Sehr geehrter Herr

,
herzlichen Dank für Ihre Anfrage.
Zur Bevölkerungsentwicklung: Das Statistische Bundesamt erstellt regelmäßig Bevölkerungsvorausberechnungen in unterschiedlichen Varianten, welche zum einen die aus heutiger Sicht absehbaren künftigen Entwicklungen aufzeigen und zum anderen ein Urteil über den Einfluss der einzelnen demographischen Komponenten - Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit und Wanderungen - auf die Bevölkerungsentwicklung ermöglichen. Bevölkerungsprognosen sind relativ genau, da der Einfluss der Altersstruktur auf die Zahl der Geburten und Sterbefälle relativ hoch ist während Änderungen des Fortpflanzungsverhaltens über eine oder zwei Generationen vergleichsweise wenig Einfluss haben.
Und obwohl die Bevölkerungsvorausberechnungen abhängig von den getroffenen Annahmen sich deutlich unterscheiden (prognostizierte Einwohnerzahl in Deutschland: 67 Mio und 79 Mio), ist der Altersaufbau hingegen immer ähnlich. Die Geburtenrate sinkt seit etwa einem Jahrhundert stetig - lediglich für kurze Zeit unterbrochen durch große historischen Ereignisse (Weltkriege, Wirtschaftskrisen, Deutsche Teilung und Wiedervereinigung), gleichzeitig stieg die Lebenserwartung stetig. Von einer Abweichung dieses Trends ist auch in Zukunft nicht auszugehen.
Und selbst ein plötzlicher Anstieg der Geburtenrate auf den Wert von zwei Kindern pro Paar wird die Schrumpfung der Bevölkerung in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht mehr verhindern können. (siehe auch 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes
www-ec.destatis.de )
Zur Produktivität: Wenn die Produktivität etwa durch den technischen Fortschritt um jährlich 1,5 Prozent wachsen sollte, würde sie sich bis 2050 verdoppeln, und in der Folge das reale Pro-Kopf-Einkommen. Leider wird das Sozialprodukt sich dennoch nicht verdoppeln, da bspw. die mittlere Bevölkerungsprognose (konstante Geburtenhäufigkeit, jährliche Zuwanderung von 100 000 Menschen) von einer deutlichen Absenkung der Anzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter ausgeht (von 50,1 auf 35,5 Mio. Menschen). Gleichzeitig steigt die Zahl der über 65-jährigen um rund 7 Millionen Menschen an, deren Versorgung ebenfalls finanziert werden muss.
Wenn also heute zwei produktive Menschen einen älteren unterstützen, wird es 2050 nur noch einer sein, der doppelt so produktiv sein müsste und einen sehr hohen Beitrag zur Unterstützung anderer Menschen leisten müsste, damit das Rentenniveau aufrecht erhalten werden kann.
Doch selbst ein Produktivitätswachstum von 1,5 Prozent stellt große Herausforderungen an uns. Dieses wird nur zu erreichen sein, wenn es uns gelingt, den Arbeitsmarkt für mehr Menschen zu öffnen. Gleichzeitig müssen die Anstrengungen im Bereich der Bildungs- und Forschungspolitik verstärkt werden. Einerseits muss es gelingen durch stetige Weiterbildung mehr Menschen bis zum regulären Renteneintritt im Erwerbsprozess zu halten. Andererseits müssen alle Kinder gut ausgebildet werden, nicht nur damit die Produktivität steigt sondern vor allem auch, damit wirklich alle Kinder gute Lebenschancen bekommen.
Ich gebe Ihnen also Recht: Die Steigerung der Produktivität kann uns dabei helfen den demographischen Wandel zu finanzieren. Nur leider lässt sich der demographische Wandel relativ genau vorhersagen, wohingegen die künftige Produktivität von einer ganzen Reihe von zum Teil schwer beeinflussbarer Faktoren abhängt, wie Bildungspolitik, Entwicklung der Weltwirtschaft und Ressourcenpreise. Deswegen würde ich mich, im Gegensatz zu Ihnen, nicht alleine darauf verlassen, dass eine Steigerung der Produktivität automatisch alle Probleme lösen wird.
Beste Grüße,
Anna Lührmann