Winfried Nachtwei (GRÜNE)
Abgeordneter Bundestag 2005-2009
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Grunddaten
Winfried Nachtwei
Jahrgang
1946
Berufliche Qualifikation
Lehrer für Geschichte und Sozialwissenschaften
Ausgeübte Tätigkeit
Mitglied des Deutschen Bundestages
Wahlkreis
Münster
Landeslistenplatz
10, über Liste eingezogen, Nordrhein-Westfalen
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(...) Allerdings ist es legitim und notwendig, nicht nur Krieg zu ächten und zu verhüten, sondern zugleich das humanitäre (Kriegs-)Völkerrecht zu stärken. Und dazu gehört die Ächtung und das Verbot von Massenvernichtungswaffen (bei Chemiewaffen voll gelungen, bei Biowaffen unvollständig, bei Atomwaffen noch nicht), dazu gehört das Verbot von unterschiedslos wirkenden Waffen. Ein historischer Abrüstungserfolg, erstmalig durch eine zivilgesellschaftliche Bewegung vorangebracht, war das Verbot von Antipersonenminen. (...)
Parlamentarische Arbeit / Nebentätigkeiten
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Frage zum Thema Sicherheit
05.12.2007
Von:

Mich würde interessieren, warum bei der Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit über die Sicherheitslage in Afghanistan, ISAF, OEF usw. die Rolle der Warlords so wenig zur Sprache kommt. (Ich bezeichne die Warlords gerne als die zweite Front, die einem in den Rücken fällt, wenn man sie ignoriert) Außerdem bin ich interessiert daran, zu erfahren, ob Strategien zum Aufbau einer afghanischen Zivilgesellschaft, die sich den Taliban, den Warlords und der Korruption im Land entgegenstellen könnte, existieren.

Schließlich interessiert mich ihre persönliche Haltung zur Frage der Bekämpfung der Straflosigkeit für ehemalige Kriegsverbrecher, von denen viele im Parlament und in der Regierung sitzen (s. Human Rights Watch, Afghan Independent Human Rights Commission, Afghan Justice Project), einem Problem, das eng mit der afghanischen Sicherheitslage verknüpft ist.

Zu meiner Legitimation: Ich bin Afghanistan-Experte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Antworten auf meine Frage können Sie auch an Ulrich Delius, den Asien-Referenten im Bundesbüro der Gesellschaft für bedrohte Völker, senden ( asien@gfbv.de ).

Antwort von Winfried Nachtwei
2Empfehlungen
20.12.2007
Winfried Nachtwei
Sehr geehrter Herr ,

haben Sie vielen Dank für Ihre Anfrage zur Rolle der "Warlords" in Afghanistan sowie zu meiner Haltung zur Bekämpfung der Straflosigkeit für ehemalige Kriegsverbrecher. Vielen Dank auch für Ihr zweites Schreiben über Abgeordnetenwatch, in dem Sie nochmals auf den Zusammenhang von Warlords, Zivilgesellschaft und Überwindung der Straflosigkeit hinweisen und mich dankenswerter Weise auf das Schicksal des Journalisten Sayed Yaqub Ibrahimi aufmerksam machen. Wie bereits telefonisch besprochen, beabsichtige ich, mich in dieser Angelegenheit schriftlich an die Bundesregierung zu wenden. Vielen Dank schon einmal für die Informationen per E-Mail.

