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Frage von helmut r. •

Frage an Angelika Graf von helmut r. bezüglich Gesellschaftspolitik, soziale Gruppen

Sehr geehrte Frau Graf,

können Sie mir bitte einmal mitteilen, wer eigentlich die vielen Umfragen zur Lage der Parteien veranlasst und somit auch bezahlt ? Es würde mich wundern, wenn es die Parteien selbst wäre, klagen sie doch oft über Geldmangel.

Freundliche Grüße
Helmut Rohmann

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Antwort von
SPD

Sehr geehrter Herr Rohmann,

vielen Dank für Ihre Abgeordnetenwatch-E-Mail vom 7. November 2007 zum Thema Umfragen.

Vor allem die Medien – also Tages- und Wochenzeitungen sowie Fernsehsender – beauftragen die Meinungsforschungsinstitute für die scheinbar ständig wachsende Zahl der Umfragen. Aber auch die Parteien geben natürlich Umfragen und Untersuchungen in Auftrag, deren Ergebnisse dann aber in der Regel intern bleiben und stärker in die Tiefe gehen, als die Umfragen, die in der Regel in den Medien zu sehen sind und auch von den Medien bezahlt werden. Für Parteien kann es hilfreich sein, in Umfragen ihre Zielgruppen (zum Beispiel bestimmte Altersgruppen oder bestimmte Berufsgruppen) und deren Einstellungen sowie Meinungen zu erforschen. Die CSU hatte zum Beispiel zuletzt auf solche Maßnahmen zurückgegriffen, um Lösungen zu finden, wie sie für Wählerinnen und Wähler in Großstädten bzw. im städtischen Milieu wieder attraktiver wird. Ergebnisse solcher Befragungen finden dann mitunter auch Einfluss in die Gestaltung von Parteiprogrammen.

Ich persönlich halte Umfragen für überbewertet, weil viele Dinge auch ohne Umfrage zu erfahren sind, wenn man/frau mit offenen Augen durchs Leben geht. Grundsätzlich sind zudem alle Umfragen mit Vorsicht zu genießen. So stellte sich ja zum Beispiel bei der letzten Bundestagswahl heraus, dass die Medien auf Basis der Umfragen eine schwarz-gelbe Regierungskoalition etwas voreilig ausriefen. Bei Umfragen gibt es verschiedene Fallstricke. Bei der Bundestagswahl wollten die Medien meiner Meinung nach überwiegend den Regierungswechsel zu einer schwarz-gelben Bundesregierung. Während kurz vor der Bundestagswahl das internationale Wirtschaftsblatt „Economist“ ein Wiedererstarken Deutschlands durch die rot-grünen Strukturreformen attestierte, war das zum Beispiel hierzulande dem Nachrichtenmagazin Spiegel nur eine kleine Randnotiz wert – stattdessen lief eine mehrteilige Reihe, warum Deutschland angeblich am wirtschaftlichen Abgrund stünde. Wenn die Menschen aber – zum Beispiel durch die Medien – den Eindruck gewinnen, es werde von ihnen erwartet einen bestimmte Position zu beziehen, dann machen viele das und geben auch in Umfragen die von ihnen vermeintlich gewünschte Antwort. In den Wahlkabinen sah das aber – glücklicherweise – anders aus, zumal man/frau dort alleine und keiner Rechenschaft schuldig ist. Die Bundestagswahl hat insofern gezeigt, dass Umfragen nicht unbedingt die Realität widerspiegeln.

Umfragen werden leider auch häufig missbraucht. Jürgen Rüttgers, CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, verwies zum Beispiel bei seiner Forderung nach Veränderungen bei der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes immer auf die angeblich enorme Zustimmung der Bevölkerung für seine Vorschläge. Im Kleingedruckten sah sein Vorschlag aber Kürzungen für jüngere und auch für viele ältere Arbeitslose vor, die öffentlich kaum wahrgenommen wurden, so dass der Eindruck blieb, es gehe allein um eine Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für alle Älteren. Eine Frage wie „Unterstützen Sie die Forderung von Jürgen Rüttgers, das Arbeitslosengeld für Ältere zu verlängern?“ wäre zum Beispiel bereits täuschend und irreführend, ebenso wie das Ergebnis einer solchen Befragung. Wenn gefragt wird: „Wollen Sie, dass das Arbeitslosengeld für Ältere verlängert wird?“ werden zudem sehr viel mehr Menschen zustimmen, als wenn – was Rüttgers ebenfalls forderte – gefragt wird „Wollen Sie, dass das Arbeitslosengeld für Jüngere verkürzt wird?“. Generell sind Fragen nach besseren finanziellen Leistungen problematisch, weil natürlich die meisten Menschen zustimmen würden, wenn gefragt wird, ob bestimmte soziale Leistungen ausgebaut werden sollen. Wenn aber gefragt wird, ob Steuern erhöht werden sollen, um bestimmte soziale Leistungen auszubauen zu können, sähe das mitunter anders aus.

Bei meiner – heutzutage unvermeidlichen Lektüre – von Umfragen sehe ich leider viele Fragen, die bereits nicht korrekt gestellt sind und zudem teilweise schon eine Meinung enthalten. Fragen die bereits eine Meinung enthalten sind grundsätzlich unseriös. Zum Bahnstreik zum Beispiel gab es eine Frage, ob sich die Lokführer mit einem Streik „wehren“ sollten. Das Wort „wehren“ implizierte den befragten Bürgerinnen und Bürgern damit, dass die Lokführer angegriffen worden seien, Opfer wären und sich nun verteidigen müssten. Solche vorgegebenen Meinungen innerhalb einer Frage drücken sich natürlich auch im Umfragergebnis aus. Abschließend rate ich also daher immer zur Vorsicht bei Betrachtungen von Umfragen und zu einem genauen Blick auf die Seriosität der Frage.

Mit freundlichen Grüßen
Angelika Graf