Marieluise Beck (GRÜNE)
Abgeordnete Bundestag 2005-2009
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Grunddaten
Marieluise Beck
Jahrgang
1952
Berufliche Qualifikation
Lehrerin, Parlamentarische Staatssekretärin a.D.
Ausgeübte Tätigkeit
Mitglied des Deutschen Bundestages
Wahlkreis
Bremen I
Landeslistenplatz
1, Bremen
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(...) Wir Grüne stehen für eine politische Unterstützung guter Lebensmittelkontrollen und Hygienemaßnahmen und für eine Unterstützung regionaler und handwerklicher Erzeugung von Qualitätslebensmitteln. (...)
Parlamentarische Arbeit / Nebentätigkeiten
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Frage zum Thema Internationales
13.05.2008
Von:

Sehr geehrte Frau Beck

Ich beziehe mich auf Ihre Aussage vom 28.04.2008.
Zitat Absatz 1:
"Sie sprechen vom Bruch des Völkerrechts. Natürlich ist die Abtrennung eines Teils eines Staatsgebiets problematisch. Aber im Fall Kosovo hat uns das Völkerrecht keine eindeutige Antwort gegeben. Denn aus der UN-Charta geht nicht nur die Pflicht zur Beachtung der territorialen Integrität hervor, sondern auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen, sondern nur im Einzelfall entscheiden."

Mir ist nicht ganz klar was Sie genau meinen. Sofern ich mich informiert habe besteht im Fall Kosovo kein Zweifel ob dies ein Völkerrechtsbruch ist oder nicht. Hier habe ich eine Frage: Regelt nicht das Völkerrecht die Selbstverwaltungsrechtsmässigkeit? Im Völkerrecht heisst es ja, dass man nur eine Autonomie innerhalb des Staates gewähren darf.

Zusätzlich möchte ich eine frage zu Ihrer Aussage im gleichen Beitrag, jedoch unter Absatz 4, stellen.
Zitat:
"Man darf aber nicht vergessen, dass der Ursprung des Konflikts in der jahrelangen Unterdrückung der Kosovo-Albaner liegt"

Soweit mein Erinnerungsvermögen reicht, wurden die Albaner während der Milosevic Ära unterdrückt, wenn auch nicht so wie es wir im Westen zu hören bekamen. Nach meiner Ansicht begann der Konflikt entscheidend aber schon viel früher. Schon während Tito-Jugoslawien wurden Serben von eingewanderten Albanern bei Übergriffen unterdrückt.

Meine Frage lautet: Ist der Konflikt nicht durch die Einwanderung der Albanern aus Albanien, welche sich nicht integrieren wollten, entstanden?

Link bezüglich der Einwanderung: alldeutschezeitung.com

Ich persönlich studiere die politischen, geschichtlichen, als auch wirtschaftlichen Ereignisse auf dem Balkan seit nun mehr als 2 Jahren intensiv und haben grauenhaftes festgestellt. Ausserdem stammte ein Teil meiner Familie aus dem Kosovo.
Heute leben sie in Zentralserbien.

Für Ihre Antworten und Mühe danke ich im Voraus.

Freundliche Grüsse

Antwort von Marieluise Beck
5Empfehlungen
09.07.2008
Marieluise Beck
Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihre Frage.

Gegner der Unabhängigkeit des Kosovo sprechen immer wieder vom Bruch des Völkerrechts. Tatsächlich stehen sich in dieser Frage die zwei gegensätzlichen Prinzipien der territorialen Integrität einerseits und des Selbstbestimmungsrechts der Völker andererseits gegenüber. Es gibt im Völkerrecht jenseits der Regelung von Autonomie ein Recht auf Sezession. Dies gilt natürlich nicht uneingeschränkt für alle Völker, sondern nur unter der Voraussetzung, dass eine effektive Autonomie innerhalb des Staatengebildes nicht möglich ist. Für diese Interpretation spricht die lange Vorgeschichte des Kosovo - Konflikts. Die für eine effektive Autonomie notwendige Vertrauensgrundlage wurde aus albanischer Sicht von serbischer Seite zerstört. Schon seit Anfang der 90er Jahre, nachdem Milosevic dem Kosovo die Autonomierechte entzogen hatte, gab es dort die eindeutige und konsensuale Forderung nach staatlicher Unabhängigkeit.