Die Diskussion hier in der Öffentlichkeit bezüglich der Rolle der Warlords in Afghanistan ist in der Tat wenig differenziert. Die Warlords werden in der Öffentlichkeit wohl immer wieder im Kontext der Risikofaktoren mit genannt, aber nicht genauer dargestellt. Anders sieht es vor Ort aus, wo wir bei Briefings recht genau zu verschiedenen Machthabern und Warlords informiert werden und wo die Gradwanderung ihnen gegenüber deutlich wird. Viele von ihnen üben als sogenannte "spoiler", als Friedensstörer einen enormen Einfluss auf den Stabilisierungs- und Friedensprozess in Afghanistan aus. Mittlerweile haben sie auch eine komfortable Position in Parlament und Regierung zurück gewonnen. Das Anfang dieses Jahres vom afghanischen Parlament verabschiedete Amnestiegesetz arbeitet ihnen direkt in die Hände. Es sieht vor, dass Kriegsverbrechen vor 2002 nicht verfolgt werden sollen. Erst auf Druck vor allem der afghanischen Zivilgesellschaft, aber auch von Karzai und den Vereinten Nationen konnte das Gesetz abgeschwächt werden. Den Opfern soll der Weg der Individualklage offen bleiben. Das Gesetz steht zudem im Widerspruch zum nationalen Versöhnungsplan, der von der afghanischen Menschenrechtskommission, der Regierung in Kabul und der UNO im Jahr 2005 verabschiedet wurde. Dort waren auch Strafgerichte für Kriegsverbrecher geplant. Bislang ist das Amnestiegesetz allerdings noch nicht rechtskräftig. Deutlich wird daraus, dass in Afghanistan wie in vielen anderen Post-Konfliktgesellschaften auch ein reiner Konfrontationskurs zu "Vorbelasteten" des alten Regimes kontraproduktiv sein kann, verfügen sie doch häufig noch über genügend Einfluss, um eine friedliche Entwicklung zu torpedieren.

Auch wenn die Situation in Afghanistan regional sehr unterschiedlich ist, so sind insgesamt die staatlichen Strukturen und Kapazitäten noch viel zu schwach ausgeprägt. Die Umsetzung der verfassungsrechtlichen Garantien ist unzureichend. Noch immer dominiert vielfach traditionelles Gewohnheitsrecht, existieren unterschiedliche Rechtssysteme. Gewaltverbrechen, insbesondere Gewalt gegen Frauen, werden mangels formeller rechtlicher Strukturen und mangelndem Rechtsbewusstseins häufig nicht geahndet. Gerade in den Provinzen stehen dem Bemühen der Regierung informelle konservative Kräfte entgegen. Warlords und lokale Kommandeure kontrollieren noch immer weite Teile des Landes, in einigen Provinzen im Norden und Westen des Landes ersetzen sie sogar quasi die lokale Autorität. Hinzu kommt, dass Korruption, Vetternwirtschaft und Stammesproporz sowie zahlreiche Verflechtungen mit der Drogenwirtschaft zu einem Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Karzai-Regierung geführt haben. Bisherige Aufbau- und Entwicklungserfolge werden dadurch gefährdet und das Land weiter destabilisiert.

Zur Stärkung der afghanischen Zivilgesellschaft gibt es Konzeptionelles, Programme und Projekte von verschiedenen Gebern, von der Bundesregierung von Anfang an. Das kann von der Förderung unabhängiger Medien über gesellschaftliches Peacebuilding bis zum Tribal Liason Office gehen. Im Einzelnen sind das manchmal bewundernswerte Anstrengungen. Von Strategie würde ich angesichts der vielen Akteure, des vielen Nebeneinanders, der Kluft zwischen Herausforderungen und bescheidenen Ressourceneinsätzen aber nicht reden.

Zur Überwindung von Straflosigkeit: Wir wissen nur allzu gut, dass Rechtssicherheit, transparente Verfahren und der effektive Schutz von Individualrechten die Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung und einen dauerhaften Frieden sind. Wir wissen aber auch, dass es ein allgemeingültiges Konzept wie wir Gesellschaften, - in denen die Menschen durch Krieg, Vertreibung und massive Menschrechtsverletzungen schwer traumatisiert worden sind und in denen die Bevölkerung das Vertrauen in den Staat und seine Schutzfunktion verloren hat bzw. nie hatte, - dabei unterstützen können, verlässliche Institutionen aufzubauen und das Vertrauen der Menschen in diese wieder herzustellen, nicht geben kann. Dafür ist die Situation in Konflikt- und Postkonfliktgesellschaften viel zu komplex, sind die Konflikte und Herausforderungen viel zu vielschichtig und zahlreich: Es geht um Frieden und Sicherheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit, um Wahrheitsfindung, Versöhnung und soziale Neuordnung. Das lässt sich weder allein mit einem Ansatz, der nur die Sicherheit in den Vordergrund stellt, noch mit einem Ansatz der nur auf den Aufbau rechtstaatlicher Institutionen setzt, gewährleisten. Keine Frage auch, dass es ohne eine starke Zivilgesellschaft als Träger des Aufbau- und Transformationsprozesses keinen dauerhaften Frieden geben kann. Die Stärkung der Zivilgesellschaft kann aber kein Ersatz für den Aufbau staatlicher Strukturen sein.

