Sehr geehrter Herr

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Ihre Beobachtung teile ich.
Im ARD-Presse-Club wurde vorgestern diskutiert, ob das "Lohn-Abstands-Gebot" nicht unterlaufen wird, wenn nichtarbeitende "Hartz IV"-Empfänger genau so viel Bezüge summieren können, wie arbeitende Bürgerinnen und Bürger. In der ARD-Talkshow bei "Anne Will" durfte neidvoll darüber disputiert werden, warum Beamte angeblich wie Könige entlohnt werden.
Zeitgleich wurde "Deutschlands frechster Arbeitsloser", nunmehr ein Arno D., ins "BILD" gesetzt. So wie 2004 "Florida-Rolf", ein Sozialhilfeempfänger, der damals als nationaler Skandal inszeniert wurde. Er habe Steuer-Euro unter kalifonischer Sonne verjubelt, hieß es. Die "Florida-Rolf"-Story war das Propaganda-Vorspiel für "Hartz IV".
"Hartz IV" ist ein abgelaufener Begriff, erklärte nun punktgenau Arbeitsministerin von der Leyen (CDU). Denn die damalige Arbeitsmarkt-"Reform" war Bestandteil der "Agenda 2010" und das Jahr 2010 sei nun mal keine Zukunft mehr. Befragt, wie der Ersatz-Name heißen könnte, sagte sie: Der müsse sinnvoll von Unten wachsen.
Keine öffentlich-rechtliche Talk-Show der letzten Wochen fragte noch nach den Ursachen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Und keine öffentlich-rechtliche Premium-Sendung stellte die (politischen) Verursacher der weltweiten Systemkrise an den Pranger. Die Arnos und Rolfs sind Schuld und die Ackermänner frohlocken.
Das alles nährt den Verdacht, dass massive Sozial-Kürzungen medial vorbereitet werden sollen. Wozu es übrigens keiner "zentralen Planungseinheit" für "Meinungsmache" bedarf. Auch "Hartz IV" und der Wegfall der Vermögenssteuer, beides übrigens Gemeinschaftswerke der SPD und der Grünen, wurden seinerzeit vom Gros der Medien eifrig unterstützt. Die Talkshow von Sabine Christiansen war dafür ein Parade-Beispiel.
Gleichwohl muss ich Sie doppelt enttäuschen.
Mein Einfluss reicht natürlich nicht, um "diese untragbaren Zustände", wie Sie schreiben, zu beenden. Außerdem fällt das von Ihnen Beklagte unter Meinungs- und Medienfreiheit. Sie können dagegen also nicht (erfolgreich) klagen. Medien reagieren ohnehin nur auf zwei Regungen: auf massive Kritik ihrer Leser oder Zuschauer und auf sinkende Einschaltquoten bzw. Verkaufszahlen.
Mit freundlichen Grüßen
Petra Pau
02. 02. 2010