Stefan Christoph (DIE GRÜNEN)
Kandidat Bundestagswahl 2009
Dieses Profil dient zu Archivzwecken, eine Befragung ist nicht mehr möglich.

Angaben zur Person
Stefan Christoph
Jahrgang
1988
Berufliche Qualifikation
-
Ausgeübte Tätigkeit
Student der Politikwissenschaft (Uni Regensburg)
Wohnort
Furth im Wald
Wahlkreis
Schwandorf
Ergebnis
4,5%
Landeslistenplatz
22, Bayern
(...) Natürlich werde ich Ihnen nicht beantworten könnnen, wann ein bundeseinheitliches Rettungsdienstegesetz verabschiedet wird. (...)
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Frage zum Thema Innere Sicherheit und Justiz
06.08.2009
Von:

Guten Tag,

ich möchte Sie fragen, welche Position bzgl. der Wehrpflicht Sie vertreten?

Vielen Dank für Ihre Antwort,
Antwort von Stefan Christoph
7Empfehlungen
07.08.2009
Stefan Christoph
Sehr geehrter Herr ,

Viele Dank für Ihre Frage; ich finde es auf jeden Fall gut, dass Sie anscheinend dem Aufruf der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerung gefolgt sind und ihre DirektkandidatInnen nach ihrer Meinung dazu befragen.

Ich werde mich im 17. Deutschen Bundestag auf jeden Fall für eine Abschaffung der Wehrpflicht einsetzen. Die Wehrpflicht ist ein Auslaufmodell der heutigen Verteidigungspolitik und in keinster Weise mehr zeitgemäß.
Der Kalte Krieg ist vorbei, und die geopolitische Lage ist eine völlig andere wie noch vor einigen Jahrzehnten. Im heutigen Europa sind wir nur von Freunden umgeben und haben mit keiner äußeren Bedrohung für unsere Sicherheitslage zu rechnen.

Der allgemeine Gleichheitsgrundsatz des Artikel 3 Grundgesetz begründet auch den Grundsatz der Wehrgerechtigkeit. Aufgrund der umgestellten Bedürfnisse und Aufgaben der Bundeswehr nach dem Kalten Krieg werden heute nicht mehr alle Rekruten eines Jahrganges eingezogen. Eine Wehrgerechtigkeit ist also nicht mehr gegeben. Außerdem ist die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern beim Wehrdienst ein Thema für mich und für uns Grüne. Zwar haben wir durch die allgemeine freiwillige Zulassung von Frauen zum Wehrdienst hier schon einen deutlichen Fortschritt gemacht. Eine Gleichbehandlung ist jedoch noch immer nicht gegeben.
Nicht zuletzt ist der Verteidigungsetat einer der größten Ausgabenpunkte im Bundeshaushalt. Es ist fraglich, warum FinanzpolitikerInnen nicht schon längst den Schritt von einer teuren Zwangsarmee zu einer kostengünstigeren und effektiven Berufsarmee gegangen sind.

Zuletzt sind auch die neuen Aufgaben der Bundeswehr fraglich. Ich halte die Bundesrepublik nicht für einen willfährigen Erfüllungsgehilfen ihrer Bündnisaufgaben. Ich denke, wir müssen die Sicherheit Deutschlands nicht am Hindukusch verteidigen.

Mit grünen Grüßen,
Stefan Christoph
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Frage zum Thema Gesundheit
16.08.2009
Von:

Grüß Gott Herr Christoph,

wie stehen Sie zur fehlenden Notarztversorgung in Neunburg vorm Wald und der Krankenhausproblematik im Landkreis Schwandorf?

Es grüßt Sie
Antwort von Stefan Christoph
3Empfehlungen
26.08.2009
Stefan Christoph
Sehr geehrter Herr ,

Danke erstmal für Ihre Anfrage und Ihr Interesse an meiner Politik. Ich muss mich für die späte Beantwortung der Frage entschuldigen, jedoch wollte ich mich auch erst noch mit unseren Leuten ´vor Ort´ unterhalten.

