Sehr geehrter Herr

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ich habe durchaus Verständnis für Politik-Verdrossenheit gerade auch der jüngeren Generation:
Zum einen wird leider immer wieder deutlich, dass PolitikerInnen nicht halten, was sie versprechen. Das dreisteste Beispiel hierfür aus der jüngeren Vergangenheit ist die Mehrwertsteuer-Lüge der SPD:
Vor der letzten Bundestagswahl verkündete die SPD, mit ihr werde es keine Mehrwertsteuererhöhung geben: Die von der CDU angekündigte Mehrwertsteuererhöhung um 2 Prozent wurde denn auch auf SPD-Plakaten als "Merkel-Steuer" angegriffen.
Nach der Wahl wurde die Mehrwertsteuer dann mit Zustimmung der SPD sogar um 3 Prozent erhöht - vor allem zu Lasten der Lohnabhängigen und der sozial Ausgegrenzten, die von dieser Steuererhöhung weit mehr betroffen sind als Reiche.
Anschließend beschwerte sich SPD-Chef Müntefering: "Wir werden an den Wahlversprechen gemessen – das ist unfair!"
Zum zweiten fühlen sich gerade junge Menschen im Stich gelassen von der herrschenden Politik:
Die "Generation Praktikum" wird immer wieder auf später vertröstet. Die Schulpolitik entlässt 15 % jedes Geburtsjahrganges ohne Schulabschluss in die Ausweglosigkeit. Wer keine berufliche Perspektive hat, wird durch Hartz IV zu oftmals unsinnigen Arbeitsdiensten gezwungen und hat kaum das Nötigste zum Leben.
Jahrelang war ja sogar das Wort "sozial" in der herrschenden Politik verpönt.
Erst mit dem Einzug der LINKEN in den Bundestag änderte sich dies wieder. Je stärker DIE LINKE wird, desto größer wird auch der Druck auf die herrschenden Parteien, sich wieder für die soziale Frage zu öffnen.
Ich habe schon früh erkannt, dass einer allein nichts ändern kann:
Wenn sich unsere Urgroßeltern nicht zum kollektiven Kampf in Gewerkschaften und (damals!) in der SPD organisiert hätten, dann hätten wir noch jetzt eine 6-Tage-Arbeitswoche mit 10 bis 12 Arbeitsstunden pro Tag.
Deshalb bin ich als 18-Jähriger in die SPD eingetreten und während meines Studiums auch schon der Gewerkschaft beigetreten.
Nach dem Jahrtausendwechsel wurde es aber immer deutlicher, dass die SPD-Führung Verrat an der Parteibasis und an ihrer Wählerschaft begeht:
Die SPD/Grünen-Regierung senkte die Steuern von Reichen und Konzernen in einem solchen Ausmaß, dass uns bis heute jährlich 120 Milliarden Euro entgehen.
Damit wurden auch die Städte in die Pleite getrieben und zu Privatisierungen nach dem Motto "Privat vor Staat" genötigt.
Parallel dazu wurde den Lohnabhängigen immer tiefer in die Tasche gegriffen und die Parität in der Krankenversicherung aufgehoben: Die Lohnabhängigen sollten immer mehr Gesundheitsleistungen selber bezahlen.
Gipfeln sollte dies schließlich im Lohndrücker-Programm Hartz IV, das die Beschäftigten aus Angst vor dem sozialen Absturz in den Betrieben zum Kuschen bringt.
Der letzte Tropfen, der für mich das Fass zum Überlaufen brachte, war das öffentliche Betteln von Schröder gegenüber Bush, doch beim Afghanistan-Krieg mitmachen zu dürfen. Die einstige Friedenspartei SPD bekannte sich öffentlich zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.
Das war im Oktober 2001 für mich der Anlass, die SPD - nach 25 Jahren Mitgliedschaft - endgültig zu verlassen.
2004 gehörte ich dann zu den Mitbegründern der WASG und 2005 zu den Befürwortern der Parteifusion zur neuen LINKEN.
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!
Aber auch das ist nur ein Aspekt - wenn auch der Wichtigste - für meine persönliche Motivation zur politischen Arbeit.
Hinzu kommt: Politische Arbeit mit Gleichgesinnten kann schlicht auch Freude bereiten.