Cem Özdemir (GRÜNE)
Kandidat Bundestagswahl 2009
Dieses Profil dient zu Archivzwecken, eine Befragung ist nicht mehr möglich.

Cem Özdemir
Jahrgang
1965
Berufliche Qualifikation
Sozialpädagoge
Ausgeübte Tätigkeit
Bundesvorsitzenden Bündnis 90/Die Grünen
Wohnort
-
Wahlkreis
Stuttgart I
Ergebnis
29,9%
Landeslistenplatz
keinen, Baden-Württemberg
(...) Angesichts der knappen Kassen der öffentlichen Hand geben wir dem Ausbau des Kinderbetreuungs- und Bildungssystems Vorrang, weil wir damit unmittelbar in die Zukunft unserer Kinder investieren. (...)
 
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Frage zum Thema Landwirtschaft
20.08.2009
Von:

Sehr geehrter Herr Özdemir,

gerne würde ich Ihnen zwei Fragen stellen.

Zunächst an Sie als Bundesvorsitzenden der Grünen. Sie sind gegen den Einsatz gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Gerade diese Nahrungsmittel helfen aber in vielen Regionen der Welt die Ernährung der dortigen Bevölkerung sicherzustellen, da sie u.a. resistenter gegen Schädlinge oder Wetterphänomene sind. Wie erklären Sie also diesen Menschen, dass sie größeren Hunger leiden müssen, weil Sie und Ihre Partei gegen den Einsatz von entsprechenden Nahrungsmitteln sind?

Im Zusammenhang mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage tut sich mir außerdem eine Frage auf, die sich auf die künftige Politik der Bundesregierung bezieht. In den letzten Monaten beteiligt sich der Staat nämlich an immer mehr großen Unternehmen wie der HRE-Bank oder Opel. Denken Sie, dass das Bestand haben soll? Wie ist Ihre Position hier?

Ich danke Ihnen schon einmal für die Beantwortung meiner Fragen.

Freundliche Grüße,
Antwort von Cem Özdemir
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09.09.2009
Cem Özdemir
Sehr geehrter Herr ,

ja, wir sind aus ganz verschiedenen Gründen gegen den Einsatz gentechnisch veränderter Nahrungsmittel. Zum einen gibt es bisher keine Möglichkeit, gentechnisch veränderte Pflanzen im Freiland ohne Nebenwirkungen auf andere Pflanzen oder Tiere zu testen. Erste Studien weisen darauf hin, dass sich gentechnisch veränderter Mais ohne weiteres mit nicht gentechnisch veränderten Pflanzen mischt. Andere Studien wiederum deuten darauf hin, dass gentechnisch veränderte Futtermittel z.B. bei Kühen zu Krankheitsfällen geführt haben. Gesicherte Erkenntnisse gibt es bereits darüber, dass die schädlingsbekämpfenden Wirkungen z.B. im gentechnisch veränderten Mais auch bei Tieren funktionieren, die dem Mais nicht schaden.

Der zweite Grund unserer Ablehnung besteht in der industriellen Vermarktung gentechnisch veränderten Saatguts. Weltweit beherrschen einige wenige große Firmen den Markt. Der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen führt in der Regel zu Monokulturen, um die durch die Gentechnik erworbenen neuen Eigenschaften voll ausnutzen zu können. Das Saatgut darf dank der bisherigen Lizenzpolitik nicht mehr wie bisher aus der Ernte gewonnen, sondern muss wiederum bei den Saatgutfirmen erworben werden. Das führt vor allem in Ländern der Dritten Welt schnell in die Abhängigkeit, weil sich gerade Kleinbauern teures Saatgut nicht leisten können.

Drittens hat der Anbau gentechnisch veränderter Maissorten bereits jetzt Auswirkungen z.B. auf die Imkerei. Der ehemalige Verbraucherminister Horst Seehofer ließ den Anbau einer bestimmten Sorte gentechnisch veränderten Maisart zu. Da der Mais bisher nur zu Versuchszwecken, nicht aber als Lebensmittel zugelassen ist, darf beispielsweise Honig, der mit diesen Maispollen versetzt ist, nicht auf den Markt gebracht werden. Entschädigungszahlungen für die Imker sind bisher nicht vorgesehen.