Ihre Vermutung, der Ursprung des Konflikts liege in einer Unterdrückung der Serben durch eingewanderte Albaner, ist historisch nicht berechtigt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass mit dem Neuentstehen Serbiens als Staat zwischen 1878 und 1915 das ganze Kosovo nach und nach unter serbische Herrschaft kam. Entscheidend waren dabei die Balkan-Kriege 1912/13, als Serbien unter anderem das bereits mehrheitlich von Albanern bewohnte Kosovo und das von slawischen Muslimen geprägte Gebiet des Sandschak eroberte. Damit wurde Serbien zu einem Vielvölkerstaat, war aber nicht bereit, die anderen Ethnien zu integrieren. Im Gegenteil: 1938 wollte Belgrad 40,000 albanische Familien in die Türkei zwangsumsiedeln. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte die Umsetzung dieses Plans. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten praktizierte der serbische Staat im Kosovo Ausgrenzung und Verfolgung der Bevölkerungsmehrheit. Das gipfelte tragischerweise in den Massenvertreibungen unter Milosevic.

Noch eine letzte Anmerkung: Die von Ihnen als Quelle angegebene Internet-Seite ist nicht seriös. Sie ist extrem fremdenfeindlich und bedarf daher keiner weiteren Kommentierung.

Mit freundlichen Grüßen,

Marieluise Beck
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Frage zum Thema Schulen
20.05.2008
Von:

Sehr geehrte Frau Beck,

als politikinteressierter Schüler einer 12. KLasse interessiere ich mich sehr für das Projekt "Jugend im Parlament". Sind Sie mit dem Thema vertraut? Mich interessiert, was mit "Jugend im Parlament" erreicht werden soll und in welchem Umfang die "Realpolitik" von "JiP" Kenntnis nimmt, d. h. dessen Resolutionen berücksichtigt oder sogar umsetzt. Was halten Sie persönlich von "Jugend im Parlament"?

Mit freundlichen Grüßen,
Antwort von Marieluise Beck
1Empfehlung
27.05.2008
Marieluise Beck
Lieber ,

ganz herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Ich freue mich über Ihr Interesse an dem Projekt ,Jugend im Parlament´, wie ich mich überhaupt darüber freue, wenn Jugendliche sich nicht von der Welle der zu beobachtenden Politikmüdigkeit mitreißen lassen.

Und damit nicht noch mehr junge Menschen die Lust und das Interesse an der Politik verlieren, bietet die Bremische Bürgerschaft -- auch Dank der Beharrlichkeit der grünen Bürgerschaftsfraktion -- SchülerInnen und Jugendlichen an, die Plenararbeit eines Abgeordneten ein wenig kennen zu lernen und zu erfahren, wie Politik gemacht wird. Anders als das Planspiel der UN oder des Deutschen Bundestags sollen im Bremischen Projekt Jugendliche selbst eine Stimme bekommen. So befassen sich die Teilnehmenden mit ihnen nahe stehenden Themen wie Bildung und Schule, Integration, Soziales und Kultur und überreichen dem Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber stellvertretend für die Bürgerschaftsabgeordneten ihre Resolutionen ( www.buergerschaft-bremen.de/drs_abo/DRs-17-419_607.pdf ), also ihre im Jugendparlament abgestimmten Beschlüsse.

Leider hat es in den vergangenen Jahren viele Enttäuschungen gegeben: Zwar diskutierten Jugendliche lebhaft, entwickelten Ideen, bildeten sich verantwortlich eine Meinung, landeten schließlich die Ergebnisse des Jugendparlaments sogar auf der Tagesordnung des Landtags, doch leider mussten die Jugendlichen oft feststellen, dass sich danach nicht viel änderte. Das ist die Crux.

