“Querdenker”-Reisen nach Kanada

EU-Abgeordnete Anderson (AfD) verschwieg Finanzierung

Sie sprach vor rechten Separatisten und nächtigte im 4-Sterne-Hotel. Wer all das bezahlte, verschwieg die EU-Abgeordnete Christine Anderson (AfD) lange.

von Lisa Wölfl und Carsten Janz, 18.02.2026
Das Bild ist zweigeteilt. Links ist Christine Anderson im Portrait im EU-Parlament zu sehen. Rechts steht sie in Freizeitkleidung und Cowboy-Hut auf einer Bühne.

Wenig Zeit? Die Recherche in 1 Minute

  • Die EU-Abgeordnete Christine Anderson (AfD) verheimlichte monatelang, dass ein Unternehmen aus der kanadischen Querdenker-Szene ihre Reise durch das Land finanziert hat. Das zeigt eine Recherche von abgeordnetenwatch und t-online.
  • Zwei weitere Reisen fehlen völlig in Andersons Transparenzangaben.
  • Damit verletzte sie mutmaßlich die Transparenzregeln des EU-Parlaments.
  • Das Unternehmen, das Andersons Auftritte in Kanada seit 2023 organisiert und finanziert, wurde von einer Anhängerin von antisemitischen Verschwörungserzählungen mitgegründet.

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Im Europäischen Parlament hat sich die AfD-Politikerin keine Freund:innen gemacht. Andere Abgeordnete verlassen den Aufzug, sobald sie diesen betritt, sagt Christine Anderson ins Mikrofon. Trotzdem werde sie niemals den Mund halten. 

Applaus. 

Anders als im Parlament ist Anderson hier, bei einer Veranstaltung von kanadischen Separatisten, ein Star.

An jenem sonnigen Tag im Juli 2025 trifft sich die Separatisten-Bewegung aus Querdenker:innen und extrem Rechten. Sie wollen die Provinz Alberta von Kanada abspalten. Anderson hält vor diesem Publikum eine Brandrede: gegen die EU, gegen die Rechte von trans Personen und gegen Migration.

Vor ihr hängt ein Banner, das die Unabhängigkeit Albertas fordert. Anderson selbst trägt ein Tanktop mit der Aufschrift “Freedom Fighters Canada”.

Wie ist die deutsche Politikerin hier gelandet?

Christine Anderson sprach am 1. Juli 2025 vor den Alberta Separatists in Kanada.

Recherchen von abgeordnetenwatch und t-online zeigen, dass ein kanadisches Unternehmen Andersons Reise im vergangenen Sommer finanziert und verschiedene Auftritte organisiert hat. Die Firma Trinity Productions ist in der rechten Querdenker-Szene bestens vernetzt. Zu den Mitgründerinnen zählt eine Aktivistin, die antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet und den Holocaust hinterfragt.

Anderson spricht von einem “Büroversehen”

Monatelang verheimlicht Anderson, dass Trinity Productions ihre Reise durch Kanada bezahlt hat. Erst im Februar, einen Tag nachdem abgeordnetenwatch und t-online das Unternehmen dazu anfragen, holt Anderson die Meldung ans EU-Parlament nach.

Wieso so spät? “Ein Büroversehen”, antwortet Anderson auf Anfrage.

Sechs Nächte im 4-Sterne-Hotel Sheraton habe Trinity Productions bezahlt, wie sie gegenüber dem EU-Parlament angibt. Wie teuer das war, wisse Anderson nicht, sagt sie zu abgeordnetenwatch und t-online. Die teuersten Zimmer kosten laut Website des Hotels bis zu 700 Euro pro Nacht.

Um in Kanada aufzutreten, verpasste Anderson mehrere Sitzungen ihrer Ausschüsse zu Gesundheit und Demokratie.

Die Kosten bleiben geheim

Wie viel Geld zusätzlich für Transport und Verpflegung in Kanada anfiel, könne Anderson ebenfalls nicht sagen.

Trinity Productions äußert sich auf Anfrage nicht zu den Ausgaben für die Kanadatour der deutschen Politikerin.

Die EU-Transparenzregeln geben vor, dass Abgeordnete innerhalb von 60 Tagen transparent machen müssen, wenn Dritte Reisen zu Veranstaltungen finanzieren, die mit ihrem Mandat zusammenhängen. Anderson meldete ihre Kanadareise deutlich zu spät: rund 220 Tage nach ihrer Rückkehr.

Weitere Reisen will Anderson Jahre später nachmelden

Zwei weitere Reisen im Jahr 2023, die mit Trinity Productions in Verbindung stehen, fehlen heute noch in ihren Angaben.

