Sind Sie mit jedem Slogan Ihrer Partei einverstanden?
Am Montag im MM las ich ihre Wahlforderung: ein politisches Phrasen-Schwein für jeden schlechten Slogan...
Da können Sie schon mal einzahlen für Ihren Slogan: "Fickt euch doch alle"
Da hört mein Verständnis für Meinungsfreiheit auf. Ich fühle mich auch als Frau verhöhnt! So kann man doch nicht miteinander umgehen!
Guten Tag Frau H.,
ich bedanke mich für diese Frage und die Gelegenheit, die Hintergründe unserer Plakatierung näher zu erläutern. Zunächst möchte ich eine kleine Korrektur zu meinen bisherigen Äußerungen anfügen: Meine Forderung zum „politischen Phrasenschwein“ wurde leider verkürzt wiedergegeben. Der entscheidende Zusatz lautete, dass wir „bei weitem nicht die einzige Partei wären, die an einem solchen Schwein pleiteginge“.
Wir waren die erste Partei, die das bewusste „Überwinden von Inhalten“ auf ihre Plakate druckte. Dass diese satirische Zuspitzung von so vielen anderen Parteien mittlerweile als unfreiwillig ernsthafte Strategie übernommen wurde, war für uns in diesem Ausmaß nicht absehbar.
Dass Sie sich von unserem Motiv „Fickt euch doch alle“ persönlich gestört fühlen, bedauere ich. Auf den ersten Blick mag diese Wortwahl platt erscheinen, doch sie ist wohl das vielschichtigste Plakat im aktuellen Wahlkampf, da es in nur vier Wörtern komplexe Debatten zusammenfasst:
- Kanalisierung von Politikverdruss: Das Plakat bietet Nichtwählenden und jenen, die sich vom parlamentarischen Betrieb entfremdet haben, eine Identifikationsfläche für ihre aufgestaute Wut auf etablierte Strukturen.
- Radikale Inklusivität: Das Wort „alle“ hebt die künstliche Trennung zwischen „denen da oben“ und den Bürgerinnen und Bürgern auf. Es entzieht sich der klassischen Klientelpolitik und schließt uns als Partei explizit in die Kritik mit ein. Es ist ein demokratisches Pauschalangebot.
- Statement zur sexuellen Selbstbestimmung: In einer Zeit, in der politische Kräfte verstärkt versuchen, die private Lebensführung, die Liebe und die geschlechtliche Identität von Menschen zu reglementieren, setzen wir ein klares Zeichen: Die Politik hat sich aus den Schlafzimmern und Identitäten der Menschen herauszuhalten. Solange die Rechte aller gewahrt bleiben, gilt: „Fickt euch doch alle“ – so, wie ihr es für richtig haltet.
Die juristische Spiegelung: Die Grenze zwischen Beleidigung und freier Meinungsäußerung wird in Deutschland durch die Justiz definiert, beispielsweise bei einem bemerkenswerten Präzedenzfall aus Köln. Nachdem sich dort der AStA der Universität zu Köln gegen Bauarbeiter mit rechtsradikalen T-Shirts auf dem Campus einsetzte, entlud sich online ein Shitstorm. Ein spezifischer Kommentar mit dem Wortlaut „Fickt euch“ wurde vom AStA als Beleidigung angezeigt.
Die Staatsanwaltschaft Gera schmetterte dies jedoch mit einer ausführlichen Begründung ab: „Fickt euch“ sei keine Beleidigung, da der Sinngehalt nach allgemeinem Verständnis „mehrdeutig“ sei. Das Wort könne auch im eigentlichen Wortsinn als „Reiben“, „Schleifen“ oder im Sinne eines „harten Drills“ verstanden werden.
Dass sich nun mehr Menschen über unser „aufreibendes“ Plakat beschweren als über eben jenen juristischen Rahmen, der solche Ausdrucksweisen legitimiert, zeigt die Absurdität der ganzen Debatte. Sobald sich das Beschwerde-Engagement so weit verändert, dass der Rahmen für Beleidigungen (und in jenem Fall in Köln auch für rechte Hasskommentare) gesetzlich enger gefasst wird, müssen wohl auch wir dieses Plakat abhängen.
Ich freue mich daher, in Ihnen eine Mitstreiterin gefunden zu haben, die die Debatte über den Wert und die Grenzen von Sprache ins Rollen bringt. Warum Sie jedoch betonen, sich spezifisch „als Frau verhöhnt“ zu fühlen, erschließt sich mir – ebenfalls als Frau – nicht. Wir schreiben doch extra „alle“.
Sicher liegt noch weit mehr Interpretationsspielraum in der Genialität dieser vier Wörter, als hier genannt. Ob es einen besonderen Interpretationsspielraum gibt, warum das Plakat von der Parteigruppe Mannheim ausgerechnet in Friedrichsfeld aufgehängt wurde, kann ich als Kandidatin des Rhein-Neckar-Keises leider nicht beantworten.
Mit freundlichen Grüßen
Jessica Vierling

