Selbstbestimmung heißt, dass amtlich und rechtlich die Geschlechtsidentität (also die soziale Komponente) und nicht das biologische Geschlecht maßgeblich ist. Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, transidenter oder nichtbinärer Identität sollen selbst über ihre geschlechtliche Identität bestimmen. 

Um auf ihre Sorge von Menschen einzugehen, die ihre Entscheidung für eine Transistion bereuen: Unterschiedliche Studien zB von 1998 aus den Niederlanden und Langzeitstudien aus Schweden, zwischen 0,9% - 2,2% bereuen ihre Geschlechtsangleichende Operationen oder leben nun wieder entsprechend des sozialen Geschlechtes, welches ihnen auch bei ihrer Geburt zugeschrieben wurde. Hierbei ist zu betonen, dass 82,5 Prozent jener, die ihre Transition zurücknahmen, dafür äußere Gründe wie sozialen Druck oder Gewalt angaben. Mit ihrer Geschlechtsidentität hatte das aber gar nichts zu tun. Das Problem ist also nicht die Transistion, sondern das trans* feindliche Umfeld, in denen sich diese Menschen befinden. Das trifft insbesondere Jugendliche, die nicht von ihrem Elternhaus oder ihrem Umfeld als die Person akzeptiert werden die sie sind.

Diese Ausführung soll nicht das Empfinden einzelner Individuen klein reden, sondern als Mahnung dienen bei der Betreuung betroffener Jugendliche alle Optionen mitzudenken. Was entsprechende Betroffene aber auch oftmals gar nicht wollen: Dass ihre Geschichte als Werkzeug genutzt wird, um die Erfahrungen von anderen Jugendlichen zu negieren und ihnen jegliche Selbstbestimmung abzusprechen.

Aber: In dem Selbstbestimmungsgesetz geht es tatsächlich auch gar nicht um medizinische Eingriffe oder den Einsatz von Hormonpräparaten, sondern ausschließlich um den Eintrag im Personenstandsregister und im Reisepass. Und sollten diesen Jugendliche - aus welchen Gründen auch immer - nach einer Zeit (wie scheinbar von ihnen befürchtet) bereuen, kann dieser auch wieder geändert werden. Auch dies haben wir bei dem erstellen des Gesetzes mitgedacht.

Bitte lassen Sie sich nicht verunsichern. Das Selbstbestimmungsgesetz nimmt niemandem etwas weg und es sorgt so tatsächlich für einen besseren Schutz der Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen - insbesondere wenn sie einem Umfeld ausgesetzt sind, die nicht immer das beste für sie wollen.Entsprechend war es mir eine Ehre für das Selbstbestimmungsgesetz zu stimmen. Ich hoffe Sie haben einen wunderbaren Tag,

Mit freundlichen Grüßen
Anikó Glogowski-Merten

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