Seitenwechsel: Verteidigungsministerium - Rüstungslobby

An beiden Seiten des Tisches: Ex-Staatssekretär Hitschler lobbyiert jetzt für die Rüstungsbranche

Thomas Hitschler im Anzug vor lila Hintergrund, links blass in die Richtung des Bundestags, rechts orange hervorgehoben in Richtung türkis eingefärbter Bürotürme und militärischer Ausrüstung (Drohne, Hubschrauber, Panzer). Ein oranger Pfeil verläuft vom Parlament zur Rüstungsseite.

 

Als Staatssekretär im Verteidigungsministerium verantwortete Thomas Hitschler (SPD) die Ausrüstung der Bundeswehr und war an milliardenschweren Beschaffungsentscheidungen beteiligt. Seit dem 15. Juli 2026 vertritt er dieselbe Branche als Lobbyist, gegenüber genau dem Ministerium, das er zuvor mitgeführt hat. An diesem Tag trug er sich ins Lobbyregister des Bundestags ein.

von Sarah Schönewolf, 08.09.2026

Es ist ein Paradebeispiel für eine Regelungslücke, die abgeordnetenwatch seit Jahren kritisiert: Der Weg vom Regierungsamt direkt in die Interessenvertretung derselben Branche steht offen. Wissen, Kontakte und Einfluss aus dem Amt wandern umgehend dorthin ab, wo das Geld sitzt. Erworben im Auftrag der Wähler:innen, genutzt im Auftrag der Lobby.

Der Fall im Detail: Thomas Hitschler, gebürtiger Landauer, zieht 2013 für die rheinland-pfälzische SPD in den Bundestag ein und profiliert sich dort früh als Verteidigungsexperte. Nach der Bundestagswahl 2021 steigt er zum Staatssekretär im Verteidigungsministerium auf, zunächst unter Ministerin Christine Lambrecht, dann unter Boris Pistorius (beide SPD). Von Ende 2021 bis Mai 2025 verantwortet er unter anderem die Ausrüstung der Bundeswehr, die internationale Rüstungspolitik und den Verteidigungshaushalt. 

Er habe die Zeitenwende angenommen und umgesetzt, bescheinigt ihm Pistorius. In seiner Funktion trifft Hitschler, wie andere Staatssekretär:innen qua Amt, regelmäßig Vertreter:innen der Rüstungsindustrie: von Rheinmetall, KMW, Hensoldt, MBDA, Lockheed Martin. Konzerne jener Branche, deren Interessen er heute gegen Bezahlung vertritt.

Schon im März 2024 kündigt Hitschler überraschend seinen Rückzug aus dem Bundestag an: Er wolle sich nach der Legislatur beruflich neu orientieren und trete nicht mehr zur Wahl an. Das Ergebnis dieser Neuorientierung: die TH Strategic Intelligence GmbH, gegründet im Februar 2026. Hitschler wird Geschäftsführer. Und er wird Lobbyist.

Seine Firma will laut Lobbyregister Unternehmen und Investor:innen der Rüstungsbranche gegenüber Bundestag und Bundesregierung beraten und vertreten, vor allem bei Beschaffung, Vergabe und Förderung. Auf seinem LinkedIn-Profil beschreibt Hitschler das so: „Über ein Jahrzehnt in der Bundespolitik [...] habe ich beide Seiten des Tisches kennengelernt: die politische Entscheidungslogik und die Realität derer, die liefern wollen." Heute berate er Unternehmen und Investoren „genau an dieser Schnittstelle, dort, wo staatliche Entscheidungen und unternehmerisches Handeln zusammenfinden."

Die Website der TH Strategic Intelligence ist noch sehr rudimentär: Sie besteht bisher nur aus einer E-Mail-Adresse. Die Auftraggeber der Agentur hingegen sind wesentlich professioneller. Bei allen drei im Lobbyregister angegebenen Kunden Hitschlers handelt es sich um aufstrebende Größen der Branche:

  • Ein deutsch-britisches Start-up, dessen Technologie die NATO braucht

    Hypersonica entwickelt nach eigenen Angaben Europas erste eigene Hyperschallsysteme, eine Dual-Use-Technologie für weitreichende Präzisionswaffen, die zugleich zivil in der Raumfahrt nutzbar ist. Das 2024 gegründete Unternehmen sitzt im Großraum München und betreibt eine Tochtergesellschaft in London. Es soll den Bedarf der NATO-Staaten an „Deep Precision Strike"-Fähigkeiten decken, also am präzisen Treffen weit entfernter Ziele: eine kritische Lücke im europäischen Verteidigungsportfolio. Der Bund setzt auf die Technologie: Die Gründer sprachen auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit Kanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Pistorius, über die Bundesagentur SPRIND investierte der Staat in der jüngsten Finanzierungsrunde in das Unternehmen.

