Portrait von Johannes Heinrichs
Johannes Heinrichs
HUMANWIRTSCHAFTSPARTEI

Frage an Johannes Heinrichs von Urvqv Jvrqrubcs bezüglich Arbeit und Beschäftigung

26. August 2006 - 15:17

Sehr gehrter Herr Prof. Heinrich!

Ich habe schon vor einiger Zeit mal was von ihrer Partei gelesen und fand das eigentlich auch ganz gut alles. Aber jetzt weis ich nicht so richtig was ich denken soll weil sie gegen das Grundeinkommen sind. Das Grundeinkommen war für mich die letzte Hoffnung als Sozialhilfeemfänger. Und ich kenn auch nur Leute die dafür sind. Ich hab nich verstanden warum sie, als Linker dagen sind, wo das doch schon der Traum von Marx war das die Maschienen für uns die ganze Arbeit machen. Außerdem ist doch glaub ich auch Gsell dafür gewesen, da heißt das glaub ich Mutterente. Falls sie doch dafür sind dann sagen sie schnell bescheid damit ich sie doch noch wählen kann.

viele Grüße

Heidi Wiedehopf aus Mitte

Frage von Urvqv Jvrqrubcs
Antwort von Johannes Heinrichs
28. August 2006 - 09:28
Zeit bis zur Antwort: 1 Tag 18 Stunden

Sehr geehrte Frau Wiedehopf,
ich verstehe natürlich die positiven Seiten, die Sie in einem bedingungslosen Grundeinkommen erkennen. In einem Artikel für unsere Zeitschrift HUMANWIRTSCHAFT (Juli/August-Nr. 2006) habe ich diese auch thematisiert. Außerdem habe ich aber die übliche Diskussion unterschieden von der Gesellschen Idee, die Einkommen aus "Boden", d.h. aus allen Naturschätzen, die der Allgemeinheit und nicht Privatpersonenen zustehen, an die Familien zu verteilen (bei Gesell die "Mutterrente").

Ich finde es jedoch unglücklich, diesen Gedanken zu vermischen mit der völligen Preisgabe des Gedankens der Arbeit als Dienstleistung für das Gemeinwohl. Wie nicht nur philosophische Überlegungen, sondern auch empirische Studien belegen, beziehen die Menschen gerade einen Großteil ihres Glückes aus dem Erlebnis, etwas Wesentliches zum Gemeinwohl beitragen zu können. Und dieser Beitrag heißt Arbeit - allerdings in einem neuen Verständnis, z.B. Kindererziehung eingeschlossen. Demgegenüber betrachten ich (und die meisten meiner Parteifreunde) es als eine neoliberale Finte, diesen Zusammenhang von Teilgabe und Teilhabe am allgemeinen Wohl endgültig zu zerstören, indem sie einen Teil der Bevölkerung bloß als Konsumenten verstehen, die man mit Brot und Spielen absättigt, den anderen Teil als aktive Teilhaber durch Arbeit im neoliberalen Sinne, rei zum Zwecke eines zusätzlichen Verdienstes. Das würde gewaltige neue Klassenunterschiede schaffen! Ziel müsste es dagegen ab sofort sein, die vergütete Arbeit gleichmäßig zu verteilen, durch radikale Arbeitszeitverkürzung (bis zur Halbierung der jetzigen Arbeitszeit).

Sie können erstens sicher sein, dass die Schlaraffenland-Vision von einem verdoppelten oder verdreifachten Sozialsatz ohnehin nicht kommen wird. Käme sie aber, wäre dies zweitens nicht im Sinne des verbrieften Grundrechtes auf Arbeit für Alle (im Sinne von Teilhabe durch Teilgabe), sondern ein neuer Schritt gegen die Menschenwürde und weiter hinein in die Klassengesellschaft. Auch bei Marx heißt es: Wir können den "bornierten bürgerlichen Rechtshorizont" - und das heißt auch die Verbindung von Einkommen mit Leistung - erst dann überschreiten, wenn die gesellschaftlichen Springquellen reicher fließen, weil zunächst einmal Gerechtigkeit hergestellt ist (Kritik des Gothaer Programms, Schluss). Wir können nicht am Gerechtigkeitsgedanken vorbei eine Mentalität der unbedingten Vorsorgung befriedigen.

