Claudia Schober
FDP
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Frage von Felix S. •

Wie stehen Sie zu dem Bürgerbegehren "Bahnhof mit Zukunft" dass den Erhalt von Gleisen des Kopfbahnhofs fordert, damit Stuttgart von viel mehr Zügen angefahren werden kann? Wie geht Verkehrswende?

Bei https://bahnhofmitzukunft.de 23.926 fordern Stuttgarter 2025 den Erhalt von Gleisen des Kopfbahnhofs.

Warum müssen Züge die in Stuttgart beginnen oder enden in den Tunnelbahnhof fahren?

Wie soll wesentlich mehr Personenverkehr als heute auf nur 4 statt 9 Bahnsteigen bewältigt werden? Sind Sie schon mal in Berlin und Hamburg umgestiegen, wenn die Fahrgäste für mehrere stark nachgefragte kurz hintereinander fahrende Züge den Bahnsteig total ausfüllen und dann noch Leute aus dem Zug aussteigen wollen und mit Gepäck oder Fahrrad zu den Abgängen wollen?

Ist für Stuttgart ein leistungsfähiger Kopfbahnhof zusätzlich zu S 21 nicht viel wichtiger, als Bauland genau an dieser Stelle?

Müssen nicht, um die PKW-Fahrer von der Straße auf die Schiene zu bringen viel mehr Züge als heute fahren?

Sollen Sonderzüge nach Stuttgart möglich sein?

Ist es nicht angenehm, wenn Züge länger am Bahnsteig stehen können, da man eher einsteigen kann?

Wie haben Sie sich beim Bürgerbegehren verhalten?

Antwort von FDP

Sehr geehrter Herr S., 

vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich respektiere das Engagement der Initiatoren ausdrücklich. Gleichwohl halte ich die Forderung nach einem dauerhaften Erhalt zusätzlicher Gleise des Kopfbahnhofs für verkehrlich und städtebaulich nicht zielführend. Gerne erhalten Sie nachfolgend meine Antworten auf Ihre Fragen.

Warum müssen Züge die in Stuttgart beginnen oder enden in den Tunnelbahnhof fahren?
Stuttgart liegt im Zentrum eines stark vernetzten Bahnnetzes. In Zukunft werden nur vergleichsweise wenige Fernzüge tatsächlich in Stuttgart starten oder enden, weil der Trend im Fernverkehr klar in Richtung Deutschlandtakt und Netzdurchläufe geht. Das heißt: Züge sollen möglichst als durchgehende Verbindungen zwischen Metropolen verkehren – nicht nur innerhalb einzelner Knotenpunkte. Stuttgart wird weiterhin ein wichtiger Knoten im Netz sein, aber die Mehrzahl der Züge wird quer durch Baden-Württemberg und darüber hinaus durchfahren.

Wie soll wesentlich mehr Personenverkehr als heute auf nur 4 statt 9 Bahnsteigen bewältigt werden? Sind Sie schon mal in Berlin und Hamburg umgestiegen, wenn die Fahrgäste für mehrere stark nachgefragte kurz hintereinander fahrende Züge den Bahnsteig total ausfüllen und dann noch Leute aus dem Zug aussteigen wollen und mit Gepäck oder Fahrrad zu den Abgängen wollen?
Entscheidend ist nicht die Anzahl der Bahnsteige, sondern das Betriebskonzept. Laut Bahn und Bundesverkehrsministerium ist der neue Bahnhof auf bis zu 49 Züge pro Stunde in der Spitzenstunde ausgelegt (Deutschlandtakt-Planungen, BMVI/BMDV; DB Netz Kapazitätsgutachten).
Zum Vergleich: Der heutige Kopfbahnhof liegt bei rund 38 Zügen pro Stunde. Eine Erhöhung der Anzahl ist im Kopfbahnhof gar nicht möglich, da der Flaschenhals in der Anzahl der Weichen und hinführenden Strecken liegt. Durchgangsbahnhöfe sind systembedingt leistungsfähiger, weil Züge nicht wenden müssen. Das verkürzt Standzeiten und erhöht die Taktfrequenz.
Ein zentrales Ziel ist die Einbindung in den Deutschlandtakt. Durchgangsbetrieb ermöglicht: kürzere Haltezeiten, bessere Netzverknüpfung und weniger Konflikte im Gleisvorfeld. Kopfbahnhöfe benötigen umfangreiche Rangier- und Wendezeiten, was Kapazität bindet.

