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Sehr geehrter Herr Gysi,
mich hat es nachhaltig beeindruckt, dass Sie sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen, glaube ich meinerseits seit längerem an das Potential dieser Konzepte, was das sozialpsychologische Klima angeht, wenn auch noch keines dieser Konzepte zu einer 100%igen Reife ausgearbeitet scheint.
Der Grund, warum mich diese Konzepte nach wie vor interessieren, hängen mit der schizophrenen Spannung zusammen, der die deutsche Bevölkerung seit der Agenda 2010 ausgeliefert ist. Zum einen wird das rasant steigende Vermögen mehr und mehr von seiner sozialen Verantwortung und auch der Kontrolle seitens unserer "Volksvetreter" enthoben, andererseits wird Gürtel-enger-schnallen propagiert, weshalb die Schwächsten aufs genaueste kontrolliert, interessanter Weise von allen Seiten unter Beschuss genommen und stigmatisiert und in sinnferne ABM´s geschickt werden. Als handele es sich bei den vielen Millionen Menschen, für die aus strukturellen Gründen schlicht keine Arbeit mehr vorhanden ist, durchweg um soziale Vampire, die ein Überangebot an Arbeit ablehnen, das dringend getan werden müsste - nun ja, schwache Minderhieten sind ja seit jeher ein gutes Ventil, um die Volksseele zu entlasten; dieser Mechanismus scheint um so wirkungsvoller, je mehr Angst die einzelnen Arbeitnehmer haben, selbst irgendwann zu eben dieser Minderheit dazu zu gehören.
Aber um eben jene Angst und eben jenen Mechanismus des Nach-unten-Tretens zu Zeiten struktureller Gewalt geht es mir. Von daher meine Fragen an Sie:
Warum sind Sie gegen ein BGE?
bzw.
Welchen Weg sehen Sie für die nahe Zukunft, die oben beschriebene schizophrene Spannung aufzuheben, die meines Erachtens unsere kulturelle/moralische Gesundheit gefährdet?
Glauben Sie noch an das Phantom der Vollbeschäftigung im Sinne der 38,5 Std.-Woche?
Für eine Antwort bzw. ein alternatives Konzept zum BGE, welches Existenzangst durch Solidarität ablöst, wäre ich sehr dankbar.
Es grüßt Sie freundlich,
S. Kaletka