Monika Lazar (GRÜNE)
Abgeordnete Bundestag

Grunddaten
Geburtstag
13.09.1967
Berufliche Qualifikation
Betriebswirtin
Ausgeübte Tätigkeit
MdB
Wohnort
Leipzig
Wahlkreis
Leipzig II
Ergebnis
12,2%
Landeslistenplatz
1, Sachsen
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Parlamentarische Arbeit / Nebentätigkeiten
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Frage zum Thema Demokratie und Bürgerrechte
14.03.2012
Von:

sehr geehrte frau lazar,

die abstimmung bzgl des ESM steht zeitnah an.
laut meinen informationen kratzt dieser vertrag an grundsaetzlichkeiten der hiesigen demokratie - ua dem haushaltsrecht.

die wirkweise des esm entspricht auch nicht unbedingt dem, was man landlaeufig als demokratisch bezeichnen koennte. (gouverneursrat: nicht gewaehlt, komplette immunitaet, darf sein gehalt selber bestimmen; automatische zahlungsmechanismen ohne parlamentarische kontrolle; mittelbarer eingriff in die politik der mitgliedsstaaten)

glauben sie das der esm das grundproblem des euros (zu unterschiedlich starke volkswirtschaften) ueberhaupt beseitigen kann?
und wenn ja, wie?
was ist mit der hiesigen schuldenbremse?
wo sollen die mittel herkommen/ eingespart werden die fuer die (vermeintliche) stabilitaet einer waehrung bereit gestellt werden muessen?

mfg

ds
Antwort von Monika Lazar
bisher keineEmpfehlungen
22.03.2012
Monika Lazar
Sehr geehrter Herr ,

danke für Ihre Fragen zu einem brisanten, mit vielen Befürchtungen verknüpften Thema.
Wir müssen realistisch analysieren, wodurch die Zukunftsfähigkeit Deutschlands langfristig stärker bedroht wird: von wirtschaftlicher und finanztechnischer Abschottung oder von der Solidarität bei der Sicherung einer funktionsfähigen europäischen Wirtschaftszone. Meiner Auffassung nach ist ein starkes Europa gut für unser Land. Alle anderen (angstgesteuerten) Wege führen in eine Sackgasse.

Die Ereignisse in der Eurozone stellen uns alle vor enorme Herausforderungen. Einige davon klingen in Ihren Fragen an. Sie schreiben von unterschiedlich starken Volkswirtschaften, welche eine Eurokrise verursacht hätten. Meiner Ansicht nach lassen sich jedoch heutzutage die Volkswirtschaften der einzelnen Länder gar nicht mehr so schematisch auseinanderdividieren. Die momentane Situation verdeutlicht vielmehr, wie sehr die Volkswirtschaften Europas miteinander verflochten sind. Deutschland hat von der gemeinsamen Währung und dem gemeinsamen Binnenmarkt bislang stark profitiert. Wir wollen, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird und engagieren uns deshalb für eine solide, realistische und nachhaltige Lösung zur Überwindung der Eurokrise.

In der Einrichtung des dauerhaften Rettungsschirms ESM sehen wir einen zentralen Baustein für die dauerhafte Stabilisierung der Euro-Zone. Wir halten es für notwendig, ein stabiles und glaubwürdiges Instrument zu schaffen, mit dem Euro-Staaten geholfen werden kann, die sich in einer Notlage befinden und am Markt keine bezahlbaren Kredite mehr bekommen. Ohne ein solches Instrument kann die Schieflage eines einzelnen Mitgliedstaates schnell zu einem Problem der gesamten Euro-Zone werden. Zudem ist ein handlungsfähiger ESM auch ein wichtiges Zeichen gegenüber den Finanzmärkten. Die Euro-Staaten machen damit deutlich, dass sich die Spekulation gegen einzelne Euro-Staaten nicht lohnt.

Das Begleitgesetz zum ESM wird in seinen Einzelheiten in den nächsten Monaten beraten. Die grüne Bundestagsfraktion wird sich intensiv an dem Prozess beteiligen und setzt sich für eine starke Beteiligung des Deutschen Bundestags ein, wie sie auch kürzlich das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil gefordert hat.
Wie unterstützen den ESM, weil er ein zentrales Prinzip beinhaltet: Es gibt nur Hilfe gegen Auflagen. Diese Konditionierung bedeutet: Der ESM greift nur ein, wenn die hilfebedürftigen Mitgliedsstaaten vorab getroffene Vereinbarungen auch sicher einhalten. Außerdem werden die Kredite nur dann vergeben, wenn der Empfänger seine Schulden auch tatsächlich tragen kann. Das wird in einer sogenannten Schuldentragfähigkeitsanalyse überprüft.
Überdies steht die Gewährleistungshöhe fest. Ein Fass ohne Boden ist der ESM auch deswegen nicht, weil die Summe der deutschen Gewährleistungen klar begrenzt ist. Über diese Summe entscheidet der Deutsche Bundestag und sie kann nicht überschritten werden. Insofern gibt es auch Vorkehrungen, damit die Schuldenbremse weiterhin funktioniert.