JiP hat den Charakter einer politischen Bildungsveranstaltung und ist kein Ersatz für Jugendbeteiligung. Viel eher können Jugendliche Einfluss nehmen, wenn sie selbst die Initiative ergreifen und aktiv werden: sei es in den Jugendbeiräten einzelner Stadtteile, bei der Grünen Jugend oder in politischen Jugendorganisationen anderer demokratischer Parteien, sei es durch die Wahrnehmung ihres Wahlrechts oder auch in schulischem oder sozialem Engagement. Um unsere Gesellschaft und eine lebenswerte Umwelt gestalten zu können, brauchen wir junge, kritische und kreative Köpfe.

Bei weiterem Interesse zu JiP, klicken Sie unter: www.jugend.bremische-buergerschaft.de

Mit freundlichen Grüßen

Marieluise Beck
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Frage zum Thema Demokratie und Bürgerrechte
27.06.2008
Von:

Frau Beck

Sie kommen aus wie ich. Haben Sie eigentlich noch Zeit sich mit der Situation von Bremen zu beschäftigen? Die Bundespolitik geht sicherlich bei Ihnen vor. Wenn Sie die Zeit haben, würde mich sehr interessieren welches Thema ist Ihnen besonders wichtig was Bremen angeht?

Mit freundlichem Gruß,
Antwort von Marieluise Beck
1Empfehlung
27.10.2008
Marieluise Beck
Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihr Interesse.

Seit Beginn dieser Legislaturperiode bin ich Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Seither sind Weißrussland, die Ukraine, der Westbalkan, Russland, der Kaukasus und Zentralasien mein Wirkungsfeld. Der Kontakt in diese Länder orientiert sich im Wesentlichen auf die Unterstützung all der mutigen und unbeugsamen Menschen, die in diesen zumeist autoritär geführten Staaten die Keimzellen von zivilgesellschaftlichem Engagement sind.

Doch der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt nicht nur in diesen konfliktreichen Gebieten in der Frage nach Menschenrechten. Auch hier in Bremen gehen vor allem viele Migranten und Flüchtlinge einen schwierigen Weg durch die nicht immer wohlwollende deutsche Bürokratie. So begleite ich zur Zeit eine yezidisch irakische Familie, der es seit vier Jahren nicht gelingt, ihre drei Kinder aus dem Irak nach Deutschland nachzuholen; sowie eine junge Studentin, deren dreijähriger Sohn von seinem tunesischen Vater ins Ausland entführt worden ist.

Weiterhin ist es ist mir ein großes Anliegen, meine Erfahrungen mit den Bremerinnen und Bremern zu teilen. So hat es in diesem Jahr viele Runden gegeben, in denen wir schwierige Themen wie Afghanistan, die Zukunft der Nato, die mutige Arbeit der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial", die Kinderarbeit in der usbekischen Baumwollindustrie (wir Bremer handeln mit der in Usbekistan gepflanzten Baumwolle) und den Konflikt in Georgien diskutiert haben. Umgekehrt gehe ich in Bremer Einrichtungen hinein und lerne, dass in vielen Stadtteilen Bremens - so schwierig ihre Zusammensetzung auch sein mag - das Zusammenführen von Menschen unterschiedlichster Herkunft sehr gut gelingt.

Vorbildlich und effektiv zugleich ist dabei das Programm WIN - Wohnen in Nachbarschaft, das kleine Quartiersnetzwerke aufbaut, Foren für Bürgerverständigung bietet, gemeinsam über die Verwendung von Geldern entscheidet und den Zusammenhalt trotz größter Unterschiedlichkeit herstellt.In Huchting ist es der Kulturladen, der in großartiger Weise das Thema Flucht, Vertreibung und das neue Ankommen nicht nur bei Neueinwanderern sondern auch bei denen in Erinnerung zurückruft, die durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges nach Bremen gekommen sind. Und in Tenever kennen alle Barlo alias Joachim Barloschky, der wie ein Held des Quartiers dafür kämpft, dass nicht viele von vornherein chancenlos sind.

Es gibt viele Herausforderungen in diesen Quartieren zu bewältigen, die Anforderungen an die Schulen und Lehrkräfte sind riesengroß, es gibt dreiste Machocliquen und es gibt Gewalt. Aber: es gibt auch unendlich viele, die nach einer Chance suchen, in diesem Land einen Platz zu finden.
Geschäftsgrundlage ist schlicht die Fairness: wir sind fair und bieten den Gekommenen eine Chance, sie sind fair und respektieren die Regeln unseres Gemeinwesens. Das gilt auch in Bremen. Dafür stehe ich ein.