Auf den Punkt gebracht: Aus grüner Sicht wiegt der theoretische Nutzen genmanipulierter Lebensmittel die Risiken bei weitem nicht auf. Wir setzen dagegen auf eine nachhaltige und ökologisch orientierte Landwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung. Vielfalt ernährt die Welt. Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie hier: www.gruene-bundestag.de

Jetzt zu Ihrer zweiten Frage. Es war und ist eine zentrale Aufgabe der Politik, unser Land so gut wie möglich vor den Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise zu bewahren. Dabei kann auch ein Engagement für gefährdete Unternehmen angebracht sein – es muss aber auch richtig gemacht werden. Die Bundesregierung hat es allerdings versäumt, die Bürgschaften über Milliarden von Steuermitteln mit Bedingungen zu verknüpfen, die ein "weiter so wie bisher" unmöglich machen. Die Bundesregierung hat es sogar verabsäumt, die Risiken für die Steuergelder zu minimieren.

Wir fordern deshalb einen weltweit gültigen Green New Deal: Ökologische Erneuerung, nationale und globale Solidarität und eine engagierte Finanzmarktregulierung. Das bedeutet kurz gesagt:

Auf nationaler Ebene:
  • Regelungen für Managergehälter
  • Ausbau der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht
  • Neuordnung der Landesbanken

Europaweit:
  • System europäischer Aufsichtsbehörden für alle grenzüberschreitend tätigen Finanzinstitutionen
  • Transparenz bei Ratingagenturen, damit diese ihre Interessenkonflikte offenlegen
  • Einführung einer Finanzumsatzsteuer

International:
  • Schattenbanken schließen – keine versteckten Risiken mehr
  • Vorsorge bei Banken – Puffer für schlechte Zeiten aufbauen
  • Ungleichgewichte bei Handel und Währungskursen verhindern

Ausführliche Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie hier: www.gruene-bundestag.de

Mit freundlichen Grüßen

Cem Özdemir
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Frage zum Thema Außenpolitik
20.08.2009
Von:
Goy

Sehr geehrter Herr Özdemir,

der Sprecher der Grünen Partei im Iran hat an Sie einen Protestbrief geschrieben, in dem er sich über den Umgang der Grünen mit seiner Partei und seiner Person beklagt. Letztendlich wirft er den Grünen vor, sich vom theraner Regime instrumentalisiern zu lassen. Der Brief wurde auf dem bekannten Blog: Achse des Guten veröffentlich.
Hier der entsprechende Link:
www.achgut.com

Mich interessiert, was sie Herrn Moussavi geantwortet haben und welche Position sie persönlich und welche Position die Grünen hierzu beziehen. Ich bitte um Stellungnahme.

Mit freundlichem Gruß
Goy
Antwort von Cem Özdemir
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04.09.2009
Cem Özdemir
Sehr geehrter Herr Goy,

der von Ihnen erwähnte Brief war zwar an mich gerichtet, aber da Dr. Kazem Moussavi darin explizit Claudia Roth und ihrem Büroleiter Ali Mahdjoubi im Bundestagsbüro Vorwürfe macht und dabei falsche bzw. unwahre Behauptungen aufstellt, hat Herr Mahdjoubi geantwortet und keine Frage offen gelassen. Das ausführliche Schreiben finden Sie untenstehend.

Mit freundlichen Grüßen

Cem Özdemir


Sehr geehrter Dr. Kazem Moussavi,

Sie beschweren sich darüber, von Bündnis 90/Die Grünen nicht als Vortragender oder als Repräsentant einer Exilpartei eingeladen zu werden, die Sie als "Green Party of Iran" bezeichnen. Im selben Atemzug polemisieren Sie mit falschen Behauptungen und Unwahrheiten über und gegen Bündnis 90/Die Grünen und einzelne VertreterInnen, so dass wir nicht den Eindruck haben, es mit einem glaubwürdigen Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung zu tun zu haben.