Worauf es mir dabei aber auch ankommt, wir dürfen uns durch die Schwierigkeiten, die Vielzahl der Herausforderungen und auch mancher Rückschläge nicht entmutigen lassen. Afghanistan ist nicht verloren, wie auch die jüngste Umfrage der ARD eindrücklich zeigt (diese ist auf meiner Homepage unter www.nachtwei.de abrufbar). Was wir brauchen sind intelligente Lösungen, ist eine Verbindung der verschiedenen Ansätze und eine Vielzahl von Maßnahmen und Handlungsansätzen, sonst kann es keinen dauerhaften Frieden und keine nachhaltige Entwicklung in Afghanistan geben. Dass noch vieles zu tun ist, vor allem für einen effektiven Polizei- und Justizaufbau und gleichzeitig für einen wirkungsvollen Menschenrechtsschutz, und wir daher unser Engagement für Afghanistan verstärken und ausbauen müssen, ist richtig. Dazu müssen wir in dem nächsten Jahr kommen. Wir wollen, dass die Bundesregierung eine Vorreiterrolle einnimmt und in der EU und der NATO darauf drängt, in dem so wichtigen Bereich des zivilen Aufbaus endlich voranzukommen.

Ich hoffe ich habe Ihre Fragen hinreichend beantwortet.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Nachtwei, MdB
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Frage zum Thema Umwelt
08.12.2007
Von:

Sehr geehrter Herr Nachtwei!
Die Aktion "Licht aus", war die sinnvoll?
Was hat es gebracht?
Mit freundlichen Grüßen,

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Frage zum Thema Sicherheit
14.12.2007
Von:

Sehr geehrter Herr Nachtwei,

als kleinen Nachtrag zu meiner Anfrage vom 5. Dezember möchte ich Sie aufmerksam machen auf die Veröffentlichungen zum NATO-Gipfel in Edinburgh. Jaap de Hoop Scheffer betont die Wichtigkeit des Engagements, die Schwierigkeiten, die Taliban. Mit keinem Wort werden die Warlords genannt. Dasselbe gilt für Allan Gates, der sich über das fehlende deutsche Engagement beschwert und eine Änderung der Afghanistan-Strategie einfordert, bestimmt nicht im Hinblick auf die Warlords. Niemand interessiert sich für das Schicksal des Journalisten Sayed Yaqub Ibrahimi, des Mitarbeiters des von der EU geförderten International Institute for War and Peace Reporting, der die Warlords im Norden so sehr angegriffen hat, daß man seinen Bruder unter konstruierte falsche Anklage gestellt hat: Diesem droht ein Todesurteil durch einen Rat warlordhöriger islamischer Geistlicher. Unterstreicht das nicht die Wichtigkeit meiner Anfrage in Bezug auf Warlords, Zivilgesellschaft und Straflosigkeit?

, Göttingen
Antwort von Winfried Nachtwei
6Empfehlungen
19.12.2007
Winfried Nachtwei
Sehr geehrter Herr ,

haben Sie vielen Dank für Ihre Anfrage zur Rolle der "Warlords" in Afghanistan sowie zu meiner Haltung zur Bekämpfung der Straflosigkeit für ehemalige Kriegsverbrecher. Vielen Dank auch für Ihr zweites Schreiben über Abgeordnetenwatch, in dem Sie nochmals auf den Zusammenhang von Warlords, Zivilgesellschaft und Überwindung der Straflosigkeit hinweisen und mich dankenswerter Weise auf das Schicksal des Journalisten Sayed Yaqub Ibrahimi aufmerksam machen. Wie bereits telefonisch besprochen, beabsichtige ich, mich in dieser Angelegenheit schriftlich an die Bundesregierung zu wenden. Vielen Dank schon einmal für die Informationen per E-Mail.