Mit freundlichen Grüßen,

Marieluise Beck
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Frage zum Thema Demokratie und Bürgerrechte
28.06.2008
Von:

1.
Warum wird nicht jede Abstimmung im Bundestag geheim durchgeführt um "Gewissenskonflikte"und den Arbeitsplatz nicht zu gefährden ?
2.
Was halten Sie von mehr Bürgerbeteiligung im Sinne von Volksabstimmungen auf Bundesebene (ähnlich Schweiz) um auch der Politikverdrossenheit entgegenzutreten.=mehr Basisdemokratie
Antwort von Marieluise Beck
3Empfehlungen
01.12.2008
Marieluise Beck
Sehr geehrter Herr ,
danke für Ihre Anfrage

1.
Es gibt gute Gründe, bei Abstimmungen verschieden zu verfahren.

Die Wählerinnen und Wähler haben ein gutes Recht zu erfahren, wie sich ihre Abgeordneten und die Parteien verhalten bzw. welche Standpunkte sie einnehmen. Daher sind die meisten Abstimmungen öffentlich. Es soll die Meinung der Abgeordneten und Fraktionen über ein gewisses Sachthema wiedergeben werden.

Es gibt aber auch solche Abstimmungen, die nicht einfach Meinungswiedergabe sind, sondern jede/n persönlich beschäftigen. Bei diesen Themen lässt sich auch oft nicht feststellen, zu welchem politischen Lager die Eine oder der Andere gehört. Gerade bei so gravierenden Entscheidungen wie z.B. zur Stammzellenforschung nimmt es auch den Druck von der einzelnen Person. Daher ist es in manchen Fällen sinnvoll, geheim abzustimmen.

2.
Demokratie lebt von der Mitwirkung und dem Engagement jedes Einzelnen.

Geringe Wahlbeteiligungen und die viel kritisierte Politikverdrossenheit zeigen, dass Politik für die Beteiligung werben muss, will sie das Interesse der Bürgerinnen und Bürger an Mitwirkung und Wahlen fördern. Desinteresse, Parteienverdrossenheit, das Gefühl, doch nichts zu bewirken, aber auch die Alternativlosigkeit lähmender großer Koalitionen führen offensichtlich zu sinkender Wahlbeteiligung.

Wir müssen daher neue Wege gehen, um das Interesse und den Spaß an politischem Engagement in breiteren Bevölkerungskreisen zu wecken. Formen direkter Demokratie und Volksentscheide sind ein solcher Weg. Ihn zu gehen, mag manchmal das Wagnis beinhalten, zu unerwünschten politischen Entscheidungen zu kommen. Als Grüne bin ich mir dieses Wagnisses durchaus bewusst. Doch welche Entscheidung als ein auf sachlicher und demokratischer Grundlage gefällter und damit breit akzeptierter und direkter Entscheid der Bürgerinnen und Bürger mag mehr Bestand haben in einer wirklichen Demokratie?

Wir Grüne treten seit unserer Gründung für Volksentscheide ein. Da aber für eine Grundgesetzänderung eine 2/3 Mehrheit im Parlament nötig ist, bedarf es eines langen Atems. Mehr Demokratie wagen ist ein Weg, der sich in Bremen schon gelohnt hat: Ab 2011 gelten erweiterte Mitbestimmungsrechte auch beim Wahlrecht zur Bremischen Bürgerschaft, der Beiräte und der Stadtverordnetenversammlung in Bremerhaven. Im rot-grünen Koalitionsvertrag sind geringere Hürden für Volksentscheide verankert: Zur Durchführung eines Volksentscheides reichen künftig Unterschriften von 5% der Wahlberechtigten, die in zwei Monaten gesammelt werden müssen.

Mit freundlichen Grüßen
Marieluise Beck
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Frage zum Thema Internationales
29.08.2008
Von:

Sehr geehrte Frau Beck!