Wir sehen aber vor allem gravierende Unterschiede in der Bewertung der Lage im Iran und der politischen Antworten. Wir möchten klarstellen, dass wir uns als politische Partei in Deutschland und Fraktion im Deutschen Bundestag nur auf der Ebene von Außenpolitik, außenpolitischen Instrumentarien und allgemeiner Menschenrechtspolitik in die Iran-Politik einmischen und einbringen. Wir können und wollen nicht der verlängerte Arm irgendwelcher iranischer Parteien und Organisationen sein. Jeder kann seinem Freundeskreis, seiner Gruppierung und seinen politischen Aktivitäten den Namen geben, den er gut findet. Allein der Namensbestandteil "Green" bzw. "Grün" ist kein Zeichen der Verbundenheit mit Bündnis 90/Die Grünen. Auch mit diversen Grünen Parteien in Ländern wie Russland, der Türkei, im Mittelmeerraum und Kaukasus sind wir nicht verbunden. Eine politische Partei entsteht nicht durch einen Namen und ein paar selbsternannte Repräsentanten, sondern aufgrund einer nachprüfbaren materiellen Basis und ihrer Programmatik.

Ich bin derjenige, an den sich viele grüne Aktivisten wenden, wenn sie Fragen zum Thema Iran und Veranstaltungen aufgrund der aktuellen Lage im Iran haben. Bei diesen Anfragen stelle ich, wenn ich auf den Namen "Green Party of Iran" angesprochen werde, klar, dass ich aufgrund der thematischen Differenzen eine fachliche und politische Zusammenarbeit nicht empfehle und dass die "Green Party of Iran" in keiner Weise mit Bündnis 90/Die Grünen verbunden ist. Des Weiteren weise ich darauf hin, dass die politischen Ansichten Ihrer Gruppierung im Ergebnis sowohl der Politik der "Volksmojahedin" (Mojahedin-e Khalq-e Iran – MEK) und ihrem politischen Arm "NWRI" (Nationaler Widerstandsrat Iran) als auch Forderungen der so genannten ""antideutschen Linken" nahe stehen. Diese Sicht wird durch die einseitigen Ausführungen Ihres polemischen Schreibens bzw. durch Ihre Rede auf der von "Stop the Bomb" am 05.08.09 organisierten Kundgebung eindrucksvoll belegt. Deshalb liegt nahe, dass wir Sie nicht als Referenten auf grünnahen Veranstaltungen empfehlen.

In der Vergangenheit haben wir den schwierigen Versuch unternommen, die Menschen im Iran bei ihrer Suche nach mehr Freiheiten und einer Öffnung des Landes zu unterstützen. Keine andere politische Kraft in Deutschland hat sich derart engagiert mit den Menschen im Iran und mit den Aktivitäten der Iraner im Exil solidarisiert. Dies als "Appeasement" zu disqualifizieren, ist angesichts der aktuellen Lage – Schauprozesse gegen die von Ihnen und Ihren Freunden verteufelten Reformer, massive Gewalt gegen all jene, die gewaltfrei für tiefgreifende Reformen im politischen System der Islamischen Republik Iran, für mehr Freiheiten und eine pragmatischere und rationalere Politik auf die Straße gehen – nicht anders als zynisch zu bezeichnen. Selbst die Unterstützung für die protestierenden Studenten, Menschenrechtler, Journalisten und andere Reformer, die derzeit Millionen Menschen im Iran auf die Straße bringen, sehen Sie als Teil einer "Appeasementpolitik".

Es sind Anwälte, Menschenrechtler, Frauenrechtlerinnen, Journalisten, Politiker und Geistliche vom Reformlager der Islamischen Republik, Schriftsteller und Filmemacher – darunter besonders viele Frauen - die bei diesen Protesten ganz vorne stehen. Filmemacher und Künstler beispielweise, gegen deren Einladung und Präsenz Sie auf der letzten Berlinale mit einer Handvoll Ihrer Vertrauten vor dem Berlinale-Palast protestierten und den Festspielleiter Dieter Kosslick als "Ayatollah Kosslick" zu diffamieren versuchten. Angesichts dessen fragen wir uns, wen Sie meinen, wenn Sie reklamieren, für "das iranische Volk" zu sprechen.