Es tut mir leid, wenn ich die populistische Schlaraffenland-Illusion nicht bedienen kann. Vielleicht überlegen Sie sich anhand meiner Argumente noch einmal, ob Sie nicht trotzdem die HUMANWIRTSCHAFTSPARTEI wählen können. Sollte der erwähnte Artikel nicht als direkt Anhang an Sie gelangen können, könnten Sie ihn nachlesen auf www.netz-vier.dem unter "Forum" und dann "Politik".

Mit im übrigen sehr solidarischen Grüßen!

Johannes Heinrichs

Anhang "Grundeinkommen.doc":

Johannes Heinrichs
Die Lösung oder neoliberales Opiums fürs Volk?
Zum Grundeinkommen ohne Arbeit
(erschienen in: HUMANWIRTSCHAFT 04/2006, S. 12-16)

I. Das Bestechende der Idee

Die schon Jahrzehnte alte, von den Anfängen der grünen Bewegung an propagierte Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens hat neuerdings durch Gründung eines „Netzwerks Grundeinkommen“(1) sowie zuletzt besonders durch das öffentliche Engagement des erfolgreichen Unternehmers Götz Werner (Chef der DM-Drogerienkette) neuen Auftrieb bekommen. Bestechend ist die Idee, alle sozialen Transferleistungen mit dem dazu gehörigen komplizierten Verwaltungsapparat zu ersetzen durch eine einzige und einheitliche Grundsicherung des Bürgers. Der sozialpolitische Aspekt der Vereinfachung, der sich mit dem der Gerechtigkeit verbindet: Wer über diese Grundsicherung hinaus seinen Lebensstandard erhöhen und Geld verdienen will, dem steht diese Möglichkeit offen.

Bestechend ist ferner der Gedanke, das Paradigma Arbeit als Voraussetzung für Überleben und Teilhabe am öffentlichen Reichtum („Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“) abzulösen durch das Paradigma der bedingungslosen Grundversorgung eines jeden Mitglieds der Gemeinschaft, und dies als Sockel für alles Weitere. Die Maschinen machen es möglich, dass ungeheurer Reichtum an Gütern erzeugt und die meiste Routinearbeit überflüssig wird. Ein schon lange erträumter und vorhergesehener Zustand:

„Nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden, nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springbrunnen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont überschritten werden.“(2)
Der „enge bürgerliche Rechtshorizont“ spricht sich unter anderem in eben dem alten, auch neutestamentlichen Satz aus: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ (2 Thess 3, 10). Und in dem ganzen, angeblich kapitalistischen Leistungsprinzip. Hierin liegt der anthropologische Aspekt, der sich mit dem folgenden psychologischen eng verbindet:

Arbeit soll dabei künftig gesehen werden als freiwilliger und freudiger Beitrag zum Gemeinwohl. Es wird vorausgesetzt, dass die Menschen gern arbeiten, wenn dies ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Dass sie in dem ihre eigene Selbstverwirklichung finden, was allzu lange und in extremem Maße mit Mühe und Selbstüberwindung, mit Routine und Selbstentfremdung, mit Kuschen und Selbstverleugnung verbunden war.

Es wird vorausgesetzt, dass diese freiwillige und freudige neue Art der Arbeit voll ausreicht, um das zu tun, was die Maschinen allein noch nicht können. Der volkswirtschaftliche Aspekt. Zu diesem Aspekt würde auch die Voraussetzung gehören, dass ein wirklich ausreichendes Grundeinkommen von derzeit 1300-1500 € durch Wegfall aller anderen Sozialleistungen bezahlbar wäre, eine immerhin kühne Voraussetzung, die hier nicht diskutiert werden kann. Sie mag dahingestellt bleiben.

Es wird teilweise auch vorausgesetzt, dass viele Tätigkeiten der zwischenmenschlichen Fürsorge sowie kreative Kulturleistungen zusätzlich zum Grundeinkommen vergütet werden können. Doch hier spätestens beginnen die Unklarheiten: In welchem Maße sollen die Leistungen der Fürsorge, von der Hausarbeit angefangen, und die Leistung künstlerischer und kultureller Art, wiederum von der elementaren Erziehung und Unterrichtung der Kinder angefangen, als wirtschaftliche Tätigkeiten betrachtet und vergütet werden?

