Dr. Kirsten Tackmann
DIE LINKE
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Frage von Unaf-Wbnpuvz Untra an Dr. Kirsten Tackmann bezüglich Land- und Forstwirtschaft

# Land- und Forstwirtschaft 12. Okt. 2012 - 20:46

Sehr geehrte Frau Tackmann!

Wie ist das jetzt mit dem Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung geregelt?

Welche Meinung hat die Linksp. dazu und sie persönlich?

Können Sie sich vorstellen, daß die Linke einen Antibiotika-freien-Stall für die Tierhaltung fordern könnte?

Anbei noch ein Hinweis von mir auf eine Nachricht aus dem DLF:

http://www.dradio.de/dlf/meldungen/forschak/1854830/

Mit freundlichen Grüßen

Hans-Joachim Hagen

Von: Unaf-Wbnpuvz Untra

Antwort von Kirsten Tackmann (LINKE)

Sehr geehrter Herr Hagen,

vielen Dank für Ihre Anfrage zum Antibiotikaeinsatz in der Agrarwirtschaft. Dieses Thema bewegt nicht nur den Deutschen Bundestag seit mehreren Jahren, sondern wird auch in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert.
Nach monatelangen Debatten verabschiedete das Bundeskabinett Ende September endlich den Gesetzentwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes (AMG). 1.700 Tonnen Antibiotika landen jedes Jahr in den deutschen Tierställen. Das sind deutlich mehr als vermutet und zweifellos eine alarmierende Zahl. Allerdings sagt die Gesamtmenge nur wenig über die konkret dahinter stehenden Probleme. Fest steht aber: Antibiotika werden bei den jährlich in Deutschland gehaltenen 800 Millionen Nutztieren nicht nur zu häufig, sondern auch unsachgemäß angewendet. Das erhöht das Risiko von Resistenzen. Die so wichtigen Arzneimittel wirken nicht mehr zuverlässig bei der Behandlung von Infektionserkrankungen. Beim Mensch und beim Tier. Deshalb muss der Missbrauch von Antibiotika dringend reduziert werden. Nicht nur in der Nutztierhaltung, sondern auch bei Klein- und Heimtieren und auch bei uns Menschen.

Doch der Vorschlag der Bundesregierung ist inkonsequent und behandelt höchstens Symptome, statt die Ursachen anzugehen. Zum Beispiel ist eine bundesweite Datenbank zur Ermittlung von Problembetrieben zwar gut, reicht aber lange nicht aus. Gemeinsam mit den anderen Oppositionsfraktionen werden wir eine Anhörung zur AMG-Novelle beantragen – möglichst noch dieses Jahr. Im AMG wird unter Anderem der Einsatz von Arzneimitteln bei tierhaltenden Betrieben und die Behandlung von Tier-Beständen geregelt. Die Überwachung obliegt den Bundesländern. Infos des BMELVs sind hier zu finden: http://www.bmelv.de/SharedDocs/Dossier/Landwirtschaft/Antibiotikaresiste...

Die Linksfraktion hat bereits im Januar 2012 in den Deutschen Bundestag einen umfassenden Antrag eingebracht mit verschiedenen Vorschlägen zur Lösung der Probleme (Bundestagsdrucksache 17/8348 „Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung reduzieren“, hier zu finden: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/083/1708348.pdf). In diesem Antrag haben wir im Gegensatz zum Entwurf der Bundesregierung die Bekämpfung der Ursachen, die zu einem häufigen Antibiotika-Einsatz beitragen, in den Mittelpunkt gestellt. Beispielsweise gehört nach unserer Überzeugung die Art und Weise wie Tiere in der Bundesrepublik gehalten werden auf den Prüfstand. Die Verbesserung der Tiergesundheit und die Vermeidung von Infektionskrankheiten müssen stärker ins Zentrum der Überlegungen rücken. Dazu gehört z. B. eine bessere Stallhygiene, besseres Stallklima und eine vernünftige Begrenzung der Bestandsgrößen und -dichten.

Nicht nur in den einzelnen Ställen, sondern auch den Regionen. Der von ihnen angesprochene Antibiotika-freie Stall ist möglich, wenn die Haltungsbedingungen möglichst stressfrei und tiergerecht sind. Sicher können auch dann Erkrankung von Einzeltieren oder in Ausnahmefällen auch eines ganzen Bestandes nicht ausgeschlossen werden und in solchen Fällen muss auch eine Behandlung mit Antibiotika möglich sein, aber sie muss die Ausnahme sein. Darüber hinaus muss die Wirksamkeit des Medikamentes vor der Behandlung geprüft und diese entsprechend der Behandlungsvorschriften durchgeführt werden. Insofern unterstütze ich alle Maßnahmen, die zu einer sehr deutlichen Reduzierung der Antibiotika-Anwendungen durch Minimierungsstrategien führen. Die Vermeidung von Infektionskrankheiten ist immer noch die effektivste Maßnahme gegen Antiobiotika-Behandlungsnotwendigkeiten. Mit den auf diesem Wege gewonnenen Erfahrungen werden die Potenziale antibiotika-freier Nutztierhaltungen besser abzuschätzen sein.

Was sollte sich aus unserer Sicht besonders schnell ändern? Die gleichzeitige Behandlung aller Tiere in einem Stall mit Antibiotika sollte nur noch ausnahmeweise erlaubt sein. Die tierärztliche Betreuung der Höfe und Ställe muss verbessert werden. Das muss natürlich den gesamten Lebenszeitraum des Nutztieres umfassen, also von der Aufzucht, über die Mast bis hin zur Schlachtung. Im Kampf gegen den zu hohen Antibiotika-Verbrauch muss die Tierärzteschaft als fachlich gut ausgebildete und über die tierärztliche Zulassung besonders geprüfte und vertrauenswürdige Verbündete gestärkt werden. Das setzt aber voraus, dass sie wiederum schwarze Schafe in ihren eigenen Reihen nicht dulden darf. Sie (und nicht wie von der Bundesregierung vorgeschlagen die Tierhalter/innen selbst) sollten die Daten für die jeweiligen konkreten Bestände erfassen und an die Behörden melden. Die Meldepflicht für Fälle von verringerter Wirksamkeit eines Antibiotikums muss endlich konsequent umgesetzt werden. Die Ämter müssen die Plausibilität der Datenbankeinträge prüfen, damit Betrug schnell aufgedeckt wird. Falls sie Unstimmigkeiten feststellen oder ein Betrieb mit auffällig hohem Antiobiotika-Verbrauch auffällt, muss ein wirksames und vor allem verbindliches Reduktionskonzept erarbeitet und auch durchgesetzt werden. Gemeinsam mit dem Landwirt oder der Landwirtin, nicht gegen ihn oder sie. Verstöße gegen die Vorschriften im Arzneimittelgesetz müssen konsequent verfolgt und geahndet werden. Besonders wichtige Antibiotika sollten ausschließlich für Menschen angewendet werden dürfen und haben im Stall nichts zu suchen.

Mehr Informationen über die Agrarpolitik der Linksfraktion erhalten Sie auf www.nachhaltig-links.de. Eine Vision für die Landwirtschaft im Jahr 2050 finden Sie auf www.plan-b-mitmachen.de (im Kapitel „Wochenmarkt statt Weltmarkt“).

Mit freundlichen Grüßen aus Berlin,
Dr. Kirsten Tackmann, agrarpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE.

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