Es gibt im Iran derzeit keine Partei und keine Massenbewegung, die für eine sofortige Abschaffung der Islamischen Republik eintritt. Trotzdem behaupten Sie, es ginge nun um die Durchsetzung eines "Regime Change" oder "Systemwechsel" im Iran. Wunschdenken können wir nicht als politisches Programm unterstützen.

Die Iranerinnen und Iraner haben in den letzten Wochen eindrucksvoll bewiesen, dass ihr Wunsch nach mehr Freiheiten und Reformen überwältigend ist und von Millionen von Menschen geteilt wird. Diese Menschen glauben daran, dass es möglich ist, die ideologisch verbohrte und auf Unterdrückung und Ausgrenzung setzende Regierung von Ahmedinedschad zugunsten einer moderateren Regierung zu beenden. Diesen Menschen sprechen Sie ihre Stimme ab, wenn Sie behaupten, es ginge nun einzig und allein um eine "Abschaffung des Regimes". Sie schreiben, die Menschen im Iran würden "Nieder mit dem islamischen Regime" schreien. Das stimmt nur zum Teil. Sie rufen aber auch im ganzen Land und unüberhörbar wie 1979 "Allahu Akbar" und nehmen damit Bezug auf die Revolution vor 30 Jahren, die sie nicht den fundamentalistischen Hardlinern überlassen wollen. Auch viele Kleriker, also "Mullahs" - immer noch der Schlüsselbegriff in Ihren politischen Analysen und denen der MEK - setzen sich mit viel Mut für mehr Freiheiten und demokratische Rechte im Iran ein. In Ihren Äußerungen möchten Sie gar die Verhältnisse in der irakischen Kaserne "Ashraf-City" auf die Straßen Teherans übertragen sehen. Damit beweisen Sie, wie entfernt Ihr Wunschdenken von den Realitäten des Landes ist.

Die Alternative, von der Sie schreiben, nämlich entweder eine "Bewegung für einen demokratischen säkularen Iran oder das Islamische Regime zu unterstützen" existiert also so im Iran nicht. Sie ist ein Konstrukt im virtuellen Raum. Die Alternative heißt derzeit entweder eine delegitimierte fundamentalistische Regierung von Ahmadinedschad und der ihn unterstützenden Revolutionsgarden oder eine gemäßigte Regierung unter und mit den Reformern, die mehr Freiheiten zuließe. Wir unterstützen den Kampf der Menschen im Iran in diesem Sinne. Wir solidarisieren uns mit ihnen, ohne ihnen unsere Vorstellungen von Irans Zukunft vorschreiben zu wollen. Das entscheiden die Iraner selbst und keine politischen Kräfte von außerhalb.

Wir wünschen uns einen demokratischen und freiheitlichen Iran, in dem die Menschenrechte geachtet werden. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Wir solidarisieren uns mit der Reformbewegung im Iran und den aktuell Protestierenden. Und wir sind der Meinung, dass Deutschland und die EU eine Politik betreiben müssen, die diese Menschen aktiv unterstützt. Dafür bedarf es einer Öffnung des Irans, nicht einer weiteren Abschottung. Wie die USA unter Obama sollte die EU den intensiven Dialog mit dem Iran unterstützen. Dieser Dialog hat die Hardliner in Teheran bereits mehr in Bedrängnis gebracht als die Kriegsrhetorik unter George Bush.

Interessant ist übrigens auch ein anderer Punkt in Ihren Stellungnahmen: Die verheerend falsche Politik von George Bush findet keine "Würdigung" in der langen Liste der Fehler in der Iran-Politik des Westens, die wesentlich zur Stabilisierung der Macht von Ahmadinedschad & Co. beigetragen hat. Gezielte Sanktionen im Nuklearbereich oder gegen einzelne Regimevertreter können sinnvoll sein, um im anhaltenden Atomstreit das iranische Atomprogramm zu verlangsamen. Wer aber wie George Bush nur auf Sanktionen und eine Isolation des ganzen Landes setzt, wird im Iran keine Veränderungen zum Positiven bewirken. Im Gegenteil – eine solche Politik wird Ahmadinedschad und seinen Verbündeten in die Hände spielen.

Kurz möchte ich hier auf einige Ihrer Behauptungen eingehen, die falsch und unwahr sind:

  • Prof. Dr. Mohssen Massarat ist ein angesehener und anerkannter Politikwissenschaftler und Iran-Kenner, der aber nie Mitglied der Grünen Partei gewesen ist.

