Sehr geehrter Herr

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vielen Dank für ihre Frage. Ich gebe zu, dass die Mehrwertsteuer auf den ersten Blick einfach und gerecht erscheinen mag. Jedoch ist und bleibt sie die ungerechteste Steuer. Bei der Mehrwertsteuer findet absolut kein sozialer Ausgleich statt. Für jeden Bürger ist die Mehrwertsteuer gleich hoch und das nicht relativ, sondern absolut. Dies bedeutet, dass sie für Geringverdiener relativ zu ihrem Einkommen eine stärkere Belastung ist als für Besserverdiener.
Die Einkommenssteuern für Geringverdiener zu senken um die Belastung durch Erhöhung der Mehrwertsteuer zu kompensieren, würde nicht funktionieren. Ein Großteil der Bevölkerung, auch der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, zahlt heute schon keine Steuern, wie möchten sie diese entlasten? Allein die Einkommenssteuer mit ihren unterschiedlichen Steuersätzen oder z. B. eine Vermögenssteuer garantieren, dass starke Schultern mehr tragen als schwache Schultern. Steuergerechtigkeit besagt, dass sich die Steuer an der Leistungsfähigkeit des Steuerzahlers und an der Höhe seines Einkommens orientiert (Leistungsfähigkeitsprinzip) und dass sie in sich schlüssig ausgestaltet ist (Folgerichtigkeitsprinzip). Theoretisch ermöglicht die Mehrwertsteuer dem effektiv steuerbelasteten Endverbraucher eine Steuerung der Eigenbelastung, die bei direkten Steuern nicht möglich ist. Praktisch sind aber vor allem die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen gezwungen, den größten Teil ihres Einkommmens oder sogar alles in den Konsum zum Lebensunterhalt zu stecken, während die Besserverdienenden eher eine Wahl zwischen konsumieren oder sparen haben.
In der jetzigen Krise hat vor allem die Binnenwirtschaft, das Konsumverhalten der Verbraucher, eine größere Auswirkung bei uns erspart. Ich glaube grundsätzlich, dass wir unser Wirtschaftswachstum zu stark in den Export und zuwenig in die Binnennachfrage lenken. Mehrwertsteuer fällt aber nur im Inland an, der Export ist davon nicht betroffen. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer würde also den Import- und den Binnenmarkt schwächen, den Export aber noch weiter fördern - aus meiner Sicht der falsche Weg.
Übrigens ist das System der Mehrwertsteuer nur für den Bürger einfach, da er diese automatisch beim Einkauf mitzahlt und sonst weiter nichts mit ihr zu tun hat. Hinter den Kulissen aber sind die Verrechnungen und Erstattungen zwischen den Firmen und dem Finanzamt äußert kompliziert. So kompliziert, dass die Umsatzsteuer, wie die Mehrwertsteuer korrekterweise heisst, extrem beliebt ist für den Steuerbetrug, z. B. durch Karusselgeschäfte.Nach Angaben des ifo-Instituts sind dem Fiskus dadurch allein 2007 rund 14 Milliarden Euro entgangen.
Gegen eine Vereinfachung unseres Steuersystems, gegen eine Reform, bei der der einzelne Bürger tatsächlich versteht, was er gegenüber dem Finanzamt erklärt, hätte ich nichts einzuwenden - im Gegenteil. Aber diese Reform darf nicht - wie zum Beispiel bei den Vorschlägen der FDP - dazu führen, dass Besserverdienende überproportional um ein Mehrfaches in Summe entlastet werden als Normalverdiener. Damit würden wir die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergrößern, statt sie zu schließen. Mir geht es um wirksame u n d gerechte Lösungen, daher lehne ich eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ab.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Roland Fischer