Ich habe heute Nacht die Debatte bei Maybrit Illner über die Unabhängigkeit der Abhasen und der Osseten angeschaut. Jetzt habe ich den Wunsch einigen Gedanken zu der Debatte zum Ausdruck zu bringen und auch Fragen zu formulieren.

1 In Südossetien leben 75.000 Bürger. Ca 1.500 von ihnen wurden durch den Überfahl Georgiens getötet was insgesamt 2 % der Bevölkerung ausmacht. Reicht diese Zahl nicht um über Völkermord zu sprechen? Ich verstehe auch nicht die Kritik am vorgehen der Russischen Regierung. Musste sie erst warten bis Srebrenica 2 sich ereignet und erst dann eingreifen? Ich finde, dass die Russen viel zu spät reagiert haben, sie haben zugelassen, dass Zhinwali in Schutt und Asche gelegt wurde.

2 Der vergleich mit Tschetschenien war meiner Meinung nach unglücklich, weil der 2 Tsch. Krieg ist seit Ende 2000 zu ende gegangen. Die Unabhängigkeit Kosovos erst 2008 und genau dieses Ereignis diente als Vorbild. D.h. vor 2008 hat die Regel der territorialen Integrität den Vorrang jetzt wird es nicht mehr regellos als Vorrang akzeptiert.
Außerdem ging es in Tschetschenien nicht nur um Unabhängigkeit sonder auch um Islamismus.
"Am 7. August 1999 marschierten wahhabitische Einheiten unter Schamil Bassajew und Ibn al-Chattab in Dagestan ein, um es einem islamisch-fundamentalistischen Kalifatstaat anzuschließen, der langfristig den ganzen Nordkaukasus umfassen sollte. Es kam zu schweren Gefechten mit der russischen Armee. Bis Ende September 1999 wurden die tschetschenischen Einheiten aus Dagestan vertrieben." (Wikipedia)
Sehen sie Parallelen zw. Tschetschenien und Südossetien?
Soll wirklich ein Kallifatstaat in Tschetschenien antstehen?


Mit freundlichen Grüßen
.
Antwort von Marieluise Beck
3Empfehlungen
22.10.2008
Marieluise Beck
Sehr geehrter Herr ,

vielen Dank für Ihre Fragen. Gern möchte ich darauf eingehen:

1. Den nächtlichen Artillerieangriff Georgiens auf Zchinwali in der Nacht vom 7. auf den 8. August verurteile ich und habe dies auch in der Fernsehsendung getan, auf die Sie sich beziehen. Der Versuch Saakaschwilis, diesen Konflikt mit Waffengewalt zu lösen, hat der Region schwer geschadet. Das ist das Ergebnis einer Kurzschlusshandlung, der viele Provokationen auf beiden Seiten vorausgingen.

Der Vorwurf des Völkermords ist derart schwerwiegend, dass er begründet sein muss. Der Völkermord-Tatbestand erfordert die Absicht, ein Volk ganz oder teilweise als solches zu vernichten. Das würde ich Saakaschwili, bei aller Kritik an seinem Vorgehen, nicht unterstellen. Die zunächst angegebenen Opferzahlen (1.500) wurden von russischer Seite später auf 159 korrigiert. Verlässliche Angaben über Opferzahlen gibt es derzeit nicht. Natürlich ist jedes Opfer eine Katastrophe. Ich habe gegenüber meinen Gesprächspartnern in Moskau und Tiflis die Forderung nach einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission vorgebracht. Die Ereignisse vom August müssen genau untersucht werden ebenso wie die Vorgänge, die zum Krieg geführt haben. Diese Forderung wird auch von der Bundesregierung immer wieder aufrecht gehalten.