Im Gegensatz zur Koalition bekennen wir uns eindeutig dazu, dass ohne gemeinsame Gewährleistungen ein Ausweg aus der Krise nicht möglich ist. Die Koalition hat mit ihrem zögerlichen Verhalten bisher nur erreicht, dass der größte Teil der Krisenstrategie momentan durch die EZB ausgeführt wird. Dadurch werden de facto Risiken aus den Nationalen Haushalten auf die EZB verlagert. Hinter der EZB stehen am Ende jedoch dieselben europäischen Steuerzahler. Die Risiken bei der EZB übersteigen mittlerweile das Volumen des ESM bei weitem. Somit ist die Bundesregierung nicht ehrlich gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, wenn sie behauptet, sie sei gegen eine Vergemeinschaftung von Schulden. Diese gibt es bereits.

Deutschland allein hat in einer globalisierten Welt auf Dauer kein Gewicht – um politischen Handlungsspielraum zurückzugewinnen brauchen wir eine handlungsfähige und starke Europäische Union.

Der ESM kann aber nur ein Baustein hin zu einer krisenfesten finanz-, haushalts- und wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit in der EU sein. Gleichzeitig brauchen wir einen starken Stabilitäts- und Wachstumspakt mit klaren Regeln zur Vermeidung von übermäßiger Verschuldung, eine Wirtschafts- und Solidarunion, die Fehlentwicklungen in einzelnen Staaten und somit wirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen den Euro-Staaten frühzeitig erkennt sowie eine Kultur finanzpolitischer Verantwortung. Dafür muss sich die Bundesregierung in Brüssel einsetzen – ohne Wenn und Aber.

Viele Grüße
Monika Lazar
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Frage zum Thema Finanzen
11.05.2012
Von:

Sehr geehrte Frau Lazar,

aus Ihren Antworten entnehme ich, dass Sie trotz aller Bedenken den geplanten ESM und damit eine dauerhafte und unbegrenzte Zahlung Deutschlands an EU-insolvente Länder unterzeichnen werden. Meine Fragen: 1. Sie fordern in dem Zusammenhang mit dem ESM einen starken Stabilitäts- und Wachstumspakt. Wissen sie nicht, dass es im Rahmen der EU Struktur-und Kohäsionsfonds schon seit Jahren/seit Anbeginn gibt? und 2. Die Schuldenpolitik Griechenlands und Spaniens haben die Menschen auf die Straße getrieben und wir beobachten sehr brutale Ausschreitungen. Haben Sie nicht auch Angst, dass es in Deutschland durch hohe Staatsverschuldung und den damit üblichen Sparmaßnahmen im sozialen Bereich zu ebenso gewaltbereiten sozialen Unruhen und zu Zunahmen im Rechts-und Linksextremismus kommen wird?

Mit freundlichen Grüßen
Antwort von Monika Lazar
bisher keineEmpfehlungen
18.05.2012
Monika Lazar
Sehr geehrte Frau ,

schön, wieder einmal von Ihnen zu hören! Das Thema Euro und Verschuldung ist sehr komplex. Es gibt hier leider keine einfache Lösung. Ihre kritischen Nachfragen sind insofern für mich völlig nachvollziehbar. Sie fragen, ob ich Angst habe vor Unruhen im Land. Ich würde sagen: Befürchtungen und Zukunftsängste in der Bevölkerung nehme ich durchaus wahr, glaube aber nicht, dass diese zu bundesweiten gewaltsamen Ausschreitungen führen werden. Trotz aller Schwierigkeiten haben wir einen stabilen Sozialstaat, in dem niemand durch finanzielle Not um sein Leben fürchten muss. Es gibt Nahrung und Obdach für alle, die sich an die Behörden um Hilfe wenden. Ob mit den Mitteln für Arme allerdings eine vollwertige soziale Teilhabe möglich ist, steht auf einem anderen Blatt - diese Frage muss ich verneinen. Ich setze mich daher auch entschieden für eine Reform von Hartz IV ein und plädiere für menschenwürdige Regelungen, z.B. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Die hohe Staatsverschuldung ist überall in Europa ein Problem. Ehrlich gesagt, sehe ich dafür in absehbarer Zeit keine befriedigende Lösungsstrategie. Gespart wird an der völlig falschen Stelle - im sozialen Bereich, anstatt z.B. Rüstungsausgaben und veraltete Subventionen abzubauen. Bei den momentanen Mehrheitsverhältnissen im Bund fließen auch die Investitionen nicht in die richtigen Bereiche. Wir brauchen mehr Mittel für Bildung, ökologische Arbeitsplätze und ein Gesundheitswesen, das keine Zwei-Klassen-Medizin befördert. Eine schwarz-gelbe Bundeshaushaltsführung, die nur den Mangel verwaltet, statt Zukunft zu gestalten, muss scheitern. Das macht mir in der Tat Sorgen.

