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Frage von Christian L. •

Frage an Renate Sommer von Christian L. bezüglich Gesundheit

Liebe Frau Dr. Sommer,

eines gleich vorne weg: Wie der AOK-Bundesverband, der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, die Verbraucherzentralen, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Bundesärztekammer, die deutsche Herzstiftung und DiabetesDE, kurz wie alle, denen die Gesundheit am Herzen liegt, bin auch ich für die Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln.

Sie Frau Dr. Sommer lehnen die Ampelkennzeichnung ab, weil sie laut ihres Internetauftritts unter anderem befürchten, dass eine Ampelkennzeichnung zu einer Fehl- und Mangelernährung führt.
http://www.renate-sommer.de/image/inhalte/file/Arg-Papier%20Sommer%20GDA%20&%20Ampel.pdf

Meine Frage: Kennen sie Menschen in der EU, die an einem Zucker-, Salz-, oder Fettmangel leiden? Glauben sie ernsthaft, dass sich jemand schlechter ernährt, wenn er auf Produkten mit einem Blick den Fett-, Salz-,Zucker-, und Kaloriengehalt erkennen kann?

Außerdem behaupten sie auf ihrer Internetseite: „Die Ampelkennzeichnung fördert die Irreführung des Verbrauchers.“ Was denken sie, warum sind dennoch alle Verbraucherschutzorganisationen für die Ampelkennzeichnung?

Vielleicht kennen auch sie Frau Dr. Sommer politikverdrossene Menschen. Bei der Landtagswahl in NRW sind zum Beispiel nicht einmal mehr 60 Prozent der Bürger zur Wahl gegangen. Der Tenor ist: Viele Politiker kümmern sich nicht mehr um das Gemeinwohl, sondern verfolgen nur noch Partialinteressen? Glauben sie, dass sie im Interesse der Gesundheit der Menschen in Deutschland und der EU handeln, wenn sie sich gegen die Ampelkennzeichnung einsetzen. Und was meinen sie, wie wirkt sich die Ablehnung der Ampelkennzeichnung auf die Politikverdrossenheit aus?

Liebe Frau Dr. Sommer, mein Kopf ist rund. Das hat den großen Vorteil, dass das Denken bei mir die Richtung wechseln kann. Wie ist es bei ihnen? Lassen sie sich doch noch von den vielen guten Argumenten für die Ampelkennzeichnung überzeugen? Ich bin gespannt.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Lukas

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Antwort von
CDU

Sehr geehrter Herr Lukas,

in Beantwortung Ihrer Anfrage bezüglich der Lebensmittelinformationsverordnung kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:

Ich bin auch weiterhin der Meinung, dass eine Kennzeichnung durch nur drei Farben der Vielfalt der Lebensmittel und deren Inhaltsstoffen nicht gerecht wird und zu Fehl- und Mangelernährung führen kann. Hier kann ich mich unter anderem auf eine britische Studie stützen, nach der Verbraucher, die sich an einer Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln orientieren, sowohl "Rot" als auch "Gelb" als Warnung verstehen und dementsprechend fast nur noch "grüne" Produkte kaufen. So können dem Körper essentielle Nährstoffe vorenthalten werden, zumal nahezu alle Grundnahrungsmittel eine "schlechte" Ampelbewertung bekämen. Sie irren sich, wenn Sie meinen, ich sei überzeugt, jemand ernähre sich schlechter, wenn er "mit einem Blick den Fett-, Zucker-, Salz- und Kaloriengehalt" eines Produktes erkennen könne. Ich vertrete aber sehr wohl die Meinung, dass sich jemand schlechter ernähren kann, wenn diese Kennzeichnung der Nährstoffe durch lediglich drei Farben erfolgt und dem Verbraucher suggeriert wird, er nähme schlechte Produkte zu sich, sobald diese Gelb oder Rot gekennzeichnet sind. Hinzu kommt, dass die Trennlinien zwischen Rot, Gelb und Grün willkürlich gewählt, also nicht wissenschaftlich fundiert, und die Spannweiten innerhalb der Farbkategorien zu groß sind. Die Ampel vereinfacht viel zu stark und ist dadurch ungenau. Zusätzlich zeigt gerade die Erfahrung aus England, dass Lebensmittelhersteller die Rezeptur ihrer Erzeugnisse ändern, um eine möglichst gute Ampelbewertung zu bekommen. Das erscheint nur auf den ersten Blick positiv, denn hierbei werden zunehmend natürliche Inhaltsstoffe durch chemische Mixturen ersetzt. Auch kann diese "Reformulierung" zu einer Irreführung des Verbrauchers führen, wenn z.B. Zucker durch ein anderes Kohlenhydrat, wie Stärke, die nicht der "Ampelbewertung" unterliegt, ersetzt wird: So wird mit einem grünen "Zuckerpunkt" suggeriert, das Lebensmittel sei "schlank", obwohl der Energiegehalt gleich bleibt.
Alle diese Gründe sprechen dagegen, eine Ampel als Pflichtkennzeichnung auf Lebensmitteln einzuführen.