Wir Grüne beobachten die Notarztversorgung in Neunburg kritisch. Unser Grüner Kreisverband in Schwandorf hat zum damaligen Zeitpunkt der Vorlage zum Neunburger Krankenhaus nur unter dem Vorbehalt zugestimmt, dass in Neunburg eine notärztliche Versorgung eingerichtet wird. Dass dies bis dato nicht geschehen ist ist schlicht inakzeptabel, hat aber auch System: Natürlich darf die Krankenversorgung nicht zum untragbaren Kostenfaktor werden, alleine schon der nachfolgenden Generationen wegen. Andererseits ist eine rein betriebswirtschaftliche Kalkulation im Gesundheitswesen nicht angebracht, da so berechtige Interessen der Gesundheitsversorgung zwangsläufig sich dem Gewinn unterordnen müssen. Genau das ist auch in Neunburg hier offensichtlich der Fall.

Das führt mich auch zum zweiten Teil Ihrer Frage: Ich persönlich stehe auch der Privatisierung kommunaler Krankenhäuser äußerst kritisch gegenüber. Unser Kreistagsfraktion im Landkreis Cham hat sich gegen die Privatisierung der dortigen Kreiskrankenhäuser vehement gewehrt. Wenn wie oben erläutert die Krankenversorgung und Pflege nämlich nur mehr der Gewinnmaximierung dient und nicht mehr der bestmöglichen Versorgung von Patientinnen und Patienten ist das nicht hinnehmbar. Wenn Patientinnen und Patienten nur mehr "Goldesel" sind statt was sie wirklich sind - nämlich Menschen - dann ist das System krank. Ich stehe dafür ein, zentrale Einrichtungen der Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand zu halten. Denn auch eine öffentliche Verwaltung kann, den Willen dazu vorausgesetzt, effizient im betriebswirtschaftlichen Sinne handeln, jedoch ohne dass dabei das öffentliche Wohl zu kurz kommen muss.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Stefan Christoph
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Frage zum Thema Gesundheit
27.08.2009
Von:

ich bin im rettungsdienst bei der berliner feuerwehr tätig -wann wird in deutschland endlich ein einheitliches rettungsdienst -gesetzt verabschiedet-und umgesetzt ?
Antwort von Stefan Christoph
1Empfehlung
27.08.2009
Stefan Christoph
Sehr geehrter Herr ,

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Frage.
Natürlich werde ich Ihnen nicht beantworten könnnen, wann ein bundeseinheitliches Rettungsdienstegesetz verabschiedet wird. Ich kann Ihnen aber einen Ausblick geben und meine Meinung darstellen.

Die Kompetenzen für die Rettungsdienstegesetze wurde bei der Föderalismusreform 2006 bei den Ländern belassen. Im Bereich der Rettungsdienste stellt sich jedoch durchaus ein Kompetenzwirrwarr, da zum Beispiel das Rettungsassistentengesetz ein Bundesgesetz ist. Ich persönlich halte eine bundeseinheitliche Regelung auch für sinnvoll; jedoch sollte man den Entscheidungsträgern vor Ort (den staatlichen Mittelbehörden) einen gewissen Spielraum lassen. Denn es kann nicht sein, dass in einem Land eine gute Rettungsversorgung herrscht, während in eventuell wenige Kilometer weiter ganz andere Zustände herrschen.
Jedoch muss man auch beachten, dass die Infrastruktur in einem Gebiet wie etwa dem Bayerischen Wald völlig anders aufgebaut werden muss als etwa in einem Ballungszentrum wie Berlin. Daher sollte man den lokalen Behörden die Ausführungsbestimmungen überlassen.

Insgesamt befürworte ich also hier eine bundeseinheitliche Regelung und eine Auflösung des Kompetenzwirrwarrs, wobei dan den Leuten vor Ort Entscheidungen überlassen muss.
Wann das Ganze passiert steht auf einem anderen Blatt. Neben den Politikerinnen und Politikern im Bundestag müssen hier nämlich auch die Vertreterinnen und Vertreter der Länder mitspielen.