  • Bündnis 90/Die Grünen haben keinerlei Beziehungen zur CASMII (Campaign Against Sanctions and Military Intervention in Iran). Es ist allerdings das gute und überaus demokratische Recht der anderen, eine Gruppe zu bilden, die andere Positionen vertritt als Sie.

  • Die Union der Republikaner Irans (Ettehade Jomhourikhahane Iran - EJI) ist keine Grüne Partei und will es auch nicht sein. Die Tatsache, EJI zu Veranstaltungen einzuladen, liegt an der nachweisbaren materiellen Basis dieser Gruppierung, deren Gründungsaufruf Tausende Iranerinnen und Iraner unterschrieben haben. Sie ist vor allem keine virtuelle Organisation um einen Kreis weniger Personen.

  • Es ist unwahr, dass die "Green Party of Iran" auf eine 10-jährige Geschichte zurückblickt. Ende 2001 hatten Sie sich noch zwecks Gründung einer solchen Partei an uns in der Bundesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen gewandt. In langen Gesprächen habe ich Ihnen versucht zu verdeutlichen, dass Exil-Parteien nicht in den Genuss von Steuerprivilegien und der staatlichen Parteienfinanzierung in Deutschland kommen können. Ihr Rechtsverständnis und Rechtsempfinden fand ich schon damals erschreckend und problematisch. Ihre Ansichten, was die Grüne Partei Deutschlands für einen Regimewechsel bzw. "Umsturz" im Iran unternehmen müsste, passten schon damals in keiner Weise zum Programm von Bündnis90/ Die Grünen.

  • Die Heinrich-Böll-Stiftung leistet eine Avantgardearbeit in vielen Ländern und Krisenregionen, die von Gewalt und Staatszerfall geprägt sind. In diesem Zusammenhang fördert sie Programme zur Stärkung der Zivilgesellschaft, zur Konfliktbearbeitung, zur Versöhnung, zum Wiederaufbau demokratischer Institutionen und zur Entwicklung der Parteiendemokratie. Diesem Ziel dienen auch Programme, die die Stiftung hier in Deutschland realisiert. Ihre haltlose Kritik daran wiederholt nun die Diffamierung und Ablehnung dieser Arbeit durch die Machthaber in vielen Ländern und Regionen mit Demokratiedefiziten und autokratischen bis willkürlichen Herrschaftssystemen.

  • Die zahlreichen anderen Unterstellungen in Ihrer Stellungnahme, von der offenen Kooperation mit dem Regime bis zur versteckten Unterstützung für das Regime der Islamischen Republik, sind schlicht und ergreifend haltlos und absurd. Entlarvend sind hierbei das Schimpfwortarsenal und die fadenscheinige Rhetorik von Organisationen wie MEK & Co.

Viele Iranerinnen und Iraner haben bittere, schlimme Erfahrungen mit der Islamischen Republik gemacht, Unrecht und Folter erfahren. Sie leben im Exil, und Ihre Sichtweise ist davon geprägt. Davor haben wir großen Respekt und wir sind gerne bereit, den Dialog über die deutsche und europäische Politik gegenüber dem Iran zu führen – für die Menschen im Iran, für die Menschen in der ganzen Region und angesichts des Atomstreits auch für jene, die sich gerade in Israel von der Möglichkeit einer iranischen Atombombe bedroht fühlen.

Die aktuellen Kundgebungen und Demonstrationen von Exiliranern in Deutschland und in der ganzen Welt haben eindrucksvoll manifestiert, wie sektiererisch und marginalisiert die Positionen sind, die Sie auf Ihre Fahnen geschrieben haben. All diejenigen, die die Entwicklungen im Iran und unsere Iranpolitik interessiert verfolgen, können anhand Ihrer Ansichten und unserer bisherigen Positionen sehr schnell feststellen, dass die Partei Bündnis 90/Die Grünen Sie und Ihre Gruppierung inhaltlich, politisch und personell nicht unterstützen kann und wird. Dass wir Ihre Haltung unterstützen, die auf eine Ablehnung der Reformbewegung im Iran und eine weitere Eskalation des Atomstreits hinausläuft, können Sie von uns nicht ernsthaft erwarten.