Es kommt neuerdings noch ein Aspekt hinzu, der ökologische: Der Boden und alle Naturgüter (Luft, Wasser, Öl, Gas und andere Bodenschätze) sollen – in Fortsetzung einer Idee von Silvio Gesell – konsequent als Güter der ganzen Rechtsgemeinschaft (des Volkes bzw. Staates oder einer Staatengemeinschaft) so verwaltet werden, dass sie zwar privatwirtschaftlich genutzt werden können, jedoch nicht zu Spekulation und Erpressung dienen können. Die Einkünfte aus den Pachtverhältnissen werden als Rente für die Familien bzw. die Bedürftigsten umgelegt (bei Gesell: „Mutterrente“).(3) Doch dieser spezifisch ökologische und eigentumsrechtliche Sinn eines Grundeinkommens unterscheidet sich markant von der gängigen Diskussion um das Grundeinkommen ohne Arbeit. Er soll hier keineswegs in Frage gestellt werden, kann aber an dieser Stelle nicht näher diskutiert werden. Ich schlage allerdings vor, diese ganz andere Richtung einer gezielten Verteilung von Erträgen aus öffentlichen Gütern, die es ihrem Wesen nach sind, nicht mit dem demselben Ausdruck „Grundeinkommen“ zu belegen. Nicht allein würde dadurch die Gedankenverwirrung gesteigert, die im Folgenden aufgezeigt wird. Es würde auch ein ganz anderes, sehr berechtigtes Anliegen durch diese sprachliche Gleichschaltung unnötig in den Strudel einer Verwirrung gezogen.

Gerade weil in dieser Utopie des bedingungslosen Grundeinkommens viele Wahrheitselemente liegen, muss nämlich nun untersucht werden, wieweit es sich um täuschende Halbwahrheiten handelt. Halbwahrheiten untergraben die Wahrheit bekanntlich viel wirksamer als offenkundige und völlige Irrtümer. Es sollen zunächst nicht so sehr fixierte Einwände als vielmehr kritische Fragen an die Konzeption des bedingungslosen Grundeinkommens formuliert werden. Wieweit diese uns schon ein Fazit ermöglichen, wird sich zeigen.

II. Kritische Fragen

1. Würde ein solches Grundeinkommen unter den gegenwärtigen Wirtschaftsbedingungen nicht zu einer weiteren Verfestigung der Klassengegensätze führen: zwischen denen, die sich mit dem Grundeinkommen begnügen wollen oder müssen, und denen, deren Ehrgeiz und Leistungsantrieb, vielleicht auch Habgier und Lust auf Wohlstand, sie in die neue schöne Welt der ganz freiwilligen Arbeit hineinführt?

2. „Unter den gegenwärtigen Wirtschaftsbedingungen“. Diese aber sind zutiefst gekennzeichnet vom leistungslosen Mehrwerden des Geldes als Kapital, also den Rücklagen der hohen Einkommensschichten, welche bekanntlich allein die Gewinner des Zinseszinssystems sind. (Der Zins wird hier vor allem als Einkommen aus Renditen, als Kapitallohn, betrachtet. Als solcher stellt er die Kehrseite derselben Medaille, die in der Produktionssphäre der Mehrwert, das heißt der unbezahlte Anteil der Arbeit, ist.) Eine Beseitigung dieses Umverteilungsmechanismus erst würde die Voraussetzungen schaffen für allgemeineren Wohlstand nach Prinzipien einer zwischenmenschlichen Gerechtigkeit.

3. Speziell echte Leistungsgerechtigkeit ist in der gegenwärtigen, durch Selbstvermehrung des Geldes gekennzeichneten, kapitalistischen Wirtschaftsweise gerade nicht gegeben, allem gegenteiligen Gerede von unserer angeblichen „Leistungsgesellschaft“ zum Trotz. Leistungsgerechtigkeit wäre also keinesfalls gegeben oberhalb des Sockels der Grundversorgung. Es drängt sich im Gegenteil der Verdacht auf, die ganze Idee der Grundversorgung sei eine weitere Finte des Kapitalismus, die Menschen durch Brot und Spiele zu sedieren, die für den Verwertungsprozess des Kapitals nicht mehr benötigt werden, es sei denn als Konsumenten. Die Privilegien Kapital- und Bodenbesitz sind die Leistungsverfälscher par excellence, werden aber nicht als solche thematisiert. Der Leistungsgedanke sowie der respektvolle Umgang mit Leistung und Kreativität anderer ist denn auch einigen Verfechtern des bedingungslosen Grundeinkommens persönlich fremd.(4)