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Christoph
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Frage zum Thema Bildung und Kultur
08.09.2009
Von:

Hallo,

als Grüner ist Ihnen sicherlich Gleichberechtigung der Geschlechter wichtig.
Gender-Mainstreaming wird ja bereits seit ein paar Jahren umgesetzt. Dass es dabei in Einzelfällen zu Auswüchsen kam wird Ihnen sicherlich auch nicht verborgen geblieben sein.
Anstatt Kinder und Jugendliche individuell zu fördern sind mir Fälle aus einem Jugendcamp bekannt in dem ein Naturfilm nicht gezeigt wurde, weil dort das Brunfverhalten eines Hirsches als typisch männliches Verhalten vorkam. In Berlin wurde ein Junge für ein Rollenspiel dazu gedränt sein eigenes Geschlecht zu leugnen und es wurde ihm in etwa gesagt "Du hast doch gar keinen Penis!"
Es fällt mir auf, dass Gender-Mainstreaming oft falsch verstanden mit Geschlechtsleugnung und damit Identitätsverlust gleichgesetzt wird und auch so umgesetzt staatlich gefördert wird.
Dabei bleiben die alten Missstände weiter bestehen. Das deutsche Schulsystem geht auf die Bedürfnisse von Jungen weniger ein als auf die von Mädchen, was sich auch in den Abschlüssen abzeichnet, in denen Mädchen oft besser abschließen als Jungen. Nach der Schule wiederum dreht sich das ganze wieder und junge Männer werden oft trotz schlechteren Schulabschlusses bevorzugt.

Wie sieht Ihr Konzept aus um jungen Menschen zu ermöglichen ohne ihr Geschlecht zu verleugnen, ihre individuellen Stärken zu entwickeln und wie gehen Sie an die geschilderten Probleme in der Schule und im Berufsleben ran?

MfG,
Antwort von Stefan Christoph
2Empfehlungen
10.09.2009
Stefan Christoph
Sehr geehrter Herr ,

Es freut mich, dass Sie sich für meine Politik, und insbesondere für Genderthemen interessieren. Ich möchte auf Ihre Anfrage jetzt in drei Teilen eingehen. Im ersten werde ich das kommentieren, was Sie als Auswüchse des Gender Mainstreaming bezeichnen, im zweiten Teil auf die unterschiedlichen Chancen von Frauen und Männern in Bildung und im dritten Teil auf eben diese in der Berufswelt.

1): Die Beispiele, die Sie mir hier nennen sind mir jetzt nicht bekannt; jedoch sehe ich sie genau wie Sie als falschen Weg an. Diese Beispiele haben mit Gender Mainstreaming ja nicht mehr viel am Hut, nachdem sie - ganz im Gegensatz zum Konzept des Gender Mainstreaming - versuchen, Kinder eben wieder in Rollen zu drängen. War dies anno dazumal die Rolle der Frau als Hausfrau und Gebärmaschine und des Mannes als Brötchenverdiener, so ist das in Ihren genannten Beispielen eine Rolle der Verleugnung des eigenen biologischen Geschlechtes. Ziel des Gender Mainstreaming ist es ja aber jedoch vielmehr, das biologische Geschlecht von der Rolle des sozialen Geschlechtes zu trennen. Wer jedoch verlangt, das eigene biologische Geschlecht zwingen in ein gegensätzliches Gender zu projezieren, tut genau dem aber nicht genüge. Das von Ihnen genannte sind also Negativbeispiele, die meiner Meinung nach schon den Rahmen des Gender Mainstreaming sprengen, und stattdessen in einer Form des Sexismus ausarten.