Mit freundlichen Grüßen


Ali Mahdjoubi
Büro Claudia Roth MdB
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Frage zum Thema Arbeit
20.08.2009
Von:

Guten Abend Herr Özdemir,

als Erstwählerin würde mich interessieren, was Sie gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit unternehmen wollen?

Außerdem möchte ich Ihnen noch gerne eine Frage zu Stuttgart 21 stellen. Die Grünen haben sich in Stuttgart ganz entschieden gegen das Projekt gestellt - und auch Sie versprechen Stuttgart 21 als Abgeordneter in Berlin zu verhindern - bzw. alles zu tun um es in Berlin zu verhindern.
Wie genau gedenken Sie das zu tun? Wie würde Ihr Vorgehen in diesem Fall denn dann genau aussehen? Gibt es dann in Berlin eine Abstimmung, bei der die Stuttgarter Abgeordneten alleine darüber entscheiden dürfen? Wie kann ich mir Ihr Vorgehen vorstellen?

Viele Grüße

Antwort von Cem Özdemir
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03.09.2009
Cem Özdemir
Sehr geehrte Frau ,

das A und O eines guten Einstieg in das Erwerbslebens ist eine gute Ausbildung, denn Jugendliche ohne Berufsausbildung haben ein mehr als doppelt so hohes Arbeitslosigkeitsrisiko wie Jugendliche mit einer abgeschlossenen Ausbildung. Doch auch in diesem Jahr geht die Zahl der Ausbildungsverträge massiv zurück. Die Große Koalition hat vier Jahre geschlafen und es versäumt, das Ausbildungssystem konjunkturell unabhängiger zu gestalten. Über 300 000 Altbewerber warten weiterhin auf einen Ausbildungsplatz.

Wir Grüne sind der Meinung, dass wir endlich eine Reform brauchen, die das Berufsbildungssystem konjunkturunabhängig macht. Darum haben wir mit DualPlus ein Konzept vorgelegt, dass die bereits bestehenden überbetrieblichen Ausbildungsstätten weiter ausbaut. In Kooperation mit beruflichen Schulen und Betrieben werden so zusätzliche Ausbildungsplätze nach dem dualen Prinzip geschaffen, die voll qualifizieren und mit einer Kammerprüfung abschließen. Dabei möchte ich noch einmal betonen, dass es sich hier nicht um außerbetriebliche Ausbildungsorte handelt, sondern die Betriebe in die Ausbildung und deren Finanzierung weiterhin voll mit eingebunden sind.

Für schulmüde Jugendliche oder Schulabbrecher wollen wir verstärkt Produktionsschulen einrichten. Hier können Jugendliche ihren Schulabschluss nachholen und werden beim Übergang in die Berufsausbildung begleitet. Die bereits in einigen Bundesländern bestehenden Produktionsschulen zeigen, wie erfolgreich dieses Modell ist.

Was Stuttgart 21 angeht, so konnte der volkswirtschaftliche Nutzen des Projektes Stuttgart 21 bis heute nicht nachgewiesen werden. Es liegt keine Kosten-Nutzen- Berechnung vor, die den Einsatz der veranschlagten Bundesmittel rechtfertigt. Außerdem geht selbst die Bundesregierung bei Großbauprojekten von deutlichen Preissteigerungen aus. In einem Bericht heißt es dazu, dass insbesondere bei "sehr komplexen Bauvorhaben mit Gesamtkosten jenseits der 100 Mio. Euro" Kostensteigerungen von bis zu 100% beobachtet werden. Im Bereich Eisenbahnbau bspw. wird darauf hingewiesen, dass gerade bei (Groß)Projekten mit speziellen Anforderungen (bspw. Tunnelbauwerke) mit großen Preissteigerungen von bis zu 60% auszugehen ist (Bundestags-Drucksache 16(8)4474). Das heißt, es wird im Ergebnis zu deutlich höheren Kosten und zu einer sinkenden Wirtschaftlichkeit des Projektes "Stuttgart 21" kommen, da diese Kostensteigerungen in der von der Bundesregierung geschätzten Höhe nicht ausreichend berücksichtigt worden sind. Als der Bundestag über das Großprojekt abgestimmt hat, tat er das ohne Kenntnis einer aussagekräftigen Kostenschätzung. Der Finanzierungsvertrag für das Projekt "Stuttgart 21" zwischen Bund, Land Baden-Württemberg und Deutscher Bahn wurde quasi nach dem Motto unterzeichnet: Koste es, was es wolle. Um das Projekt noch zu stoppen, müssen daher endlich die realen Zahlen auf den Tisch - und nicht irgendwelche Platzhalter, die mit der Realität von Großbauprojekten und damit verbundenen Kostensteigerungen nichts zu tun haben.

