Wie ein Psychotherapeut Bürger und Abgeordnete therapieren würde

Es steht nicht zum Besten mit der Beziehung zwischen Bürgern und Politikern. Vergangene Woche meldete der STERN, 79 Prozent der Bevölkerung sei der Meinung, auf die Interessen des Volkes werde hierzulande kaum Rücksicht genommen. Diese Klage zielte wohl in erster Linie in Richtung Volksvertreter. So kann es natürlich nicht weitergehen. Und deswegen hat der Kölner Stadt-Anzeiger vor einiger Zeit einen Experten um Rat gebeten, der sich mit unglücklichen Paarbeziehungen auskennt. Ulrich Sollmann ist Psychotherapeut und hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sich Bürger und Politiker, dieses ungleiche Paar, wieder einander näher bringen ließen. Beziehungsexperte Ulrich Sollmann über... ... die Rolle des "Profipolitikers":

Wer regiert oder auch opponiert, spielt öffentlich eine Rolle, die er professionell eingeübt hat: nämlich die Rolle des hochkompetenten, geschliffenen Politikers, der die Probleme des Landes im Griff hat und zu fast allem etwas sagen kann. Allein: Die Menschen kaufen es ihm nicht mehr ab. Was die meisten Politiker ihnen in ihrer angeblichen Professionalität darbieten, empfinden die Bürger vielmehr als wenig bis gar nicht authentisch. Als unehrlich.

... ein "unprofessionelleres" Auftreten von Politikern als Initialzündung für neuen Beziehungsschwung:

Wenn Sie darunter verstehen, dass Politiker auch mal versuchen, anders zu sein, querzudenken und gelegentlich zuzugeben, dass sie von etwas keine Ahnung haben - dann sollten Politiker unprofessioneller auftreten. Dann würde auch nicht mehr ganz so stark der Eindruck vorherrschen, es gehe dem Politiker in erster Linie immer nur um eigene Positionsgewinne. Die Menschen haben schon ein Gespür dafür, wenn sie von Politikern aus rein taktischen Gründen umschmeichelt werden. Um die Kluft zu den Bürgern zu verringern, müssten Politiker wieder weniger Politiker und mehr Bürger sein. Sich auf Augenhöhe zu den Regierten begeben.

... eine Therapiesitzung mit "Bürger" und "Politiker":

Zum Politiker würde ich sagen: „Wiederhol doch mal, was der Bürger gerade gesagt hat.“ Umgekehrt würde ich den Bürger bitten: „Sag mir doch mal, was du glaubst, warum der Politiker das so macht.“ So muss der eine auf den anderen achten und sich in ihn hineinversetzen - und die Routine des Nebeneinander wäre zumindest ein bisschen gebrochen. Bei Beziehungsproblemen geht es oft weniger darum, ganz neue Lösungen zu finden - als darum, das die Beteiligten sich anschauen und nicht mehr aneinander vorbeireden. Alles, was dazu beiträgt, dass der Kontakt zwischen Bürgern und Politikern nicht auf die Wahlen beschränkt ist, kann helfen.

„Alles, was dazu beiträgt, dass der Kontakt zwischen Bürgern und Politikern nicht auf die Wahlen beschränkt ist, kann helfen“, sagt der Psychotherapeut. Wie könnte das aussehen? Im Kommentarbereich gibt es ausreichend Platz für lose Gedanken oder konkrete Vorschläge. Grafik: Bildbunt/Flickr

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Kommentare

Es sollten keine Politiker Macht ausüben. Sie machen halt Politik für sich, ihre Karriere, die Lobbygruppen, die sie bezahlen und hofieren. Vielmehr sollten erfahrene "Manager" (auch wenn dieses Wort einen sehr negativen Geschmack hat), die sich am Erfolg messen lassen, die Verantwortung übernehmen. Diese sind ja auch Vollzeit beschäftigt und somit ist keine Zeit für "Nebenjobs", wie Aufsichtsrat, Vorträge, Beraterfunktionen etc., da. Politik hat meiner Meinung nach nicht im Staatsmanagement zu suchen.

Stimme ich mal zu und ergänze: die Politik hat sich auf den Staatsbetrieb zu beschränken und -muss- die Lösungen so weit unten ansiedeln wie möglich - angefangen beim einzelnen Bürger.

BGE

Genau. Die Gesellschaft besteht ja aus Individuen. Also sollte das Staatsmanagement sich am Individuum ausrichten. Wenn die Individuen zufrieden und glücklich sind, ist es auch die Gesellschaft. Also kann man sagen, dass das Glück des Einzelnen am wichtigsten ist. Dazu kann man ja auch ma die Unabhängigkeitserklärung lese (das Vorwort reicht schon). Darin ist festgeschrieben, dass jeder einzelne das Recht hat, sein Glück zu suchen, zu finden und zu leben. Und wenn der Staat das verhindert, macht er was falsch.

