Franz Josef Senge-Kolb
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Frage von Matthias V. •

Frage an Franz Josef Senge-Kolb von Matthias V. bezüglich Wirtschaft

Guten Tag,

wie stellen Sie sich die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor?
Woher sollen die benötigten Mittel kommen?
Wie Stellen Sie sich das vor?
Meiner Meinung nach wird die Verantwortung fürs eigene Leben dadurch komplett an den Staat abgegeben, da man nichts mehr tun muss um versorgt zu werden. Wie sollen Menschen dadurch für die aktive Mitarbeit in der Gesellschaft gewonnen werden? Glauben Sie, dass leistungsbereite Menschen bereit sind, noch mehr Steuern zu bezahlen um einigen ein Schlaraffenland zu ermöglichen? Gerade in Baden-Württemberg ist man zu Recht stolz auf die Schaffenskraft und die Leistungsbereitschaft des einzelnen.
In der heutigen Zeit wäre ein Anreiz - gerade für junge Leute, mehr Eigenverantwortung an den Tag zu legen wesentlich hilfreicher. Mit einem bedingungslosen(!!!) Grundeinkommen fördern und legitimieren Sie Faulheit und Müßiggang. Wieso sich anstrengen, wenn man ja auch so versorgt wird. Der Staat wirds schon richten. Solche Einstellungen sind tödlich für unser Sozialwesen und in höchstem Maße sozial ungerecht. Ungleiches muß auch ungleich behandelt werden.
Wie sehen Sie diese Aspekte?

Freundliche Grüße
Matthias Vogt

Antwort von
DIE LINKE

Guten Tag, Herr Vogt,

Sie werden sich vielleicht wundern, wenn ich Ihnen sage, dass ich vor noch nicht allzu langer Zeit mit Ihnen einer Meinung gewesen bin. Das hat sich geändert, als ich begann, mich mit dem Thema "bedingungsloses Grundeinkommen" (bGE) intensiver zu befassen. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Konzepten (samt Kritik an Ihnen) und es wäre vermessen zu behaupten, dass diese Konzepte - oder eins von ihnen - in absehbarer Zeit verwirklicht werden könnten. Zu sehr ist das Nachdenken über das bGE noch in den Anfängen.

Mir scheint wichtig, sich intensiv mit dem bGE zu befassen. Warum? Ich will hier nur einige Punkte ansprechen (besser und ausführlicher können es die Fachleute im Internet)

1. Es hat in den letzten Jahrzehnten etwas total Neues stattgefunden, eine Produktivitätssteigerung, wie sie sich niemand hätte vorstellen können. Vollbeschäftigung gab es in den sechziger Jahren, es wir sie nie wieder geben. Und - rein rechnerisch - kann man sagen, dass nur ein Teil der Menschen, die arbeitslos werden, wieder Arbeit finden wird. Wollen wir Dauerarbeitslose als "Looser" an den Rand der Gesellschaft schieben?

2. Die Arbeitswelt ist knallhart geworden und zerstückelt, Ellenbogenmentalität macht sich breit. Die Folge sind Krankheiten, deren Behandlung immer größere Teile des Volkseinkommens verbrauchen: Übergewicht, Untergewicht, Depressionnen, Diabetes, Burn out.... Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

3. Viele Menschen arbeiten in Berufen, die nicht ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechen. Sie haben diesen Beruf gewählt, weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Spaß haben sie nicht daran, und das bremst natürlich auch ihre Produktivität. Gäbe es das bGE, könnten sie sich abgesichert fortbilden, umschulen und den Beruf wechseln.

4. Der Mensch hat von Natur aus Spaß am Lernen, Spaß am Arbeiten und Freude an der Geselligkeit, am sozialen Miteinander. Ich sage das mal so pauschal - Ausnahmen bestätigen die Regel. Schauen Sie sich Kinder an, wie sie etwas hundertmal ausprobieren, wie stolz sie sind, wenn sie etwas zustande gebracht haben! Leider gehen diese Fähigkeiten häufig im Leben und im Berufsalltag verloren.

5. Wenn sich ein Teil der Menschen in der sozialen Hängematte mal ausruht, sollten wir das mit Fassung tragen, denn immerhin gibt es auch in den wohlsituierten Schichten Menschen, die ihr Nichtstun kultivieren (natürlich mit Schampus, nicht mit Bier) und über die sich nur wenige mokieren!

6. Schon heute werden mehr als 5o Prozent aller gesellschaftlichen Arbeiten ohne Bezahlung auisgeführt. Insofern sollten wir uns Gedanken machen, warum wir immer noch bei dem Begriff "Arbeit" ausschließlich an bezahlte Arbeit denken!

7. Der Apparat, der heute für die soziale Absicherung vorhanden ist, ist unglaublich teuer. Schon hier gäbe es enorme Einsparmöglichkeiten.

8. Wenn man sich dem Gedanken der Gleichheit aller Menschen verpflichtet fühlt (und das setze ich bei Ihnen voraus), dann ist es absolut notwendig, dass eine Gesellschaft ausgleicht, was die Herkunft an Ungerechtigkeit für den einzelnen bereithält. Insofern hat auch das "Alte Testament" ein "Jobeljahr" als Richtschnur: Alle sieben mal sieben Jahre solle es eine Neuaufteilung der Güter geben. Das ist nicht verwirklicht worden, sollte aber ein Nachdenken darüber hervorrufen, wie die krassen Ungerechtigkeiten aufgrund der Abstammung ausgeglichen werden können. Das ist - verstehen Sie mich nicht falsch - nicht nur eine Frage des Geldes, sondern der Bildung.

Also: Denken Sie weiter über das bedingungslose Grundeinkommen nach, lassen Sie sich nicht zu schnell auf Denkklischees ein! Ich finde das Thema spannend, es sollte nicht voreilig ad acta gelegt werden!

Es grüßt der Landtagskandidat der Linken: Franz-Josef Senge-Kolb