Dass Protestbewegungen unter den Unsicherheiten zunehmen, sehen wir eindrücklich am momentanen Erfolg der Piratenpartei. Sie prangern vieles an und geben damit den Menschen eine Stimme, die einfach frustriert sind. Wofür die Piraten stehen, habe ich allerdings noch nicht herausgefunden. Und das ist ein Problem, mit dem die Politik heute häufig zu kämpfen hat: Gegen die finanzielle Solidarität im Euroraum, gegen mehr Schulden, gegen Sozialkürzungen zu sein, genügt nicht.

Wir müssen Wege jenseits einer generellen Nein-Haltung finden, denn unsere Gesellschaft braucht mutige Lösungen. Deshalb frage ich bei der Eurokrise immer: Wohin führt es, wenn wir andere Euroländer im Stich lassen und uns abschotten? Meine Antwort lautet: Deutschland hat viel zu verlieren, wenn andere Euroländer Bankrott gehen. Denn unsere Wirtschaft basiert auf Export, wir haben von der gemeinsamen Währung und dem gemeinsamen Binnenmarkt bislang stark profitiert. In der Einrichtung des dauerhaften Rettungsschirms ESM sehen wir Grüne deshalb einen zentralen Baustein für die dauerhafte Stabilisierung der Euro-Zone. Ein Fass ohne Boden wird der ESM nicht, weil die Summe der deutschen Gewährleistungen klar begrenzt ist. Über diese Summe entscheidet der Deutsche Bundestag und sie kann nicht überschritten werden. Außerdem brauchen wir einen starken Stabilitäts- und Wachstumspakt mit klaren Regeln zur Vermeidung von übermäßiger Verschuldung, eine Wirtschafts- und Solidarunion, die Fehlentwicklungen in einzelnen Staaten und somit wirtschaftliche Ungleichgewichte zwischen den Euro-Staaten frühzeitig erkennt sowie eine Kultur finanzpolitischer Verantwortung. Mehr dazu können Sie hier nachlesen: www.gruene-bundestag.de

Viele Grüße
Monika Lazar
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Frage zum Thema Demokratie und Bürgerrechte
20.05.2012
Von:

Sehr geehrte Frau Lazar,

vielen Dank fuer Ihre obige Antwort.

Leider ist diese fuer mich aus mehreren Gruenden nicht zufriedenstellend.

Als ehemaliger (und wohl auf Dauer: Nicht-Waehler) Ihrer Person und Ihrer Partei bin ich geradezu erschrocken wie relativ salopp Sie den ESM beschreiben.

Die von Ihnen beschriebenen Einflussmoeglichkeiten des deutschen Parlamentes auf die Zahlungspflichten sind eben bei weitem nicht so selbstverstaendlich wie Sie es hier behaupten.

Nicht umsonst gibt es sehr wahrscheinlich eine Verfassungsbeschwerde des Vereins "Mehr Demokartie e.V." unter Federfuehrung eines der bekanntesten Staatrechtler Deutschlands -
dem an der Uni Leipzig ansaessigen Prof. Degenhardt - und der ehemaligen Ministerin Daeubler-Gmelin.

Abgesehen davon ist das Begleitgesetz zum ESM noch nicht einmal verabschiedet und Sie wissen wie es dann wirkt?

Der Teil Ihrer Antwort der sich auf wirtschafts-/ waehrungspolitische Dinge bezieht, laesst mich an der diesbezueglichen Kompetenz stark zweifeln, lasse dies aber unkommentiert.

Das von Ihnen verwendete Wort Solidaritaet ist ein schoenes Wort mit dem man die Herzen erreichen kann. Nachdem aber mittlerweile offensichtlich geworden ist, das eine groesstenteils emotional-politisch motivierte Einfuehrung des Euro in dieser Form ein Fehler war, sind in Zukunft rationale Entscheidungen gefragter denn je.

Das "mehr Europa" was Sie fordern, hat Zeit, braucht Zeit und vor allem Rueckhalt in der Bevoelkerung. Dem werden Sie nicht gerecht indem Sie die nationalstaatliche Demokratie ausserhalb der bestehenden europaeischen Vertraege von oben herab beschneiden.
Eine Volksabstimmung wird auch in Deutschland unausweichlich sein.
Letztlich: ein gemeinsames Europa bedingt nicht zwingend eine gemeinsame Waehrung.

Vielleicht schaffen Sie es vor der ESM-Abstimmung bei Prof. Degenhardt an der Uni Leipzig vorbei zuschauen...

Gruesse

DS

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