Es ist ein Paradebeispiel für eine Regelungslücke, die abgeordnetenwatch seit Jahren kritisiert: Der Weg vom Regierungsamt direkt in die Interessenvertretung derselben Branche steht offen. Wissen, Kontakte und Einfluss aus dem Amt wandern umgehend dorthin ab, wo das Geld sitzt. Erworben im Auftrag der Wähler:innen, genutzt im Auftrag der Lobby.
Der Fall im Detail: Thomas Hitschler, gebürtiger Landauer, zieht 2013 für die rheinland-pfälzische SPD in den Bundestag ein und profiliert sich dort früh als Verteidigungsexperte. Nach der Bundestagswahl 2021 steigt er zum Staatssekretär im Verteidigungsministerium auf, zunächst unter Ministerin Christine Lambrecht, dann unter Boris Pistorius (beide SPD). Von Ende 2021 bis Mai 2025 verantwortet er unter anderem die Ausrüstung der Bundeswehr, die internationale Rüstungspolitik und den Verteidigungshaushalt.
Er habe die Zeitenwende angenommen und umgesetzt, bescheinigt ihm Pistorius. In seiner Funktion trifft Hitschler, wie andere Staatssekretär:innen qua Amt, regelmäßig Vertreter:innen der Rüstungsindustrie: von Rheinmetall, KMW, Hensoldt, MBDA, Lockheed Martin. Konzerne jener Branche, deren Interessen er heute gegen Bezahlung vertritt.
Schon im März 2024 kündigt Hitschler überraschend seinen Rückzug aus dem Bundestag an: Er wolle sich nach der Legislatur beruflich neu orientieren und trete nicht mehr zur Wahl an. Das Ergebnis dieser Neuorientierung: die TH Strategic Intelligence GmbH, gegründet im Februar 2026. Hitschler wird Geschäftsführer. Und er wird Lobbyist.
Seine Firma will laut Lobbyregister Unternehmen und Investor:innen der Rüstungsbranche gegenüber Bundestag und Bundesregierung beraten und vertreten, vor allem bei Beschaffung, Vergabe und Förderung. Auf seinem LinkedIn-Profil beschreibt Hitschler das so: „Über ein Jahrzehnt in der Bundespolitik [...] habe ich beide Seiten des Tisches kennengelernt: die politische Entscheidungslogik und die Realität derer, die liefern wollen." Heute berate er Unternehmen und Investoren „genau an dieser Schnittstelle, dort, wo staatliche Entscheidungen und unternehmerisches Handeln zusammenfinden."
Die Website der TH Strategic Intelligence ist noch sehr rudimentär: Sie besteht bisher nur aus einer E-Mail-Adresse. Die Auftraggeber der Agentur hingegen sind wesentlich professioneller. Bei allen drei im Lobbyregister angegebenen Kunden Hitschlers handelt es sich um aufstrebende Größen der Branche:
Ein deutsch-britisches Start-up, dessen Technologie die NATO braucht
Hypersonica entwickelt nach eigenen Angaben Europas erste eigene Hyperschallsysteme, eine Dual-Use-Technologie für weitreichende Präzisionswaffen, die zugleich zivil in der Raumfahrt nutzbar ist. Das 2024 gegründete Unternehmen sitzt im Großraum München und betreibt eine Tochtergesellschaft in London. Es soll den Bedarf der NATO-Staaten an „Deep Precision Strike"-Fähigkeiten decken, also am präzisen Treffen weit entfernter Ziele: eine kritische Lücke im europäischen Verteidigungsportfolio. Der Bund setzt auf die Technologie: Die Gründer sprachen auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit Kanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Pistorius, über die Bundesagentur SPRIND investierte der Staat in der jüngsten Finanzierungsrunde in das Unternehmen.
Ein Konzern, der ins Rüstungsgeschäft einsteigt
Der Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck baut eine eigene Verteidigungssparte auf und strebt dort bis 2028 einen Umsatz von einer Milliarde Euro an. Unter anderem bewirbt sich der Konzern gerade um den Bau von Militärfahrzeugen für das belgische Militär.
Eine Investorin mit bestem Draht zu Europas wertvollstem Rüstungs-Start-up
Die Beteiligungsgesellschaft La Famiglia wurde 2016 von Jeannette zu Fürstenberg gegründet und fusionierte 2023 mit dem US-Wagniskapitalgeber General Catalyst, dessen Europageschäft Fürstenberg heute als Präsidentin und Managing Director verantwortet. Fürstenberg gehörte zu den frühen Investorinnen des Rüstungs- und KI-Unternehmens Helsing und sitzt in dessen Aufsichtsrat. Sie setzt sich gemeinsam mit Ex-Telekom-Chef René Obermann und dem Airbus-Aufsichtsratsvorsitzenden unter anderem politisch für Sparta 2.0 ein, einen Investitions- und Aufrüstungsplan, der für Investitionen in autonome Systeme, KI, Weltraum- und Drohnentechnologie sowie die elektronische Kriegsführung wirbt.