Die Diskussion hier in der Öffentlichkeit bezüglich der Rolle der Warlords in Afghanistan ist in der Tat wenig differenziert. Die Warlords werden in der Öffentlichkeit wohl immer wieder im Kontext der Risikofaktoren mit genannt, aber nicht genauer dargestellt. Anders sieht es vor Ort aus, wo wir bei Briefings recht genau zu verschiedenen Machthabern und Warlords informiert werden und wo die Gradwanderung ihnen gegenüber deutlich wird. Viele von ihnen üben als sogenannte "spoiler", als Friedensstörer einen enormen Einfluss auf den Stabilisierungs- und Friedensprozess in Afghanistan aus. Mittlerweile haben sie auch eine komfortable Position in Parlament und Regierung zurück gewonnen. Das Anfang dieses Jahres vom afghanischen Parlament verabschiedete Amnestiegesetz arbeitet ihnen direkt in die Hände. Es sieht vor, dass Kriegsverbrechen vor 2002 nicht verfolgt werden sollen. Erst auf Druck vor allem der afghanischen Zivilgesellschaft, aber auch von Karzai und den Vereinten Nationen konnte das Gesetz abgeschwächt werden. Den Opfern soll der Weg der Individualklage offen bleiben. Das Gesetz steht zudem im Widerspruch zum nationalen Versöhnungsplan, der von der afghanischen Menschenrechtskommission, der Regierung in Kabul und der UNO im Jahr 2005 verabschiedet wurde. Dort waren auch Strafgerichte für Kriegsverbrecher geplant. Bislang ist das Amnestiegesetz allerdings noch nicht rechtskräftig. Deutlich wird daraus, dass in Afghanistan wie in vielen anderen Post-Konfliktgesellschaften auch ein reiner Konfrontationskurs zu "Vorbelasteten" des alten Regimes kontraproduktiv sein kann, verfügen sie doch häufig noch über genügend Einfluss, um eine friedliche Entwicklung zu torpedieren.

Auch wenn die Situation in Afghanistan regional sehr unterschiedlich ist, so sind insgesamt die staatlichen Strukturen und Kapazitäten noch viel zu schwach ausgeprägt. Die Umsetzung der verfassungsrechtlichen Garantien ist unzureichend. Noch immer dominiert vielfach traditionelles Gewohnheitsrecht, existieren unterschiedliche Rechtssysteme. Gewaltverbrechen, insbesondere Gewalt gegen Frauen, werden mangels formeller rechtlicher Strukturen und mangelndem Rechtsbewusstseins häufig nicht geahndet. Gerade in den Provinzen stehen dem Bemühen der Regierung informelle konservative Kräfte entgegen. Warlords und lokale Kommandeure kontrollieren noch immer weite Teile des Landes, in einigen Provinzen im Norden und Westen des Landes ersetzen sie sogar quasi die lokale Autorität. Hinzu kommt, dass Korruption, Vetternwirtschaft und Stammesproporz sowie zahlreiche Verflechtungen mit der Drogenwirtschaft zu einem Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Karzai-Regierung geführt haben. Bisherige Aufbau- und Entwicklungserfolge werden dadurch gefährdet und das Land weiter destabilisiert.

Zur Stärkung der afghanischen Zivilgesellschaft gibt es Konzeptionelles, Programme und Projekte von verschiedenen Gebern, von der Bundesregierung von Anfang an. Das kann von der Förderung unabhängiger Medien über gesellschaftliches Peacebuilding bis zum Tribal Liason Office gehen. Im Einzelnen sind das manchmal bewundernswerte Anstrengungen. Von Strategie würde ich angesichts der vielen Akteure, des vielen Nebeneinanders, der Kluft zwischen Herausforderungen und bescheidenen Ressourceneinsätzen aber nicht reden.

