Sehr geehrte Frau Scholz,
gern beantworte ich Ihnen Ihre Frage.
Bereits seit März 2012 steigen die saisonbereinigten Arbeitslosenzahlen in Deutschland wieder an. Doch auch bei einer längerfristigen Betrachtung sieht es nicht so gut aus, wie die Bundesregierung uns weißmachen will. Seit 2000 sind rund 2,3 Millionen Vollzeitarbeitsplätze vernichtet worden.
Gleichzeitig sind 4,1 Millionen "bad jobs" entstanden: Die massive Ausweitung von Teilzeitarbeit, geringfügiger Beschäftigung in Gestalt von Mini-Jobs und von Leiharbeit. Viel zu viele Menschen müssen in diesen Jobs dann auch noch befristet arbeiten. Unter dem Strich bleibt ein Plus von 1,8 Millionen zusätzlichen Jobs. Zum größten Teil sind es prekäre Jobs mit unsicherer Lebenslage, schlechter Bezahlung und einer viel zu kurzen bezahlten Arbeitszeit. Zudem teilen sich immer mehr Erwerbstätige das gleiche Arbeitszeitvolumen. Mehr bezahlte Arbeit gibt es nicht. Eine um 3,5 Prozent gewachsene Anzahl von Beschäftigen teilt sich die seit 2000 gleich gebliebene Gesamtstundenzahl.
Angesichts dieser Zahlen sind die "Erfolgsmeldungen" der Bundesregierung für mich absolut nicht nachvollziehbar. Diese Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist auch die Folge eines falsch verstandenen Globalisierungsdrucks. Statt auf grenzüberschreitenden Sicherung von Arbeitnehmerrechten, sozialen Standards, Steuergerechtigkeit und eine einheitliche Lohnentwicklung zu setzen, wurde nicht zuletzt seitens der bundesdeutschen Regierung, besonders seit der SPD-Grünen-Regierung unter Schröder und Fischer, auf den ungehemmten globalen Wettbewerb gesetzt. In Deutschland wurde zur "Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit" Steuern gesenkt mit der Agenda 2010 Arbeitnehmerrechte geschliffen, der Niedriglohnsektor ausgebaut und mit Hartz IV Armut per Gesetz eingeführt. Mit dieser Politik wurde letztlich die enormen Exportüberschüsse Deutschlands geschaffen, die letztlich eine der wichtigsten Ursachen für die jetzigen Finanz- und Wirtschaftskrise in der Euro-Zone ist. Ein anderes Entwicklungsmodell, welches auf die Binnennachfrage statt zuerst auf dem Export setzt, ist möglich und mehr als überfällig. Dazu sind ein Zukunftsinvestitionsprogramm von jährlich 125 Milliarden Euro, der flächendeckende, gesetzlich Mindestlohn von zunächst 10 Euro sowie die Abschaffung des Zwangssystem Hartz IV wichtige Schritte.
Für eine tiefergehende Erläuterung der Zusammenhänge möchte ich auf mein neues wirtschaftspolitisches Papier verweisen:
s144731316.online.de
hndumping-Nov-12.pdf
Beste Grüße
Michael Schlecht