“Ich stehe in Kontakt mit der Parlamentsverwaltung, um die entsprechenden Erklärungen abzugeben”, sagt Anderson dazu auf Anfrage von abgeordnetenwatch und t-online. Bis zum Redaktionsschluss fanden sich die Erklärungen nicht in ihrem Parlamentsprofil.

Der Grund für die jahrelange Verspätung ist unklar. Immerhin hat Anderson nach ihrer ersten Kanadatour im Februar 2023 zeitnah Angaben zur Transparenz gemacht (t-online berichtete über die Reise).

Von Brüssel nach Nordamerika: Die Querdenker-Connection

Wer die Verhaltensregeln verletzt, kann mit einer Rüge rechnen, heißt es aus der Pressestelle des EU-Parlaments. Im Extremfall kann die Parlamentspräsidentin das Tagegeld für bis zu 120 Tage streichen. Oft haben verspätete Reiseangaben allerdings keine Folgen.

Anderson sitzt seit 2019 für die AfD im EU-Parlament. In Deutschland ist sie außerhalb ihrer Heimat Fulda wenig bekannt. Mit einer polternden Rede gegen den damaligen kanadischen Premierminister Justin Trudeau im EU-Parlament machte sie sich 2022 in der dortigen “Freedom Convoy”-Szene einen Namen. Das verbindende Element: die Ablehnung der Covid-Impfung.

Das Geschäft mit Andersons Marke

Trinity Productions entstand im Umfeld der kanadischen Querdenker-Bewegung. Seit drei Jahren macht das Unternehmen Geld mit Andersons Auftritten. Sponsoren der Events im vergangenen Sommer waren lokale Unternehmen, die offenbar zwischen 1.500 und 5.000 kanadische Dollar bezahlten. Tickets für eine Rede in Calgary kosteten bis zu 150 kanadische Dollar.

Trinity Productions vertreibt außerdem Fanartikel mit Zitaten von Anderson. Wer bereit ist, inklusive Liefergebühren mehr als 50 kanadische Dollar zu bezahlen, geht aktuell offenbar leer aus. Zwei Wochen nach der Bestellung kam in der Redaktion weder eine Versandbestätigung noch das T-Shirt an.
 

Zu sehen sind Fanartikel, welche Trinity Productions verkauft.
"Please spare us your presence", sagte Christine Anderson einst zu einem Besuch des Ex-Premiers Justin Trudeau. Heute prangt der Spruch auf T-Shirts, die Trinity Productions vertreibt.


Eine Mitgründerin der Firma, Bethan Nodwell, hinterfragt öffentlich den Holocaust und verbreitet antisemitische Verschwörungserzählungen. Bei Andersons erster Kanadatour war es Nodwell, die sie auf der Bühne vorstellte, bevor die Politikerin Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und den Corona-Schutzmaßnahmen zog.

Von Nodwells Judenfeindlichkeit habe sie nichts gewusst, schreibt Anderson auf Anfrage. Mittlerweile hat Nodwell das Unternehmen verlassen.

Anderson verbindet die internationale Rechte

Die Zusammenarbeit mit Trinity Productions besteht bis heute. Geschäftsführerin Stacey Kauder nennt sich auf der Plattform X Andersons Managerin. Sie mache das aber unbezahlt “aus Hingabe” zu ihrer Person, schreibt Kauder auf Anfrage. Anderson habe zudem für die Events nie ein Honorar erhalten.


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Versteckte Spenden

Anderson bedient nicht nur eine kanadische Nische. Sie ist ein Bindeglied zwischen ihrer Rechtsaußen-Fraktion, Europa der Souveränen Nationen (ESN), und der etablierten nordamerikanischen Rechten.

Im Zuge ihrer Reise im Sommer war Anderson etwa Gast bei Jordan Peterson, einer intellektuellen Gallionsfigur der modernen Rechten. Allein auf Youtube hat das Video vom Interview mehr als eine halbe Million Klicks.

Seit Jahren ist Anderson außerdem mit dem extrem rechten US-Publizisten Steve Bannon verbunden, der aktuell wegen seiner Freundschaft mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in den Schlagzeilen steht. Anderson tritt in Bannons Podcast auf und schwärmt von seinen “legendären” Partys.

2024 und 2025 reiste sie nach Florida, um an Trumps Netzwerktreffen “CPAC Investor Summit” teilzunehmen. Ein Einzelticket zum Event kostete um die 5.000 US-Dollar. Diese Trips hat Andersons Fraktion ESN bezahlt, bestätigt die Fraktion auf Anfrage.


Diese Recherche entstand in Kooperation mit dem Nachrichtenportal t-online.

Vielen Dank an den kanadischen Journalisten Jeremy Appel, der abgeordnetenwatch und t-online unterstützt hat. Er berichtete schon 2025 von Andersons Rede vor den Alberta Separatists.

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Vorkommende Politiker:innen

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