2) Führen Sie sehr richtig an, dass Jungen in unserem Bildungssystem benachteiligt, im späteren Berufsleben dann jedoch bevorteilt werden. Das Thema ist nicht erst seit heute aktuell, und schon vor Jahren titelte die Business-Week von der "neuen Gender-Gap" und fragte: "Warum Jungen hinter Mädchen im Bildungssektor zurückfallen und was das für Wirtschaft, die Geschäftswelt und die Gesellschaft bedeutet". Man kann jetzt hier nach Ursachen forschen, die wohl zum großen Teil wieder durch Rollenbilder erklärt werden können. "Mädchen sind" ruhig und kooperativ; ordnen sich unter - genau das, war unser Schulsystem verlangt. "Jungs hingegen sind" aufmüpfig und hören nicht auf das was der/die LehrerIn sagt. In diese Rollenbilder werden sie hineinerzogen. An dieser Stelle muss ein Umdenken stattfinden. Dies ist natürlich staatlich nicht lenkbar. Der Staat jedoch kann an einer anderen Stelle etwas bewirken: Nämlich, wie Sie auch erwähnen, in der individuellen Förderung. Noch immer haben wir die vormoderne Situation, dass wir Kinder in Schubladen oder Rollen stecken. Das sind nicht nur "Junge" oder "Mädchen", sondern sind auf der anderen Seite auch "HauptschülerIn", "RealschülerIn" und "GymnasiastIn". Von Befürworten dieses Schulsystems wird oft behauptet, genau dadurch würde eben die individuelle Förderung stattfinden; eben dadurch, dass man die Kinder nach ihren Leistungen einteile. Das ist jedoch Schwindelei und nur oberflächlich argumentiert. Es wird lamentiert, Kinder seien ja bereits nach Stärken und Schwächen aufgetrennt, eine weitergehende individuelle Förderung sei nicht mehr notwendig. Hier liegt jedoch der Knackpunkt: Auf die individuellen Stärken und Schwächen und damit auch auf die individuelle Geschlechterrollenbildung Jugendlicher könnte man nur in einem solchen Schulsystem eingehen, indem auf individuelle Förderung (im Sinne der Förderung eines Jeden) und nicht auf Schubladendenken aufgebaut wird.

3) In der Berufswelt verhält es sich anders herum. Hier ist nicht mehr die Kooperativität gefragt, sondern der Ellenbogenkampf; und diesen gewinnt nach Rollenbild natürlich derjenige (und es ist fast immer DERjenige), der die meisten wortwörtlichen "Cojones" hat. Vor allem hier im Wahlkreis ist das Thema evident: Laut Gender Index ( www.genderindex.de ) ist unser Ostteil, der Landkreis Cham, eine der dunkelrotesten Stellen ihrer Deutschlandkarte; das heißt einer der vier Kreise in ganz Deutschland, in denen die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern am größten ist. Ich denke hier würde eine gesetzliche Regelung zur Angleichung der Löhne von Männern und Frauen zumindest einen Fortschritt bringen. Der Grundstock zur Gleichberechtigung muss jedoch immer noch in der Erziehung liegen. Zudem befürworte ich eine Frauenquote in Aufsichtsräten. Wir Grünen Arbeiten bereits seit unserer Gründung mit dem Instrument der Frauenquote; und das wie sich gezeigt hat erfolgreich. Keine andere Partei hat einen so hohen Anteil an weiblichen Mitgliedern und auch an engagierten und hoch motivierten Frauen. Auch die Norweger, wo sich die Unternehmen erst mit Händen und Füßen gewehrt haben, haben inzwischen durchweg positive Erfahrung mit der Einführung einer Frauenquote für Aufsichtsräte gemacht. Warum soll das also nicht auch in Deutschland funktionieren?

Ich hoffe ich konnte Ihre Fragen damit beantworten.

Mit freundlichen Grüßen,

Stefan Christoph
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Frage zum Thema Bürgerrechte, Daten und Verbraucherschutz
10.09.2009
Von:

Hallo,

ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre Antwort auf die Genderfrage. Ihre Antwort zeigt mir, dass Sie einer der Wenigen sind, die auf das antworten was gefragt wurde und das bringt Ihnen meinen Respekt ein. Trotz oder vielleicht gerade wegen Ihres jungen Alters zeugt das von Respekt gegenüber den Wählern und dem Volk.
Das bringt mich zur nächsten Frage:
Viele Parteien schreiben sich jetzt auf einmal auf die Fahne für Volksentscheide und mehr Mitbestimmung der Bevölkerung einzutreten. Nur glauben schenken möchte ich diesen Versprechen nicht.
Wie ist das Konzept der Grünen zu diesem Thema und wie möchten die Grünen sicher stellen, dass für den Fall eines bundesweiten Volksentscheids die Bevölkerung auch über die Sachverhalte richtig aufgeklärt wird und nicht auf Populismus und andere Trickereinen hereinfallen und so sozusagen manch eine "Mächtiger" die Verantwortung für manch unangenehme Entscheidung einfach aufs Volk weiter schiebt.
Kurz zusammengefasst: Um gewissen Entscheidungen treffen zu können benötigt es oft Sachkompetenz, wie möchten Sie diese dem Volk vermitteln.