Ist für Stuttgart ein leistungsfähiger Kopfbahnhof zusätzlich zu S 21 nicht viel wichtiger, als Bauland genau an dieser Stelle?
Durch die Verlegung der Gleisanlagen entstehen rund 100 Hektar neue Entwicklungsflächen im Herzen der Stadt (Landeshauptstadt Stuttgart, Projektinformation Stuttgart 21). Dort sollen mehrere tausend Wohnungen entstehen – ein erheblicher Beitrag in einer Stadt mit angespanntem Wohnungsmarkt, vor allem, um den (aufgrund der hohen Nachfrage bei geringem Angebot) hohen Mieten durch ein signifikant größeres Wohnungsangebot preisdämpfend begegnen zu können. 
Für mich ist klar: In einer wachsenden Metropolregion ist zusätzlicher, moderner Wohnraum ein zentraler Baustein für Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit. S21 bietet die historisch und weltweit einmalige Chance für eine zukunftsgerichtete Stadtentwicklung, in bester innerstädtischer Lage modernen, klimafreundliche Wohnquartiere für tausende Menschen zu schaffen, die nicht mehr wertvolle Lebenszeit mit Transferzeiten im Zug von der Region in die Stadt vergeuden müssen. Statt deutlich mehr Flächen in der Region, in der deutlich geringere Verdichtung im Wohnungsbau vorherrscht, für die gleiche Nachfrage versiegeln zu müssen, kann hier ein Zuhause für die urban leben wollenden Menschen für die Zukunft entstehen.

Müssen nicht, um die PKW-Fahrer von der Straße auf die Schiene zu bringen viel mehr Züge als heute fahren?
Ja – mehr Schienenverkehr ist zentral für die Verkehrswende.
Aber: Entscheidend ist nicht der Erhalt historischer Infrastruktur, sondern die Modernisierung und Beschleunigung des Systems. Der Deutschlandtakt sieht bundesweit eine deutliche Ausweitung des Angebots vor (BMDV). Stuttgart ist als Knoten integraler Bestandteil.

Sollen Sonderzüge nach Stuttgart möglich sein?
Sonderverkehre sind weiterhin möglich. Allerdings ist ein moderner integraler Taktfahrplan auf fließende Abläufe ausgelegt. Lange Standzeiten erhöhen nicht automatisch die Qualität – sie reduzieren im Zweifel die Netzkapazität.

Ist es nicht angenehm, wenn Züge länger am Bahnsteig stehen können, da man eher einsteigen kann?
Ich verstehe den Gedanken – für manche Reisende wirkt es komfortabel, wenn ein Zug schon lange vor Abfahrt bereitsteht. Entscheidend für ein modernes Bahnsystem ist jedoch nicht möglichst viel Standzeit, sondern Verlässlichkeit, Takt und Kapazität. 
Lange Aufenthalte am Bahnsteig bedeuten in der Praxis gebundene Infrastruktur. Ein Bahnsteig, der 15 Minuten blockiert ist, steht in dieser Zeit keinem anderen Zug zur Verfügung. In einem hoch frequentierten Knoten wie Stuttgart geht es darum, möglichst viele Verbindungen zuverlässig und pünktlich zu ermöglichen – nicht darum, Züge „abzustellen“.
Hinzu kommt: Die Lebensrealität vieler Menschen hat sich verändert. Pendlerinnen und Pendler, Geschäftsreisende, Familien – sie alle sind auf enge Takte und gute Anschlüsse angewiesen. Kaum jemand plant heute noch, 20 Minuten vor Abfahrt im Zug zu sitzen. Zugreisen haben den nostalgischen Flair des "großen Abenteuers" verloren, auf das man sich mit viel zeitlichem Vorlauf begibt, sie sind alltäglich und daher ist wichtig, dass der Zug pünktlich einfährt, der Einstieg geordnet erfolgt und Anschlüsse sicher erreicht werden.
Ein moderner Durchgangsbahnhof mit abgestimmtem Taktkonzept setzt daher auf effiziente Abläufe statt lange Standzeiten. Das erhöht die Gesamtleistung des Systems – und davon profitieren am Ende alle Fahrgäste.

Wie haben Sie sich beim Bürgerbegehren verhalten?
Ich habe das Bürgerbegehren nicht unterstützt. Nicht, weil ich Engagement gering schätze – sondern weil ich überzeugt bin, dass Stuttgart eine leistungsfähige, moderne Bahninfrastruktur und dringend benötigten Wohnraum braucht. Stuttgart 21 ermöglicht beides.

Mit freundlichen Grüßen,
Claudia Schober