Die Kritik am russischen Vorgehen richtet sich nicht auf das Eingreifen per se. Dazu hatte Russland nach dem Angriff auf seine Friedenstruppen und auf Zchinwali das Recht, auch wenn eindeutig beide Seiten zu einer Eskalation der Situation beigetragen haben. Nicht akzeptabel dagegen sind:

a) das Ausmaß des Gegenangriffs, der weit über das hinausging, was zur Verteidigung Südossetiens nötig gewesen wäre

b) die Zerstörung georgischer Dörfer und Vertreibung von Georgiern aus Südossetien, die von den russischen Truppen betrieben oder zumindest zugelassen wurden

c) die Besetzung Kerngeorgiens und Zerstörung der dortigen Infrastruktur, der zunächst nicht erfolgte Abzug der Truppen trotz Sechs-Punkte-Plans

d) die Behinderung der Arbeit der OSZE-Beobachter, die sich ein Bild der Lage in Südossetien und in der sogenannten Pufferzone machen wollten

e) die einseitige Anerkennung Südossetiens und Abchasiens ohne den Versuch, vorher die Konfliktparteien zu Verhandlungen an einen Tisch zu bringen.

2. Der Vergleich mit Tschetschenien bezog sich auf die enorme Brutalität des russischen Vorgehens dort und auf die Unabhängigkeitsforderung. Sie haben Recht, dass neben Separatismus auch zunehmend terroristischer Islamismus eine Rolle spielte. Insofern ist der Vergleich begrenzt. Angebracht bleibt er dennoch, denn die tschetschenische Forderung nach Unabhängigkeit wurde von Russland zu keinem Zeitpunkt akzeptiert. Es gab trotz mehrfacher Angebote keinerlei Bereitschaft zu Verhandlungen mit den Separatisten. Eine politische Lösung wurde generell abgelehnt, im Westen, auch von uns, jedoch immer gefordert. Die vollständige Zerstörung großer Teile des Landes und der Tod hunderttausender tschetschenischer Zivilisten schwächten zwar die Unabhängigkeitsbewegung, mündeten jedoch nicht in eine Zerschlagung der Islamisten, die bis heute im ganzen Nordkaukasus Anschläge verüben. Der von Ihnen erwähnte islamistische Angriff in Dagestan sollte nicht der Unabhängigkeit Tschetscheniens dienen, sondern einem Kalifatsstaat im Nordkaukasus. Die notwendige Unterscheidung zwischen Separatisten und Islamisten lehnte Russland jedoch immer ab.

Die Forderung nach einer politischen Lösung auf dem Verhandlungswege richtet sich auch seit Jahren schon auf die Konflikte um Abchasien und Süd-Ossetien. Auch hier ist Russland, nicht nur Saakaschwili, nicht darauf eingegangen. Im Fall des Kosovo wurde acht Jahre unter UN-Vermittlung versucht, eine einvernehmliche Lösung zu erzielen, bevor die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt wurde. Über Abchasien und Süd-Ossetien hat Russland nicht verhandelt, sondern die lange vorbereitete Annektion vollzogen. Es ist daran zu erinnern, dass nahezu alle Bürger beider Gebiete schon vor dem jüngsten Gewaltausbruch zu russischen Staatsbürgern gemacht worden waren. Mit deren Schutz, nicht mit der Einhaltung des Waffenstillstands, hatte Russland seinen Einmarsch begründet.

Der Vorrang der territorialen Integrität steht im Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker. Beides ist in der Charta der UN verankert. Es sind jedoch Staaten, nicht Völker, die die Beachtung dieser Charta überwachen. Deshalb hat das Selbstbestimmungsrecht immer zurückgestanden, wenn Staaten und Völker nicht identisch waren. Die jahrelange massive Unterdrückung der Albaner im Kosovo durch den serbischen Staat hat erstmals die Gleichberechtigung beider Regeln ins Bewusstsein gerückt. Nur so ist der lange und komplizierte Weg zur Unabhängigkeit des Kosovo möglich geworden. Die Geschichte dieses Konflikts ist jedoch eine andere als die Abchasiens und Süd-Ossetiens. Es ist offensichtlich, dass die Gleichsetzung durch Russland unangemessen ist. Zugleich setzt sich Russland mit der gewaltsamen Missachtung der territorialen Integrität Georgiens dem Verdacht aus, mit zweierlei Maß zu messen. Denn in Tschetschenien war die russische Position die umgekehrte. Die russische Gemeinsamkeit in beiden Fällen ist nicht die Beachtung von Rechten und die Suche nach Verhandlungslösungen, sondern die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen.

Mit freundlichen Grüßen,

Marieluise Beck
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