MfG,
Antwort von Stefan Christoph
2Empfehlungen
10.09.2009
Stefan Christoph
Sehr geehrter Herr ,

Danke natürlich für Ihr Lob. Ich werde mich auch weiterhin bemühen, die Anfragen, die ich von Bürgerinnen und Bürgern hier und natürlich auch anderswo bekomme zufriedenstellend zu beantworten. Schließlich ist Politik nicht ein Selbstzweck, sondern sollte dem Wohle der Bevölkerung dienen; und nicht zuletzt sind es ja auch Sie als Wählerinnen und Wähler, von denen ich das Vertrauen geschenkt bekommen möchte. Und Vertrauen - so habe ich das zumindest gelernt - beruht ja immer auf Gegenseitigkeit.

Zu Ihrer Frage zum Thema Volksentscheide auf Bundesebene: Ich setze mich sehr stark für solche direktdemokratischen Elemente auch auf Bundesebene ein; auch meine Partei tut dies schon von Anfang an. Ich denke eine Demokratie kann nur überleben, wenn sie auch gelebt wird. Die Frage der Teilhabe ist also eine Frage gelebter und lebendiger Demokratie. Und dazu gehört es eben meiner Meinung nach auch, Sachfragen nicht nur per Wahl alle vier Jahre auf die Abgeordneten in Berlin zu delegieren, sondern selbst die Möglichkeit zu haben auch während der Legislaturperiode etwas mitzubestimmen.
Insbesondere ist immer wieder die Rede von der Politikverdrossenheit im Lande und von dem Problem, dass immer mehr Wählerinnen und Wähler zu extremen Parteien abwandern und/oder Protestwähler werden. Hier offenbart sich der Demokratiemangel, und hier müssen wir eingreifen, um den Menschen in unserem Land zu zeigen, dass es auch innerhalb unseres Systems Alternativen gibt, und Möglichkeiten sich einzubringen. Dass man also sich nicht gegen das System wenden muss, um in unserem Land etwas verändern zu können.

Die bisherigen Petitionsmöglichkeiten sind dazu auf jeden Fall nicht ausreichend, sieht man sich die hohen Hürden und die geringen Erfolgsaussichten an. Erst einmal gilt es, die Hürde von 50.000 Petenten zu erreichen, was selbst schon schwierig genug ist. Dann muss der Petitionsausschuss darüber öffentlich beraten. Jedoch auch der Petitionsausschuss spiegelt lediglich die parlamentarischen Mehrheiten wieder. Ein Gesetz gegen den Willen der amtierenden Regierungsfraktionen durchzubringen ist also auf dem Petitionswege nahezu unmöglich.

Daher erachte ich auch Volksentscheide auf Bundesebene als ein Instrument, wie man eine lebendige Demokratie schaffen kann. Die beiden von Ihnen vorgebrachten Argumente der hohen Anfälligkeit für Populismus und der Mangelnden Sachkompetenz der Abstimmenden sind die beiden hauptsächlich vorgebrachten Argumente gegen Bundesweite Volksentscheide. Ich möchte auf beide kurz näher eingehen:

1) Demokratische Abstimmungen sind vor Populismus und Demagogie nie gefeit, das mag durchaus stimmen. Dennoch sehe ich hierin kein Gegenargument. Es ist hier vor allem an den demokratischen Parteien, im öffentlichen Diskurs aufzuzeigen, dass Fragestellungen mit extremistischen Positionen nicht zielführend sind. Ich sehe hierin eine Chance für die Parteiendemokratie; denn so ist es auch in der nicht-Wahlkampfzeit für die Parteien notwendig, sich argumentativ ins Zeug zu legen, und die Bevölkerung zu überzeugen. Weiterhin glaube ich an ein pragmatisches Abstimmungsverhalten der Bevölkerung. Dass Parteien wie die NPD nicht im Bundestag vertreten sind (und auch nach der Wahl nicht sein werden) und diese in Sachsen einiges an Stimmen einbüßen musste zeugt dafür, dass der Großteil der Bevölkerung an moderaten Lösungen, die innerhalb unserer Demokratie stehen interessiert sind.
Instrumente um die Gefahr zu vermeiden, dass Minderheitspositionen in Volksabstimmungen eine Mehrheit gewinnen muss man dennoch natürlich einbauen. Ein Zustimmungsquorum (über dessen Höhe man sich noch unterhalten muss) wie es das auch bei Volks- und Bürgerbegehren auf Landes- und Kommunalebene gibt schützt vor so etwas. Außerdem darf eine Volksabstimmung, die zum Ziel hat, unsere Freiheitlich-Demokratische Grundordnung oder zumindest Teile von ihr zu beseitigen, nicht zulässig sein.

2) Stellen Sie die Frage nach der Sachkompetenz, die zweifelsohne vor einer Abstimmung im gewissen Maße vorhanden sein muss. Auch hier liegt es wie oben beschrieben unter anderem wieder an den Parteien, Argumente Für und Wider auf den Tisch zu legen. Hier müssen Sachfragen statt ins stille Kämmerlein eben an die Öffentlichkeit getragen werden. Die Sachkenntnis der Politiker ist in vielen Fragen auch weniger eine wirkliche Kenntnis der Sache, als das Ergebnis von Lobbyismus. Naturgemäß sind Volksabstimmungen weniger für Lobbyismus anfällig, als parlamentarische Abstimmungen das sind.
Natürlich kommt hier aber auch den Medien ein großer Teil der Verantwortung zu. Deren Macht als so genannte "Vierte Gewalt" wird in solchen Situationen wohl noch größer sein. Umso wichtiger ist es, unabhängige Medien zu erhalten, und gegen Monopolbildungen im Mediensektor vorzugehen.
Ich bin zudem wissenschaftlich ein Anhänger von James Surowieckis Theorie der "Weisheit der Vielen". Die Theorie besagt im Grunde, dass große Massen aufgrund ihres differenzierten und großen Erfahrungs- und Meinungsschatzes optimaler in der Lage sind, rationale Entscheidungen zu treffen, als Expertenkomitees (oder auch zum Beispiel parlamentarische Ausschüsse) das können.
Damit diese Form der Demokratie jedoch reibungslos funktionieren kann ist es auch wichtig, bereits in der Schule unsere Kinder zum selbständigen Denken und zum kritischen Hinterfragen zu erziehen.

Die bisherige Form der politischen Gestaltung hingegen produziert immer mehr Politikverdrossene. Wenn zum Beispiel 80% der Bevölkerung einen Atomausstieg befürworten, sich aber jedoch keine klare parlamentarische Mehrheit dafür finden lassen kann, zeugt das davon, dass zumindest etwas schief laufen muss.

Dass Volksabstimmungen auf gesamtstaatlicher Ebene funktionierten zeigt uns nicht nur das Beispiel der Schweiz, wo regelmäßig auf Bundesebene über politische Sachfragen und Grundsatzentscheidungen per Volksentscheid entschieden wird.
Auch die USA sind ein positives Beispiel, was z.B. die Übertragung staatlicher Planungs- und Organisationsaufgaben auf BürgerInnen und "Stakeholders" angeht, wie ich in meiner wissenschaftlichen Arbeit feststellen konnte.
Abschließend gesagt: Ich sehe keinen objektiven Grund der Volksabstimmungen auf Bundesebene unmöglicher macht als solche auf Landes- oder Kommunalebene; jedoch sehe ich viele positive Effekte, die sich aus der direkten Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes an der Politik ergeben könnten.

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Christoph
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