4. Der Verwertungsprozess des Kapitals ist es, der durch die immer leistungsfähigeren und „intelligenteren“ Maschinen ausgeführt wird. Zwar steckt in ihnen vielfache menschliche Arbeit, nicht zuletzt Erfindungsreichtum. Doch besteht die Tendenz unvermindert darin, den Menschen weiszumachen, dass das Geld arbeitet und seinen Lohn verdient – was man ja am Sachkapital, an den so hervorragend arbeitenden Maschinen sehe. Demgegenüber kann eine „humanwirtschaftliche“ Position nur lauten, dass einzig und allein der Mensch arbeitet, dass zwar die in den Maschinen vorgetane Arbeit ihre volle Entlohnung verdient, dass selbstverständlich auch der Verschleiß der Maschinen zu vergüten ist, dass jedoch in keiner Weise die aktuelle „Arbeit“ der Maschinen einen Lohn verdient, ebenso wenig wie die Pseudoarbeit des Kapitals, dessen Lohn Rendite genannt wird. Um diese dreht sich unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem.(5) Würde dies in irgendeiner Weise gemindert durch „Grundeinkommen ohne Arbeit“ – außer dass, im besten Fall, ein großer Teil der Menschen durch ein Mindesteinkommen ruhig gestellt würde, ein anderer großer Teil gut verdienen würde und einige die mächtigen Profiteure des Systems blieben? Die Menschen mit Grundeinkommen wären die menschlichen Spiegelbilder des „arbeitenden“, in Wahrheit schmarotzenden Kapitals. Dieses und die Maschinen würden für sie arbeiten. Wie wohltätig! Würde die große Lüge nicht durch eine neue verschleiert. „Fortschrittliche Politik muss zum Ziel haben, Teilhabe für alle zu organisieren. (…) Dies bedeutet Aufhebung des Müßiggangs bei den VermögensbesitzerInnen und auch bei den Erwerbslosen.“(6)

5. Die Menschen mit Grundeinkommen ohne Arbeit sind Menschen, die gesellschaftlich, zumindest wirtschaftlich, nicht gebraucht würden, es sei denn zum Konsumieren, auch eine Form der Kapitalverwertung. Ist dieses Menschenbild der Leistungslosigkeit etwa ein solches des Bewusstseins um den Geschenkcharatker des Daseins (des mehr oder minder spirituellen Bewusstseins, dass die meisten und wichtigsten menschlichen Güter Geschenke sind) oder nicht vielmehr ein solches der Abhängigkeit und Unmündigkeit? Natürlich verschleiert durch die Verwechselbarkeit beider Arten von Beschenktheitsbewusstsein. Ein Großteil der Gewerkschaftler bedankt sich denn auch für solch ein zwiespältiges „Geschenk“. „Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen wären die Nichterwerbstätigen elegant entsorgt. Aber ist das das Reich der Freiheit?“(7)

6. Arbeit im neuen Sinne müsste eine Art der Teilhabe am Gemeinwesen, im tiefsten Dienstleistung für die Gemeinschaft darstellen. Doch was ist mit den vielen Menschen, deren Teilhabe durch Arbeit gar nicht erwünscht und erfordert ist? Warum wird die Arbeit (auch und gerade in diesem neuen Sinne) nicht vielmehr verteilt: das Konzept der Arbeitszeitverkürzung, das Oskar Lafontaine und seine Partei mit Recht erneut in die Diskussion einbringen? Arbeitszeitverkürzung hieße: Verteilung des Privilegs auf aktive und vergütete Teilhabe am Gemeinwesen – statt Auseinanderdriften der Gesellschaft in bloße Sozial-Leistungsempfänger und aktive Teilhaber. Müsste nicht empfangende Teilhabe durch aktive Teilgabe die Parole sein – statt des Auseinanderfallens der beiden Seiten? Verlangen die Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens vielleicht nur deshalb keine sinnvolle Gegenleistung, weil das eine neue Debatte über Verteilung der Arbeit und Kapitalinteressen auslösen würde?