Zur Überwindung von Straflosigkeit: Wir wissen nur allzu gut, dass Rechtssicherheit, transparente Verfahren und der effektive Schutz von Individualrechten die Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung und einen dauerhaften Frieden sind. Wir wissen aber auch, dass es ein allgemeingültiges Konzept wie wir Gesellschaften, - in denen die Menschen durch Krieg, Vertreibung und massive Menschrechtsverletzungen schwer traumatisiert worden sind und in denen die Bevölkerung das Vertrauen in den Staat und seine Schutzfunktion verloren hat bzw. nie hatte, - dabei unterstützen können, verlässliche Institutionen aufzubauen und das Vertrauen der Menschen in diese wieder herzustellen, nicht geben kann. Dafür ist die Situation in Konflikt- und Postkonfliktgesellschaften viel zu komplex, sind die Konflikte und Herausforderungen viel zu vielschichtig und zahlreich: Es geht um Frieden und Sicherheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit, um Wahrheitsfindung, Versöhnung und soziale Neuordnung. Das lässt sich weder allein mit einem Ansatz, der nur die Sicherheit in den Vordergrund stellt, noch mit einem Ansatz der nur auf den Aufbau rechtstaatlicher Institutionen setzt, gewährleisten. Keine Frage auch, dass es ohne eine starke Zivilgesellschaft als Träger des Aufbau- und Transformationsprozesses keinen dauerhaften Frieden geben kann. Die Stärkung der Zivilgesellschaft kann aber kein Ersatz für den Aufbau staatlicher Strukturen sein.

Worauf es mir dabei aber auch ankommt, wir dürfen uns durch die Schwierigkeiten, die Vielzahl der Herausforderungen und auch mancher Rückschläge nicht entmutigen lassen. Afghanistan ist nicht verloren, wie auch die jüngste Umfrage der ARD eindrücklich zeigt (diese ist auf meiner Homepage unter www.nachtwei.de abrufbar). Was wir brauchen sind intelligente Lösungen, ist eine Verbindung der verschiedenen Ansätze und eine Vielzahl von Maßnahmen und Handlungsansätzen, sonst kann es keinen dauerhaften Frieden und keine nachhaltige Entwicklung in Afghanistan geben. Dass noch vieles zu tun ist, vor allem für einen effektiven Polizei- und Justizaufbau und gleichzeitig für einen wirkungsvollen Menschenrechtsschutz, und wir daher unser Engagement für Afghanistan verstärken und ausbauen müssen, ist richtig. Dazu müssen wir in dem nächsten Jahr kommen. Wir wollen, dass die Bundesregierung eine Vorreiterrolle einnimmt und in der EU und der NATO darauf drängt, in dem so wichtigen Bereich des zivilen Aufbaus endlich voranzukommen.

Ich hoffe ich habe Ihre Fragen hinreichend beantwortet.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Nachtwei, MdB
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Frage zum Thema Sicherheit
21.12.2007
Von:

Sehr geehrter Herr Nachtwei,

als den GRÜNEN die Ablehnung von MEADS nicht gelang, stellten Sie irritierenderweise in Aussicht, die Herstellung von Streumunition auf deutschem Boden und ihren Export verbieten zu wollen. - Als ob bei der Kriegsführung eine Munitionsart humaner wäre als die andere!

Klären Sie mich kurz vor Weihnachten doch bitte noch eben darüber auf, ob und, wenn ja, wann Sie dieses semi-pazifistische Ziel erreichen werden, während Sie weiterhin Bundeswehr-Tornados in Afghanistan rumfliegen lassen und die natürlich kontrollieren müssen!

Mit freundlichen Grüßen
Antwort von Winfried Nachtwei
4Empfehlungen
23.08.2008
Winfried Nachtwei
Sehr geehrter Herr ,

unanständig lang ließ ich Ihre Frage unbeantwortet. Dass es keine Faulheit war, können Sie meinen "Persönlichen Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik" entnehmen, mit denen ich auf meiner homepage www.nachtwei.de versuche meine Aktivitäten transparent zu machen. Jetzt will ich wenigstens die Sommerpause nutzen, Ihnen zu antworten.