Zitat:
"... mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind. Dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; dass sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen"

So ein ähnliches Forum gibt es an sich, auf abgeordnetenwatch.de - nur die wenigsten Politiker stellen sich den Fragen der Bürger. Entweder man kriegt ein sog. Standard Schreiben oder gar nichts. Auch sind z.B. einige Politiker bereits mutig genug, bei Twitter auch aufzutreten und Rede und Antwort zu stehen. Man muss allerdings dazu sagen, dass das meistens Oppositionspolitiker sind, keine von der Regierung. S_Mappus gibts da auch, aber der antwortet nicht auf Fragen, postet nur allgemeines Wahlkampf-Werbegetuschel.

Ich fände es äußerst hilfreich und produktiv, wenn der Bundestag 1-2 Stunden pro Woche seinen Abgeordneten Zeit gewährte, uns kleinen Bürgern (wir sind schließlich potentielle Wähler) zur Verfügung zu stehen. Und ernsthaft zuzuhören, wir würden das auch tun.
Die Arroganz, die jedoch bisher von einigen MdBs und Ministern an den Tag gelegt wird, lässt vermuten, dass diese Wünsche Träume bleiben.

@Marina

> nur die wenigsten Politiker stellen sich den Fragen der Bürger. Entweder man kriegt
> ein sog. Standard Schreiben oder gar nichts.

Hier täuscht dein subjektiver Eindruck. Die allermeisten Abgeordneten antworten (etwa 80 Prozent), wie du hier sehen kannst: http://www.abgeordnetenwatch.de/abgeordnete-337-0.html Ob die Antworten zufriedenstellend sind, ist natürlich eine andere Frage, das muss jeder selbst beurteilen.

Vielleicht sollte man auch endlich mal das Lügen und/oder Vertuschen unter Strafe stellen.

Lügende, vertuschende und lediglich finanziellen Interessen(ten) zuarbeitende Politiker zerstören jegliches Vertrauen.
Sie sind eine Gefahr für die Demokratie.
Dessen sollte sich der Herr Psychologe vielleicht erstmal klar werden.

Der Bürger, ...der muss ganz bestimmt nicht therapiert werden !

Und für mich gesprochen muss ich sagen, dass ich einem großen Großteil dieser Typen auch gar nicht näher kommen möchte.

Wischiwaschi hat recht. Lügende Politiker sollten das "Du sllst nicht falsch´Zeugnis reden wider deinen Nächsten." beherzigen müssen, bei Strafandrohung.
Grinsende Gewohnheitslügner, die noch dazu auf ihren Netzseiten einen exquisiten Personenkult um sich betreiben, werden nicht zum Therapeuten gehen, denn aus ihrer Sicht haben ja nicht sie ein Problem. Sie leiden nicht, sie fühlen sich offenbar sehr wohl.
Das Lügen von Leuten des Staates ist auch ein Problem, das direkt mit Art. 1 GG zu tun hat. Jedenfalls meiner Auffassung nach ist mit der Würde des - doch zur Vernunft begabten- Menschen nicht vereinbar, wenn Vertreter von Legislative oder Exekutive lügen und damit den Menschen in die Irre führen. Es ist doch vielmehr Ausdruck von GG fremder Menschen- Verachtung.

Ich fand' die zirkulären Fragen des Therapeuten eigentlich nicht schlecht. Es müsste ein Medium geben, auf dem veröffentlicht wird, was der Bürger denkt, warum die Politiker dies und jenes tun. Und was der Poltiker denkt, was die Bürger so sagen.
Wenn dieses Medium dann noch so platziert ist, dass Bürger und Politiker sehen, was der jeweils andere denkt, was er denkt (also, dass bspw. der Bürger sieht, was der Politker denkt, was der Bürger will bzw. der Politiker sieht, was der Bürger denkt, was der Politiker denkt), dann ist für ein Mehr an Verständigung gesorgt, denn dann werden sie, durch die Information über den Anderen ihn selbst betreffend, in die Lage versetzt, adäquater zu intervenieren.

Wir brauchen wieder eine Diktatur!

Da kann ich Uwe nur zustimmen

Das ist eine kurze Analyse, die sich auch im Frage - Antwort Spiel hier bei www.abgeordnetenwatch.de widerspiegelt.

Wenn wir uns die wenigen Fragen beim "Volksvertreter" Mißfelder anschauen, seine jämmerliche Standardantwort dazu, und das mit den Antworten seines Fraktionskollegen Dr. Uhl vergleicht, dann gibt der Vorsitzende der Jungen Union eine ganz jämmerliche Figur ab. In den Augen des Lesers sieht das dann so aus, zu faul, zu arrogant, kein Anstand, feige, abgehoben, keine Kompetenz. Dagegen kommt der CSU Bundestagsabgeordnet selbst bei seinen Gegnern ganz anders rüber, fleißig, kompetent, Anstand, sogar ehrlich!

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