Mit genügend Rückenwind durch ein entsprechendes Wahlergebnis werden wir gleich nach der Bundestagswahl die Offenlegung der Zahlen verlangen. Wenn diese Kosten und Risiken öffentlich werden, wird es eine erneute Debatte geben, ob man sich angesichts der hohen Staatsverschuldung so unsinnige und teure Projekte leisten kann, ohne bei anderen, allerdings wesentlich wichtigeren und sinnvolleren Zukunftsinvestitionen - wie etwa im Bildungsbereich - extrem zu kürzen. Wenn neue, von der bisherigen Kostenrechnung nicht abgedeckte Risiken auftreten, dann kann das Projekt noch gekippt werden - das muss aber bis Ende 2009 geschehen. Deshalb spielt die Bundestagswahl auch für Stuttgart 21 bzw. die Beendigung dieses unsinnigen Projekts eine große Rolle. Im Falle meiner Wahl in den Bundestag werde ich mit der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen nach der Bundestagswahl ganz sicher einen entsprechenden Vorstoß machen!

Ich wünsche Ihnen für Ihre berufliche und private Zukunft alles Gute und verbleibe

mit besten Grüßen

Cem Özdemir
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Frage zum Thema Bildung und Kultur
06.09.2009
Von:

Sehr geehrter Herr Cem,

Sie haben in Stuttgart Plakate aufstellen lassen, auf denen Sie sich schlicht und einfach "Cem" und "Schwabe" bezeichnen.
Aus welchen Gründen haben Sie Ihren Nachnamen und Ihre ethnische Herkunft weggelassen? Ist das etwa ein neuer Trend in der Politik, dass man sich einen einzigen Künstlernamen gibt (wie z. B. Bushido), oder hat es eine taktische Bedeutung? Oder gibt es eine andere Erklärung?

Mit freundlichen Grüßen

Antwort von Cem Özdemir
1Empfehlung
09.09.2009
Cem Özdemir
Sehr geehrte Frau ,

mein Name ist Cem Özdemir, wobei Cem der Vorname ist. Er ist kurz und gut zu merken.

Mit der ersten Stufe der Großflächenplakatierung wollten wir die Wählerinnen und Wähler schlicht und einfach neugierig machen. Mit den Kopfplakaten (die kleineren Plakate mit Foto und Text) haben wir auch meine regionale Herkunft thematisiert, denn obwohl meine Eltern in der Türkei geboren wurden, stamme ich doch aus dem Ländle, bin hier geboren und aufgewachsen, habe ich hier meine Ausbildung genossen. Ich halte es jedoch nicht für zwingend, dass ich meine ethnische Herkunft expliziert thematisiere - auch wenn ich die Formulierung "anatolischer Schwabe" nach wie vor für passend halte. Denn darin kommt zum Ausdruck, dass ich Deutscher türkischer Herkunft bin und die regionale Färbung - eben schwäbisch - für mich ebenfalls bedeutsam ist.

Zugleich gibt uns das Wortspiel mit "Cem" und "Schwabe" die Möglichkeit, auch auf andere Themen aufmerksam zu machen: Stuttgart mit seiner gesunden Mischung aus Weltoffenheit und Heimatverbundenheit, mein Wahlkreis Stuttgart mit einem hohen Anteil von Menschen, deren Vorfahren nicht aus Deutschland stammen sowie das Thema Integration.

