Sehr geehrter Herr

,
vielen Dank für Ihre Frage zur Frauenquote.
Die SPD fordert seit 2009 eine 40 Prozent-Quote nach norwegischem Vorbild für Aufsichtsräte und Vorstandsgremien. Dabei geht es nicht nur um die Aufsichtsratsposten in den Dax- Unternehmen, wie Sie schreiben. Es wären nahezu paradiesische Zustände, wenn allein die 30 Dax-Unternehmen eine Frauenquote bräuchten, weil in allen anderen Wirtschaftsunternehmen in Deutschland Frauen entsprechend repräsentiert wären. Dies ist bei Weitem nicht der Fall.
In den 600 führenden deutschen Unternehmen waren 2008 2,4 Prozent Vorstandsmitglieder Frauen. Der Frauenanteil in deutschen Aufsichtsräten lag 2008 bei 8,2 Prozent – allerdings sind 63 Prozent Vertreterinnen der Arbeitnehmerseite. Frauen sind in allen Unternehmen auf allen Hierarchieebenen unterrepräsentiert.
Ich kann mich also nicht im geringsten Ihrer Aussage anschließen, dass mit einer Frauenquote ein Problem der 80er-Jahre behandelt wird. Noch viel schlimmer ist, dass seit den 80er Jahren kaum Bewegung bei den Unternehmen zu verzeichnen ist. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Unternehmen haben zu keinerlei positiven Ergebnis geführt.
Ich freue mich sehr, dass Ihre Töchter erfolgreich studieren. Beim Zugang zur Bildung werden Mädchen und Frauen auch keine Steine mehr in den Weg gelegt. Eine erfreuliche Tatsache, die aber nicht mit dem späteren Berufsleben zu tun hat. Denn ein guter Studienabschluss ist keine Gewährleistung für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und insbesondere bei den Karrierechancen in hohen Positionen. Vielleicht ist Ihren Töchtern aber auch schon aufgefallen, dass an den meisten Unis weibliche Professorinnen unterrepräsentiert sind. Während die Frauenquote bei den Habilitationen bei 23 Prozent lag, beträgt innerhalb der Professorenschaft der Frauenanteil allerdings nur 17 Prozent oder anders ausgedrückt: den 38 600 Professoren standen nur 6 700 Professorinnen gegenüber.
Auch Ihre Argumentation, dass nur kinderlose Frauen über 50 Jahre von der Quote profitieren würden, überzeugt mich nicht. Erst einmal haben auch Frauen über 50 ohne Kinder Chancengleichheit verdient, zweitens ist neben einer Quote als Türöffner natürlich auch weitreichende Maßnahmen umzusetzen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern- für Frauen UND Männer. Hier engagiert sich die SPD zum Beispiel seit Langem für den Ausbau von Kitas und Tagestätten. Leider investiert Kanzlerin Merkel aber das nötig gebrauchte Geld lieber in die Herdprämie, die Frauen entlohnt, wenn Sie zu Hause beim Kind bleiben.
Eine Frauenquote zu fordern und gleichzeitig auch den Anteil der männlichen Fachkräfte in Kitas zu erhöhen, ist im Gegensatz zu Ihrer Haltung für mich kein Widerspruch und beide Forderungen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern Hand in Hand gehen. Optimale Entwicklungsmöglichkeiten haben Kinder dann, wenn sie von Frauen und Männern erzogen werden. Im Bereich der frühkindlichen Bildung ist der Anteil der Männer tatsächlich zu gering. Wir wollen den Erzieher-Beruf auch für Männer attraktiver machen, etwa durch Anhebung des Ausbildungsniveaus und dem damit verbundenen höheren Sozialprestige und der besseren Vergütung. Gute Beispiele, wie junge Männer motiviert werden können, gibt es bereits in Brandenburg und Rheinland-Pfalz. Sie rennen mit Ihrer Forderung also offene Türen bei uns Sozialdemokraten ein.
Mit freundlichen Grüßen
Ewald Schurer MdB