7. Die Vertreter des Konzepts Grundeinkommen ohne Arbeit beteuern, es gäbe nicht genug Arbeit. Muss man hierin nicht eine weitere Lüge wittern? Richtig ist, es gibt nicht genug verfügbares Geld für Unmengen von Arbeiten, die getan werden müssten, sollten, könnten. Denken wir nur an das Sauberhalten und Pflegen unserer Städte und Landschaften, von dem unermesslichen Bedarf an sozialer Zuwendung zu schweigen. Doch die „freie Wirtschaft“ vergütet sie nicht, während die öffentlichen Kassen leer sind. Dennoch wird in politischen Talkshows noch immer behauptet, es gäbe keine Arbeit mehr. Das mag für die betriebswirtschaftliche Kalkulation gelten. Volkswirtschaftlich ist es pure Unwahrheit. Wird es vielleicht Zeit, dessen Befürworter vom Sockel ihrer scheinbar menschheitsbeglückenden Pseudo-Utopie auf den Boden der Realität zu holen?

8. Viele unangenehme Routinearbeiten werden auch in der schönen neuen Welt des Grundeinkommens und der angeblich neuen Auffassung von Arbeit als kreativem Bedürfnis getan werden müssen, z. B. Reinigungsarbeiten, Packarbeiten, Botendienste, Bedienung in Handel und Gastronomie. Es ist unglaubwürdig, dass all diese Tätigkeiten als freudiger Dienst, gar innere Selbstverwirklichung der Arbeitenden geleistet würden, nur weil ein Grundeinkommen schon da wäre. Ein Großteil dieser Tätigkeiten wird weiterhin allein um des Geldes willen geleistet werden – solange der Geist der Gesellschaft der alte ist. Entweder herrscht der Geist des Kapitalismus oder der des Dienens. Das Grundeinkommen geht jedoch nicht an diesen alten Geist heran. Sein angeblich neues Paradigma (dass es um Einkommen, nicht um Arbeit gehe) ändert an diesem Geist nicht das Geringste. Wird doch nicht einmal die Arbeit als soziale Dienstleistung, sondern lediglich als Zusatzverdienst-Leistung angesprochen.

9. Ferner: Welche menschlichen und kulturellen Leistungen sollen eigentlich in der neuen Arbeitswelt über den Sockel des Grundeinkommens hinaus vergütet werden und in die eigentliche wirtschaftliche Warensphäre einfließen? Entweder wird alle Erziehung, Fürsorge, Kulturtätigkeit vom einfachsten Unterrichten bis zu den kreativen Höchstleistungen zur Ware – wer anders sollte sie dann bewerten als der launische, modenabhängige, oberflächliche und daher ungerechte Markt? – oder sie ist mit dem Grundeinkommen schon abgegolten, wie vermutlich heute ein Teil der größten künstlerischen und wissenschaflichen Erfinderleistungen ungerechterweise unvergütet bleiben. Die Trennlinie zwischen allgemeinmenschlicher Zuwendung und wirtschaftlich relevanten Sonderleistungen wäre schwer zu bestimmen. Dabei soll es doch so einfach werden auf dem Sockel eines allgemeinen Grundeinkommens!

10. Man könnte einwenden, was Arbeit als Dienstleistung im wirtschaftlichen Sinne (und somit als Ware) ist und was freie menschliche Zuwendung und Kreativität, diese Frage bleibt in jedem Wirtschaftssystem schwierig. Wo verläuft die Grenze der Warenwelt, also der durch Geld geprägten Wirtschaft? Es ist wahr: Hier lägen tiefere Denk- und Gestaltungsaufgaben: Wie kann der „enge bürgerliche Rechtshorizont“ und damit zugleich der warenwirtschaftliche Geldhorizont überschritten werden, ohne dass dieser das gesamte menschliche und gesellschaftliche Leben hinterrücks doch dominiert? Die Verfechter des Grundeinkommens ohne Arbeit machen es sich aber einfach: Sie sedieren mit einem Minimaleinkommen die neuen „Proletarier“, die Kindererzieher, wirtschaftlich Genügsamen und Kreativen, soweit Letztere nicht den Weg auf den offiziellen Markt finden, und die es tun, sind selten die Besten!