Ich bedauere weiterhin, dass wir in 2005 nicht das Unsinnsprojekt MEADs haben stoppen können. Allerdings halte ich mir zugute, dass ich durch eine umfassende Analyse das Aufbegehren gegen MEADS ins Rollen gebracht habe. Dass wir damit als kleiner Koalitionspartner nicht durchkamen, lag auch daran, dass wir von den vielen in der SPD-Fraktion wie Bundeswehrgeneralität, die persönlich ihre MEADS-Ablehnung bekundeten, im Konflikt mit Minister Struck hängen gelassen wurden. Insofern: Wir haben gekämpft - und verloren. Andere haben gar nicht erst gekämpft.

Selbstverständlich gibt es keine "humane Munition". Militärische Munition tötet, verletzt, zerfetzt, verbrennt, zerstört.

Allerdings ist es legitim und notwendig, nicht nur Krieg zu ächten und zu verhüten, sondern zugleich das humanitäre (Kriegs-)Völkerrecht zu stärken. Und dazu gehört die Ächtung und das Verbot von Massenvernichtungswaffen (bei Chemiewaffen voll gelungen, bei Biowaffen unvollständig, bei Atomwaffen noch nicht), dazu gehört das Verbot von unterschiedslos wirkenden Waffen. Ein historischer Abrüstungserfolg, erstmalig durch eine zivilgesellschaftliche Bewegung vorangebracht, war das Verbot von Antipersonenminen. In dieselbe Richtung zielt das Verbot von Streumunition, weil durch sie vor allem Zivilbevölkerung nach bewaffneten Konflikten gefährdet wird.

Hier haben wir Grüne seit Jahren auf Verbot gedrängt. Dass in Dublin tatsächlich ein Verbot von Streumunition zustande kam, dass sogar erstmalig zur Hilfe für Streumunitionsopfer verpflichtet wird, hätte vor Monaten noch kaum jemand für möglich gehalten. Auch hier ist in erster Linie der Bewegung gegen Streumunition für ihren beharrlichen und schließlich überzeugenden öffentlichen Druck zu danken.

Hinsichtlich der Bundeswehr-Tornados in Afghanistan zwei Klarstellungen: Ich lasse diese keineswegs dort rumfliegen; ich war und bin gegen deren Einsatz und habe das auch so meiner Fraktion empfohlen. Auftrag der Tornados ist Aufklärung, nicht Luftangriff auf Ziele am Boden.

Am 30. August bin ich in Büchel bei der Großdemonstration gegen die dort lagernden US-Atomwaffen. Vielleicht sieht man sich dort?

Nochmals Entschuldigung für meine Verspätung.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Nachtwei
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Frage zum Thema Sicherheit
02.03.2008
Von:

Sehr geehrter Herr Nachtwei,

gestern habe ich mich wieder mit jemanden unterhalten, der in Afghanistan als Offizier gedient hat. Er hat mir mitgeteilt, dass die Medien extrem "gefiltert" werden und es vor Ort mit der Sicherheitslage ziemlich anderes aussieht, wie es uns hier in Deutschland vorgegaukelt wird. Weiterhin hat mir diese Person mitgeteilt, dass es die sogenannten Warlords mit ihrer Technik mit jeder anderen Armee aufnehmen kann. Die Deutschen bilden Polizisten aus und das erste was passiert ist, dass diese "Polizisten" direkt von den Warlords angeworben werden, da diese besser bezahlen als der Staat Afghanistan. Und da wollen Sie noch mehr "Polizisten" ausbilden.

Und nun meine Frage: Woher beziehen eigentlich die Abgeordneten Ihre Informationen über die Lage in Afghanistan? Sind das "gefilterte" Informationen aus dem Verteidigungsministerium oder haben Sie auch Möglichkeiten mit Soldaten auch ohne Aufsicht zu sprechen?

Wenn Sie das können, verstehe ich die Politiker immer weniger, warum deutsche Soldaten am Hindukusch geopfert werden. Wegen unserer Freiheit und Sicherheit jedenfalls nicht.
Antwort von Winfried Nachtwei
9Empfehlungen
23.08.2008
Winfried Nachtwei
Sehr geehrter Herr ,

auch wenn Ihre Frage schon viele Monate zurückliegt und mein so langes Schweigen eigentlich nicht mehr entschuldbar ist, möchte ich wenigstens jetzt die Gelegenheit nutzen, Ihnen zu antworten.

