Sehr geehrte Frau

,
vielen Dank für Ihre beiden Fragen.
Zu 1.): Nach dem 11. September erklärte Bundeskanzler Schröder unter dem Applaus der CDU/CSU und der FDP die "uneingeschränkte Solidarität" der Rot-Grünen Bundesregierung mit der US-Regierung Bush. Damit wurde von Rot-Grün de facto die unheilvolle Logik der Bush-Regierung übernommen, wonach der internationale Terrorismus mit militärischen Mitteln besiegt werden könnte. Völlig zu recht hat seinerzeit die PDS darauf hingewiesen, dass man dem internationalen Terrorismus nur mit v.a. polizeilichen und entwicklungspolitischen Maßnahmen beikommen kann und eine Beteiligung der Bundeswehr an der Operation "Enduring freedom" folgerichtig abgelehnt.
Wie schon bspw. 1625 von Hugo Grotius beschrieben, wurden und werden fast alle Kriege mit höheren moralischen Zwecken begründet. Im Falle des Afghanistan-Krieges mussten wieder einmal die Menschenrechte herhalten, um diesen Krieg der mehrheitlich ablehnend eingestellten deutschen Bevölkerung zu "verkaufen". Wäre es der NATO tatsächlich darum gegangen, Demokratie und Menschenrechte in Afghanistan militärisch durchzusetzen, hätte nach der Bombardierung der Einsatz von Bodentruppen erfolgen müssen, als sich die Taliban in Auflösung und auf der Flucht befanden. Würde die NATO diesen Ansatz tatsächlich verfolgen, hätte sie im übrigen bspw. auch im Darfur-Konflikt militärisch intervenieren müssen – um nur ein Beispiel zu nennen.
Die von Rot-Grün unterstützten US-Luftstreitkräfte übersäten Afghanistan seinerzeit flächendeckend mit völkerrechtswidrigen Cluster-Bomben, die auf dem Boden als Minen liegen bleiben. Noch heute kann es deshalb passieren, dass bspw. ein afghanischer Kleinbauer bei der Bestellung seines Feldes in Stücke gerissen wird. Ob durch diese Kriegsführung in Afghanistan die Position der sog. westlichen Wertegemeinschaft gestärkt wurde, wage ich zu bezweifeln.
Gewalt erzeugt Gegengewalt und ich befürchte, dass die NATO und damit auch die Bundeswehr von Teilen der Bevölkerung in zunehmendem Masse als Besatzer wahrgenommen wird. Ich teile voll und ganz Ihre Befürchtung, dass die Gefahr besteht, dass der Islamismus in Form der Taliban, die sich leider seinerzeit im Grenzgebiet zu Pakistan regenerieren konnten, erneut die Oberhand in Afghanistan gewinnen könnte. Letztlich wird dies m.E. aber nur zu verhindern sein, wenn sich eine Mehrheit in der afghanischen Bevölkerung dem widersetzt. Nach meiner Einschätzung setzen wir derzeit nicht nur unsere Soldaten einer enormen Gefahr aus, sondern ist ihre Präsenz im Rahmen des Demokratisierungsprozesses in Afghanistan sogar eher hinderlich, weil sie von den anti-demokratischen Kräften als Feindbild missbraucht werden. Vor diesem Hintergrund bin ich dafür, die Bundeswehr so schnell wie möglich aus Afghanistan abzuziehen und im Gegenzug die zumindest einigermaßen demokratischen Kräfte (Vorkämpfer für Frauenrechte sind die auch nicht!) zu unterstützen und sie in die Lage zu versetzen, sich selbst zu verteidigen. Aus dem Afghanistan-Dilemma, in das uns ein grüner Außenminister manövriert hat, der kurz vor seinem Amtsantritt noch die NATO abschaffen wollte, gibt es m.E. aber nur suboptimale Wege.
Zu 2.): Da sowohl Herr Steffel, als auch Herr Stroedter über einen vorderen Platz auf der Landesliste ihrer jeweiligen Parteien abgesichert sind, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beide in den Bundestag einziehen. Deshalb basieren Ihre angestellten taktischen Überlegungen m.E. auf falschen Annahmen. Sie können demnach, ohne sich verrenken zu müssen, mit gutem Gewissen die oder denjenigen Kandidaten/-in wählen, der oder die Sie am meisten überzeugt.
Richtig ist aber, dass sich die SPD vor dem Hintergrund der Krise, aufgrund der Konkurrenz von links durch die Partei DIE LINKE und schlicht und ergreifend, weil wir uns im Wahlkampf befinden, derzeit darum bemüht, wieder stärker als Partei der sozialen Gerechtigkeit wahrgenommen zu werden. Fakt ist aber, dass die SPD seit über zehn Jahren Regierungsverantwortung im Bund trägt und folglich für die in diesem Zeitraum erfolgte massive Umverteilung des Volkseinkommens von unten nach oben politisch (mit-) verantwortlich ist (Hartz-Gesetzgebung, Senkung der Körperschaftssteuer und des Spitzensteuersatzes, keine Einführung des Mindestlohnes oder der Vermögenssteuer…). Fakt ist auch, dass das SPD-Wahlprogramm ebenso wenig eine Überwindung von Hartz IV vorsieht, wie eine Vermögenssteuer oder eine Erhöhung der Körperschaftssteuer und des Spitzensteuersatzes auf das Niveau vor dem Eintritt der SPD in die Regierungsverantwortung im Bund. Weder programmatisch, noch personell (Steinmeier, Müntefering…) hat die SPD einen Schnitt vollzogen. Vor dem Hintergrund der Krise prognostiziert das DIW - aus meiner Sicht sogar noch zu optimistisch - ein Minus von 150 Mrd. Euro im Bund im nächsten Jahr. Dass sich die SPD angesichts der Kosten der Krise dennoch nicht traut, die 800.000 Vermögensmillionäre in Deutschland zu gesellschaftlicher Solidarität zu verpflichten und somit stärker zu besteuern, beweist leider, dass sie von einer grundsätzlichen Kurskorrektur für mehr soziale Gerechtigkeit immer noch weit entfernt ist. Die aus meiner Sicht wünschenswerte Resozialdemokratisierung der SPD zur Ermöglichung eines Rot-Roten Politikwechsels im Bund ist ein Prozess, der Zeit braucht. Wählen sie mit beiden Stimmen DIE LINKE und Sie leisten einen Beitrag, dass DIE LINKE sich auch im Bezirk dauerhaft verankert und im Bund so stark wird, dass wir die SPD und im übrigen auch die Grünen weiterhin von links unter Druck setzen können, um einen echten Politikwechsel für soziale Gerechtigkeit, nachhaltiges Wachstum, gute Beschäftigung und Frieden zu ermöglichen.
Mit besten Grüßen Felix Lederle