III. Fazit

Die Frage nach einem Grundeinkommen ohne Arbeit rührt unmittelbar an die tiefsten Fragen des Menschenbildes und Gesellschaftsbildes, einschließlich des Verständnisses von Wirtschaft und Geld. Es genügt nicht, das jetzige gesellschaftliche Minimaleinkommen nach Hartz IV einfach aufzustocken und seine Gewährung „sozialpolitisch“ zu vereinfachen! Viel mehr aber bieten uns die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens m. W. bisher nicht. Sie meinen, den Kapitalismus und die mit ihm einhergehenden Mentalitäten im Wesen ungeschoren lassen zu müssen, indem man vom alten Paradigma „Lebensunterhalt durch Arbeit“ zu einem neuen, etwa „Geldverdienen aus Spaß, auf der Basis einer umsonst gewährten Grundsicherung“ übergeht. Mir scheint dies in mehrfacher Hinsicht als irreal-utopisch und zu oberflächlich gedacht. Bekanntlich ist das in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 zumindest postulierte "Recht auf Arbeit" in dem Entwurf einer Europäischen Verfassung auf ein "Recht zu arbeiten" reduziert worden: Ein Anspruch an die Qualität unserer Institutionen und ihrer Politik wird, gut neoliberal, zu einem subjektiven Recht degradiert. In der Debatte um bedingungsloses Grundeinkommen wird daraus ein Recht auf Zusatzeinkommen für die Anspruchsvolleren und Gierigeren, für die im materialistischen Bewusstsein Tüchtigeren!

Arbeit muss in der Tat als soziale Dienstleistung gedacht werden, sei es als bewusst materiell unvergüteter Dienst am Mitmenschen wie an der Gemeinschaft, sei es als Dienstleistung im wirtschaftlichen Sinne.(8) Als wirtschaftliche unterliegt sie dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Gerade dieses Leistungsprinzip aber ist im Kapitalismus in keiner Weise gewährleistet. Erst wenn wir hier unsere Hausaufgaben gemacht haben, kann der enge bürgerliche Rechtshorizont und Geldhorizont verantwortlich in Richtung tieferer Menschlichkeit und Liebe sowie auf einen Geist des Beschenktwerdens hin überschritten werden. Vorher wirkt ein bedingungsloses Grundeinkommen als ein einschläferndes Surrogat größerer Gerechtigkeit und Menschlichkeit, um nicht von einem wieder einmal einschläfernden „Opium des Volkes“ zu sprechen. Denn kommen wird es ohnehin auf lange Sicht nicht, über Hartz IV hinaus. Eher erleben wir einen grundsätzlicheren Systemeinbruch.

Anmerkungen:

(1)„Das Netzwerk Grundeinkommen wurde im Juli 2004 von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Studierenden, Mitgliedern der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen, kirchlicher Verbände und verschiedener Parteien sowie weiteren Bürgerinnen und Bürgern gegründet. Es befürwortet ein bedingungsloses, garantiertes Grundeinkommen als grundlegende Alternative zur gegenwärtigen Politik einer forcierten Druckausübung auf Arbeitslose trotz des Mangels an Arbeitsplätzen, für welche die sogenannten Hartz-IV-Gesetze zum Inbegriff geworden sind“ (www.netzwerk-grundeinkommen.de).
(2) Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, in: Politische Schriften, 2. Bd., hg. v. H.-J. Lieber, Darmstadt 1960, 1024.
(3) Vgl. dazu: Alwine Schreiber-Martens, Das “Ressourcen-gestützte” Grundeinkommen, in: Fairconomy 2/2005.
(4) Vgl. Franz-Theo Gottwalds Nachwort in meinem Buch „Logik des Sozialen“, Varna u.a.O. 2005: „Klarstellungen zu M. Opielkas ‚Gemeinschaft in Gesellschaft’“, 291-320.
(5) Vgl. den 1965 verstorbenen „freiwirtschaftlichen“ Autor Karl Walker, Ausgewählte Werke, Lütjenburg 1995, 279: „Wenn die westliche Welt überhaupt so etwas wie Einigkeit in einer Sache an den Tag legt, dann in dem einen Punkt, daß kein Staat, kein Politiker, keine Universität, keine Kirche und keine Schule auch nur daran denkt, die unserer ökonomischen Ordnung zugrunde liegende axiomatische Notwendigkeit der sogenannten ‚Rentabilität’ - und damit die Verzinsung des Investitionskapitals - preiszugeben. Nicht die Freiheit ist unser Höchstes! Das sind Deklamationen für Massenmedien. Wir sehen doch: wo die Freiheit im ökonomischen Wettbewerb die Rentabilität angreift und abbaut, wird sie dem ´höheren Ideal´ untergeordnet."
(6) Michael Schlecht, Bedingungsloses Grundeinkommen, in: Sozialismus 3/2006, 22.
(7) Ebd. 21.
(8) In diese Richtung zielt mein Aufsatz „Paradoxien der Arbeit in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit“, in: Sprung aus dem Teufelskreis, 2. Aufl. 2005, 267-286.