Gerade bin ich von einer zehntägigen Reise in den afghanischen Süden, Norden und die Hauptstadt zurückgekehrt.

Als Mitglied im Verteidigungsausschuss und sicherheitspolitischer Sprecher verfüge ich über eine Fülle von Informationsquellen. Dabei sind die offiziellen Quellen wichtig, aber ganz und gar nicht ausreichend. Denn in Berichten des Ministeriums – wie von hierarchischen Organisationen überhaupt – ist so was wie ein Beschönigungsfaktor eingebaut. "Lebensnotwendig" sind deshalb Informationen, Berichte, Untersuchungen von Dritten, vor allem aber immer wieder Besuche vor Ort. Hier wiederum sind Briefings wichtig, aber nicht ausreichend. Hier sind Kontakte unter vier Augen, mit verschiedenen Dienstgraden – und vor allem auch mit Nicht-Militärs unabdingbar. Letztere, die in der Regel viel länger vor Ort sind und sich in den örtlichen Gesellschaften viel besser auskennen und bewegen können, haben oft ein unabhängigeres und nicht nur sicherheitsfixiertes Bild der Lage.

Zu vielen dieser Afghanistan-Praktiker halte ich den Draht. Sie informieren mich ungeschminkt.

Über meine Erfahrungen vor Ort verfasse ich regelmäßig Berichte, die nicht nur an die verschiedensten Fachleute gehen, sondern auch an meine Fraktion und die unter www.nachtwei.de veröffentlicht und damit überprüfbar werden.

Was "gefilterte" Medienberichte angeht, so stimmt das zum Teil: Im Unterschied zu anderen ISAF-Verbündeten geht das Bundesverteidigungsministerium sehr zugeknöpft mit der Entwicklung in Afghanistan um. Journalisten haben fast keine Möglichkeit zur selbständigen Recherche vor Ort und zu unbeaufsichtigten Gesprächen mit Soldaten. Krass war die monatelange Beschönigung des Fehlstarts der EU-Polizeimission EUPOL im vorigen Jahr durch die Bundesregierung. Zugleich haben hiesige Medien und Öffentlichkeit selbst eine Filterbrille auf: Deutsche Entwicklungshelfer und Polizeiberater beklagten mir gegenüber zum wiederholten Male, dass ihre Arbeit in deutschen Medien praktisch kein Interesse fände. Die Folge sei ein Afghanistanbild in Deutschland, das nur von Sicherheitsvorfällen geprägt sei, wo aber geduldige und z.T. erfolgreiche Aufbauarbeiten ignoriert würden.

Ich selbst nehme z.B. Kabul extrem unterschiedlich war, je nachdem, ob ich mich im Rahmen einer offiziellen Delegation nur unter massivem Schutz – und damit sehr eingeschränkt - bewege, oder "low profile" das normale Stadtleben mitbekomme.

Zum Schluss: Am Hindukusch wird keineswegs Deutschland verteidigt, wie Peter Struck als Minister mal behauptete. Es geht dort nicht um die staatliche Existenz der Bundesrepublik Deutschland. Nachdem Afghanistan jahrelang d a s Ausbildungs- und Rückzugsgebiet für internationale Kämpfer und Terroristen war, geht es dort allerdings um erhebliche internationale und auch deutsche Sicherheitsinteressen. Das hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seit 2001 immer wieder festgestellt. Darüber braucht ein Volk, das unter mehr als 20 Jahren Krieg und Gewalt hat leiden müssen, internationale Unterstützung. Die Internationale Gemeinschaft darf nicht den Fehler von 1989/1990 machen, als sie Afghanistan nach dem Abzug der Sowjettruppen hängen ließ – und das Land danach in den Bürgerkrieg abrutschte.

Diese internationale Unterstützung wirksam – und nicht kontraproduktiv – hinzubekommen, ist das große Problem. Hier ist eine (selbst-)kritische Bilanzierung und Revision er bisherigen Afghanistan-Politiken überfällig.


Mit besten Grüßen

Ihr

Winfried Nachtwei
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