Bei vielen Menschen haben wir unser Ziel auch erreicht, das zeigen ihre Rückmeldungen bei mir persönlich oder an meine Mitarbeiter. Ich möchte Stuttgart im Bundestag vertreten und kämpfe deshalb dafür, dass mein Wahlkreis künftig zwei Abgeordnete nach Berlin entsenden kann (nicht nur die SPD-Kandidatin Ute Vogt, die auch ohne Erststimme aufgrund ihres sicheren Listenplatzes in den Bundestag einziehen wird). Wenn ich direkt ins Parlament gewählt werde, ist dies ein politisches Signal für Grüne Inhalte, das weit über unsere Stadt hinausreicht.

Ich kandidiere allerdings nicht nur als Schwabe, sondern auch als ein Verfechter des grünen Neuen Gesellschaftsvertrags. Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang den Hinweis auf die gelungenen Themenplakate der Grünen, die Sie hier sehen können:

www.gruene.de

Diese Plakate stellen verschiedene Aspekte des grünen Neuen Gesellschaftsvertrags dar, für den ich gerade als Bundesvorsitzender der Grünen stehe und natürlich auch als Direktkandidat vor Ort in Stuttgart kämpfe. Ich denke dabei etwa an die dringend notwendige Verbesserung des Bildungsystems, wo die OECD unserem Land erst gestern wieder ein miserables Zeugnis ausgestellt hat. Ich denke dabei aber auch an die Zukunft der Autostadt Stuttgart, denn nur durch eine schnelle Umstellung auf verbrauchsarme Fahrzeuge, auf Elektroautos und Hybridfahrzeuge behalten Automobil- und Zulieferindustrie ihre starke Position und unsere Region ihre Wirtschaftskraft. Dafür setze ich mich mit ganzer Kraft ein und hoffe, auch auf Ihre Unterstützung zählen zu können.

Mit freundlichen Grüßen

Cem Özdemir
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Frage zum Thema Bürgerrechte, Daten und Verbraucherschutz
07.09.2009
Von:

Recht auf Leben: Einschränkung im Lissabon-Vertrag: Niederschlagung von Aufruhr oder Aufstand

Sehr geehrter Herr Özdemir,
Artikel 2 der Grundrechte-Charta des Lissabon-Vertrags verbietet die Todesstrafe. Allerdings wird erläutert: "Eine Tötung wird nicht als Verletzung dieses Artikels betrachtet, wenn sie durch eine Gewaltanwendung verursacht wird, die unbedingt erforderlich ist, um
a) …
b) …
c) einen Aufruhr oder Aufstand rechtmäßig niederzuschlagen."
Quelle: Amtsblatt der Europäischen Union C303/17, S. 1-2 eur-lex.europa.eu

Die Grünen haben dem Lissabon-Vertrag zugestimmt. Meine Frage an Sie:
Haben die Grünen diesen Passus übersehen (Wenn ja: Wie konnte das geschehen?) oder
Haben die Grünen dem Vertrag trotz Ablehnung dieses Passus zugestimmt (Wenn ja: Was haben die Grünen unternommen, um diesen zu verhindern und was gedenken Sie zukünftig zu unternehmen, um diesen Passus herauszubekommen und warum erachteten Sie diese Grundrechts-Einschränkung nicht für so elementar, dass Ihre Zustimmung verweigern mussten?) oder
Erachten die Grünen diesen Passus als gerechtfertigt?

Mit freundlichen Grüßen
C.
Antwort von Cem Özdemir
bisher keineEmpfehlungen
11.09.2009
Cem Özdemir
Sehr geehrter Herr ,

das Verbot der Todesstrafe gilt. Das regelt die EU-Grundrechtecharta eindeutig und unzweifelhaft. Die von Ihnen zitierten Erläuterungen dienen lediglich als Interpretationshilfe und können nicht etwa die Aussagen der Charta verkehren. Der Passus muss auch in Gänze gelesen werden, denn dort heißt es: "unbedingt erforderlich", "rechtmäßig niederzuschlagen". Dies beschreibt, dass es Situationen geben kann, in denen eine Tötung nicht juristisch geahndet wird. Das gibt es auch heute schon in unserer Rechtsprechung, etwa im Fall einer Notwehr.

Mit freundlichen Grüßen

Cem Özdemir
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Ihre Frage an Cem Özdemir
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