Stattdessen erachte ich es für sinnvoller, dass auf der Vorderseite in besonders großer Schrift und immer an der gleichen Stelle der Kaloriengehalt pro 100 g bzw. 100 ml angegeben wird. Dies ist die Information, die den Konsumenten am meisten interessiert. Sie garantiert die Vergleichbarkeit der Produkte, welche in sehr unterschiedlichen Gebindegrößen angeboten werden, direkt beim Einkauf. Aus welchen Nährstoffen der Energiegehalt stammt, kann man dann der künftig verpflichtenden, ausführlichen Nährwerttabelle entnehmen, die an anderer Stelle der Verpackung zusätzlich alle wichtigen Nährstoffe in einer gut lesbaren und verständlichen Form pro 100 g/ml des Lebensmittels aufführt.

Grundsätzlich werden alle Pflichtangaben auf Lebensmitteln in Zukunft lesbar sein müssen. Hierfür wird es Vorschriften geben, denn Lesbarkeit definiert sich bei weitem nicht nur über die Schriftgröße, sondern auch über Farbe, Kontrast, etc. Ferner trete ich dafür ein, dass Lebensmittelimitate auf der Verpackungsvorderseite gekennzeichnet werden müssen und dass irreführende Aufdrucke in Schrift und Bild auf Lebensmittelverpackungen verboten werden.

Ich denke, dass durch diesen Ansatz eine viel größere Verbraucheraufklärung über die Inhaltsstoffe eines Produktes erreicht werden kann als mit der Kennzeichnung durch nur drei Farben. Wie Sie meinen Ausführungen auf meiner Homepage jedoch entnommen haben werden, schließe ich eine zusätzliche freiwillige Kennzeichnung von Lebensmitteln durch graphische oder farbliche Darstellungen nicht aus - sofern sie einen wissenschaftlichen Hintergrund vorweisen können.

Übrigens ist es bei weitem nicht so, dass sich alle Welt für eine Ampelkennzeichnung ausspricht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) wendet sich genauso gegen eine Ampelkennzeichnung, also gegen eine Einteilung von Lebensmitteln in gute und schlechte Produkte, wie es auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) tut, da dies aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu vertreten ist. Niemand ernährt sich schließlich immer nur von ein- und demselben Produkt. Es kommt auf die Zusammensetzung der gesamten Ernährung an, wobei zusätzlich noch der individuelle Lebensstil zu berücksichtigen ist.

Weiterführend sei angemerkt, dass England, trotz der in einigen Supermarktketten auf ausgewählten Produkten eingeführten Ampelkennzeichnung, derjenige EU-Mitgliedsstaat ist, in dem die Dickleibigkeit insbesondere bei Kindern und Jugendlichen dramatisch ansteigt. Dies zeigt - genauso wie ähnliche Erfahrungen in den USA - dass Lebensmittelkennzeichnung allein eben nicht das Problem der zunehmenden Dickleibigkeit löst. Erforderlich sind Informations-, Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen, um wieder Ernährungswissen in der Bevölkerung zu verankern. Dies ist originäre Aufgabe der Mitgliedstaaten bzw. ihrer Bildungs- und Gesundheitssysteme. Zu Letzteren gehören bekanntlich auch Krankenkassen und Ärzte. Wenn diese Seite nun versucht, den "schwarzen Peter" allein den Lebensmitteln zuzuschieben, kann dies auch als ein Versuch gewertet werden, vom eigenen Versagen abzulenken. Glücklicherweise tritt aber längst nicht die gesamte Ärzteschaft für eine Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln ein, sondern nur eine kleine Minderheit. Abschließend möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass es sich bei der Lebensmittelinformationsverordnung um ein EU-Binnenmarktgesetz handelt, dass alle Lebensmittel und damit alle EU-Bürger betrifft. Die Diskussion über die Lebensmittelampel wird aber nur in den deutschen Medien inszeniert.

Mit freundlichem Gruß
Dr. Renate Sommer, MdEP