
Sehr geehrter Herr Frühwirt,
vielen Dank für Ihre Fragen. Hier meine Antworten entsprechend Ihrer Nummerierung:
1. Damit wäre aber die Geldwertstabilität gefährdet. Es wäre zu viel Geld im Markt, das Geld würde wertlos und als Zahlungsmittel unbrauchbar. Wer verkauft schon etwas, wenn das Geld, das er bekommt, wertlos zu werden droht? Wer arbeitet, wenn er dafür mit wertlosem Geld "entlohnt" wird?
Besonders nachhaltig sind weder die Erhöhung der Geldmenge noch ständig steigende Schulden. Die Lösung kann nur sein, dass der Staat auf Dauer mit seinen Einnahmen auskommt und dass er sich das für notwendige Ausgaben erforderliche Geld nicht leiht, sondern über Steuern einnimmt.
2. Das ist im Prinzip das Gleiche wie in Frage 1. Mehr Geld zu schaffen, bedeutet das Geld zu entwerten. Das führt letztlich dazu, dass im Zweifelsfall gar kein Geld mehr umläuft.
3. Das Geldsystem muss vor Missbrauch geschützt werden. Insbesondere der Bankensektor muss seine eigentlich Aufgabe erfüllen: Die Bereitstellung von Geld in Form von Krediten. Viele Banken haben in den vergangenen Jahren mehr spekuliert als das Geld innovativen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Das Aufblasen der Geldmenge über Derivate muss massiv eingeschränkt werden. Dazu muss die staatliche Kontrolle der Banken deutlich verbessert und international abgestimmt werden.
Als marktwirtschaftliches Instrument ist eine Finanztransaktionssteuer ein geeignetes Instrument, um Geldgeschäfte, die reiner Selbstzweck sind, einzudämmen.
Dauerhaftes Wachstum hat es eigentlich noch nie gegeben. Es gab immer wieder konjunkturelle Einbrüche, die das Wachstum zumindest unterbrochen haben. Es hat sich außerdem gezeigt, dass sich das Wachstum zumindest in Europa in den letzten Jahrzehnten ständig verlangsamt hat. Es ist in Deutschland auch kein dauerhaftes starkes Wachstum mehr zu erwarten: Die Bevölkerung schrumpft und wird älter. Dazu kommt, dass eine nachhaltige Entwicklung und dauerhaftes materielles Wachstum, wie Sie zu Recht schreiben, inkompatibel sind. Eine Politik, die nur auf Wachstum setzt, muss daher zwangsläufig in der Sackgasse enden.
Das heißt aber nicht, dass Wachstum in einzelnen Bereichen nicht mehr möglich ist. Ein Wachstum im Bereich erneuerbare Energien ist zum Beispiel sehr erwünscht und kompatibel mit einer nachhaltigen Entwicklung.
4. Wir sind nicht zwangsläufig abhängig vom Wachstum, aber viele glauben es zu sein. Außerdem ist das Setzen auf Wirtschaftswachstum eine sehr einfache Lösung für viele Probleme: Mehr Wachstum bedeutet mehr Arbeit, mehr Einkommen und höhere Steuereinnahmen für den Staat. Ökologische Probleme und das Problem der Begrenztheit von Ressourcen werden dabei aber völlig ausgeblendet. Außerdem hat sich in den letzten Wachstumsphasen gezeigt, dass es keine gerechte Verteilung des durch Wachstum entstandenen zusätzlichen Einkommens gegeben hat. Mittlere und untere Einkommensgruppen haben überhaupt nicht profitiert. Die Reallöhne sind im Gegenteil sogar gesunken.
Um eine nachhaltige Entwicklung ohne Wachstumszwang zu erreichen, müssen wir Wege finden, wie die Generierung von Wirtschaftsleistung/Wertschöpfung noch stärker als bisher vom Umwelt-/ Energieverbrauch zu entkoppeln ist. Instrumente, deren Einsatz das von uns geforderte Umsteuern befördern und die die notwendige Umverteilung stützen, können wir ja sehr wohl anbieten: Beispiele sind eine höhere Einkommenssteuer im oberen Bereich, höhere Erbschaftssteuer, Fortführung der ökologischen Steuerreform (höhere Sätze, Abschaffen von Ausnahmen Š). Arbeit ist durchaus reichlich vorhanden (z.B. in der Bildung/Erziehung, in der Betreuung, in der Pflege). Um allerdings hieraus in größerem Maße auskömmliche Erwerbsarbeit zu generieren, bedarf es der hierfür notwendigen Finanzen, d.h. die Umverteilung ist eine der Kernvoraussetzungen für das Umsteuern in unserem Wirtschaften.
herzliche Grüße
Claudia Stamm