Dr. Fritz Felgentreu
SPD
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Frage von Xheg Tüyqare an Dr. Fritz Felgentreu bezüglich Integration

# Integration 17. Aug. 2006 - 19:32

Sehr geehrter Herr Dr. Felgentreu,

in Sachen Integration reden fast alle von mangelnder Sprachkompetenz der bei uns lebenden Ausländer - von mir aus auch Migranten, wenn das die aktuellere Bezeichnung sein soll.
Mir ist etwas unverständlich, aus welchem Grund Sie gerade in den Neuköllner Gegenden mit hohem Ausländeranteil - beispielhaft sei das Gebiet direkt vor der türkischen Moschee am Columbiadamm genannt - Ihre Wahlkampfplakate auf türkisch abdrucken. Soll das etwa die deutsche Bevölkerung davor abschrecken, SPD zu wählen? Ich versteht die Aussage auf diesen Plakaten nun leider wirklich nicht und werde mich nun auch nicht mit Türkisch-Wörterbuch dorthin begeben, um den Text entschlüsseln zu können.
Wollen Sie damit ausschließlich de Stimmen des türkischen Bevölkerungsanteils einsammeln? Ist es nicht vielmehr im Hinblick auf das zuerst Gesagte wichtiger, mit deutschen Schlagworten Wahlkampf zu machen und so die türkischen MitbewohnerInnen zu ermuntern, sich der deutschen Sprache zu bemächtigen, und so etwas zu der Integration dieser Menschen beizutragen?
Immerhin halte ich die bevorstehende Wahl immer noch für eine BERLINER, also damit teil-deutsche, Angeordnetenhauswahl.
Gestatten Sie mir noch den Hinweis, dass ich bereits von meinem Wahlrecht Gebrauch gemacht habe, aber unter Anderem aus diesem Grunde mein Kreuzchen weder bei Ihnen noch bei Ihrer Partei machen wollte. Eine Antwort mit "Wahlwerbung" erübrigt sich für Sie also in meinem Falle.

Mit freundlichem Gruß
Kurt Güldner

Von: Xheg Tüyqare

Antwort von Fritz Felgentreu (SPD) 18. Aug. 2006 - 11:48
Dauer bis zur Antwort: 16 Stunden 16 Minuten

Sehr geehrter Herr Güldner,

vielen Dank für Ihre Frage, auf die ich Ihnen sehr gerne antworte. Zunächst möchte ich Sie auch auf die Web-Seite der SPD Hermannstraße hinweisen, wo Sie unter "Wahlen 2006" bereits einige Erläuterungen zu den Plakaten finden können (www.spd-hermannstrasse.de).

Nun zu Ihren Fragen.

Alle meine Wahlkampfmaterialien (Kandidatenflyer, ein Plakat, Flugblätter, Homepage usw.) sind selbstverständlich in deutscher Sprache verfasst und werden im Wahlkreis nicht nur auf Infoständen verteilt, sondern darüber hinaus auch über die Briefkästen zugänglich gemacht. Die Ausnahme ist ein Satz auf einem zweiten Plakat.

Wie die ganze Neuköllner SPD stehe ich entschieden für eine konsequente Integrationspolitik, die Missstände klar benennt und dagegen vorgeht. Ein solcher Missstand ist es, dass 70 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht über den Hauptschulabschluss hinausgelangen -- wenn überhaupt. Nur 5 Prozent finden einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Der wichtigste Motor für Integration ist also offensichtlich Bildung. Deshalb ist auf dem türkischen Plakat eine Schulklasse abgebildet.

Es war mir wichtig, den inzwischen mehreren tausend Wählern türkischer Herkunft bei uns deutlich zu machen, dass die Politik auch sie wahrnimmt und persönlich ansprechen will. Ein Plakat ist nach meiner langjährigen Erfahrung nicht geeignet, irgend jemanden von irgend etwas zu überzeugen. Es kann aber neugierig machen und zur Diskussion einladen -- die nie anders als auf deutsch stattfindet. Das ist das Ziel des Plakats.

Zum Inhalt: Es handelt sich um ein Zitat des türkischen Staatsgründers Atatürk ("Es gibt viele Länder, aber nur eine Zivilisation"). Damit verweisen wir auf gemeinsame Werte, durch die die moderne Türkei zu Europa gehört: Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Bildung und Aufklärung. Indirekt verbindet sich damit eine Absage an islamistische Vorstellungen (die auch der Zitatgeber Atatürk immer bekämpft hat).

Sie sehen: an Integrationswillen mangelt es der SPD nicht. Mit Ihrer kritischen Frage legen Sie aber trotzdem den Finger auf einen wunden Punkt. Wir haben darauf verzichtet, dem Plakat direkt eine deutsche Erklärung beizufügen, sondern erklären es nur auf unserer Web-Seite. Das hat graphische Gründe (das Plakat wäre sehr unübersichtlich geworden) und auch finanzielle Gründe (das gleiche nochmal auf deutsch wäre auch doppelt so teuer gewesen).

Ich hoffe, Ihnen mit dieser Antwort trotzdem eine befriedigende Auskunft gegeben zu haben.

Mit freundlichem Gruß

Ihr Fritz Felgentreu