     

  • Ein Konzern, der ins Rüstungsgeschäft einsteigt

    Der Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck baut eine eigene Verteidigungssparte auf und strebt dort bis 2028 einen Umsatz von einer Milliarde Euro an. Unter anderem bewirbt sich der Konzern gerade um den Bau von Militärfahrzeugen für das belgische Militär.

     

  • Eine Investorin mit bestem Draht zu Europas wertvollstem Rüstungs-Start-up

    Die Beteiligungsgesellschaft La Famiglia wurde 2016 von Jeannette zu Fürstenberg gegründet und fusionierte 2023 mit dem US-Wagniskapitalgeber General Catalyst, dessen Europageschäft Fürstenberg heute als Präsidentin und Managing Director verantwortet. Fürstenberg gehörte zu den frühen Investorinnen des Rüstungs- und KI-Unternehmens Helsing und sitzt in dessen Aufsichtsrat. Sie setzt sich gemeinsam mit Ex-Telekom-Chef René Obermann und dem Airbus-Aufsichtsratsvorsitzenden unter anderem politisch für Sparta 2.0 ein, einen Investitions- und Aufrüstungsplan, der für Investitionen in autonome Systeme, KI, Weltraum- und Drohnentechnologie sowie die elektronische Kriegsführung wirbt.

Mit militärischen Ehren

Am 17. Juli 2025 verabschiedete Verteidigungsminister Pistorius seinen früheren Staatssekretär im Hambacher Schloss mit militärischen Ehren und einer Serenade des Heeresmusikkorps Kassel. Fast auf den Tag genau ein Jahr später trug sich Hitschler ins Lobbyregister ein.

Und die Drehtür dreht sich weiter: Seit Juni 2026 sitzt Hitschler im Beirat von BwConsulting, der Inhouse-Beratung der Bundeswehr. Er vertritt also nicht nur die Rüstungsbranche gegenüber dem Staat, sondern berät zugleich ein Gremium im Umfeld genau des Ministeriums, in dem er zuvor eine Entscheidungsposition innehatte.

Was an Hitschlers Wechsel problematisch ist

  • Der Wechsel aus einem Ministerium in die Interessenvertretung derselben Branche ist erlaubt. Für ausgeschiedene Parlamentarische Staatssekretäre kann die Bundesregierung eine anschließende Erwerbstätigkeit nach dem Bundesministergesetz für bis zu 18 Monate untersagen, wenn öffentliche Interessen beeinträchtigt erscheinen. Ob im Fall Hitschler eine solche Karenzzeit überhaupt geprüft wurde, lässt sich von außen nicht feststellen, denn die Bundesregierung macht das nicht öffentlich. Genau diese Intransparenz ist Teil des Problems: Ein Instrument, das Interessenkonflikte entschärfen soll, entzieht sich selbst jeder Kontrolle.
  • Als Staatssekretär entschied Hitschler über Beschaffung, Vergabe und Förderung in der Rüstungspolitik, also über Milliarden, die an Unternehmen und Investor:innen flossen, die er heute berät. Er verfügt über das Wissen, wie das Ministerium intern arbeitet, welche Aufträge geplant sind, wer entscheidet und wie. Dieses Wissen verkauft er, wenn er seinen Kunden „beide Seiten des Tisches" verspricht.
  • Problematisch ist auch schon die Zeit davor. Wer im Amt weiß, dass ihn danach ein lukrativer Posten in derselben Branche erwartet, gerät in einen Interessenkonflikt: ganz gleich, ob bewusst genutzt oder nicht. Ob eine einzelne Entscheidung deshalb anders fiel, lässt sich nicht beantworten. Doch allein die Möglichkeit wiegt schwer in einem Feld wie der Verteidigung, das – nicht erst seit der Zeitenwende, aber bestärkt durch sie – sehr wenig Kontrolle kennt.

Karenzzeiten können solche Wechsel für eine Übergangsfrist stoppen und Interessenkonflikte entschärfen.  abgeordnetenwatch setzt sich ein für: schärfere Karenzzeiten, echte Kontrolle ihrer Einhaltung, spürbare Strafen bei Verstößen.

 Damit aus Kontakten, die im Auftrag des Volkes geknüpft wurden, nicht über Nacht Lobby-Interessen werden.

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