Sehr geehrter Herr

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es lässt sich wohl nicht sinnvoll bestreiten, dass erneuerbare Energien ihren Anteil an der Stromerzeugung im Saldo erhöht haben und damit (Kernenergie und) fossile Energieträger tendenziell verdrängen bzw. substituieren können. Ihr "Fakt" mit dem herkömmlichen Kraftwerk als "Stütze" stimmt so allgemein und statisch jedenfalls nicht. Dies ist lediglich eine Frage der Koordination durch intelligente Speichertechnik, die sich künftig auch für stark steigende Anteile erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung lösen ließe. Eine Ahnung vermittelt dieses Experiment: www.kombikraftwerk.de (das ich als solches jedoch nicht verifizieren kann und dessen Aussagekraft wohl mit Vorsicht zu genießen ist).
Das Problem ist eher ein anderes: Das, was in Deutschland an fossiler Energie eingespart wird, wird eben an anderer Stelle (günstiger) und umso mehr verbraucht, was aufs Ganze gesehen nichts bringt in puncto Ressourcenschutz. Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Fortschritte bei der Energieeffizienz (durch Einsparung) müssen also gekoppelt werden an ein internationales Regime des "Ressourcenmanagements". Die einzige Lösung ist wohl ein weltweites Emissionshandelssystem, an dem sich alle Nationen beteiligen. Der Grundgedanke von Kyoto ist also richtig gewesen. Er funktioniert nur noch nicht richtig. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die Erklärung des Ökonomen Hans-Werner Sinn, der darin auch Kritik an der bisherigen Förderpraxis für erneuerbare Energien übt:
www.faz.net
Wenn Sie ein Emissionshandelssystem als einen Ansatz zur "zentralen Wirtschaftslenkung" diffamieren und in grundsätzlichen Widerspruch zur Marktwirtschaft bringen wollen, halte ich das für reichlich zu kurz gegriffen. Vielmehr wäre ein globaler Ansatz zur Deckelung des Ressourcenverbrauchs ein klassischer Fall von marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik, nämlich eine Bewältigung einer ‚Sozialen Falle’ durch Etablierung bzw. Nachsteuerung einer institutionellen Rahmenordnung: Vielleicht kennen Sie das Stichwort ‚Gefangenen-Dilemma-Situation’. Gemeint ist eine mangelhaft geregelte soziale Interaktion, in der kein Beteiligter - aus Angst, von den anderen ausgenutzt zu werden - beginnen will mit einem Verhalten, das für alle Beteiligten von Vorteil wäre, wenn es alle täten. Weil kein Verlass auf die andern ist, fängt niemand an, das Richtige zu tun (z.B. in energiesparende Technik investieren). Solche Probleme sind allgegenwärtig. Genau aus diesem Grund gibt es überhaupt den Staat und seine Gesetze zur Regulierung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verkehrs.
Ein unnötig hoher Energieverbrauch, der die Ressourcen vorschnell zu Ende gehen lässt und die Umwelt schädigt, ist ein ‚externer Effekt’ der wirtschaftlichen Entwicklung, der gleichwohl große Wechselwirkungen für die Entwicklung der Weltwirtschaft mit sich bringt - zum allgemeinen Nachteil. Der Ressourcenverbrauch ist daher sinnvollerweise in die Preisbildung und somit in das Vorteils- und Anreizkalkül der beteiligten Akteure zu integrieren. Das kann man besser oder schlechter machen. Im Prinzip ist das jedoch nichts un-marktwirtschaftliches - im Gegenteil. Weiterführend verweise ich auf folgenden Artikel:
www.faz.net
Dieser Artikel widmet sich den möglichen Kosten, die der Weltklimagipfel nach sich ziehen könnte. Dies betrifft die von Ihnen befürchtete Verteuerung der Energiekosten. Dazu kann ich nur soviel sagen: Natürlich wird eine wirksame Politik des (Klima- und) Ressourcenschutzes zunächst Geld kosten. Die Frage ist, welche langfristige Entwicklung damit eingeleitet werden kann und was die realen Alternativen wären. Dies habe ich in meiner letzten Antwort bereits erklärt. Anders herum ausgedrückt: Ein ‚Weiter so’ nach den Gesetzen des 20. Jahrhunderts (Wachstum, Fortschritt, Lebensqualität = Ressourcenverbrauch = Umweltschäden) teilt die Menschheit auf in einstweilige Nutznießer der wirtschaftlichen Entwicklung und solche, die mit den Nachteilen (z.B. mit den Umweltschäden) leben müssen. Eine solche Entwicklung kann nicht nachhaltig sein (auf Dauer nicht aufgehen), weil gerade die Bewältigung der Nachteile und die Einbeziehung der bisher Benachteiligten ein enormes Wachstumspotential (industriell, technologisch etc.) eröffnet. Ein statisch gedachtes ‚Weiter so’ kann damit auch nicht im wohlverstandenen, längerfristigen Interesse unseres Industriestandortes in Deutschland liegen.
Für die Erklärungen des Postdamer Instituts für Klimafolgen bin ich nicht verantwortlich und kann dazu keine Erläuterungen geben. Nähere Informationen liegen mir dazu auch nicht vor.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Uhl