Der Traum vom Bundestag: Was Einzelbewerber antreibt

Warum treten so viele Einzelbewerber zur Bundestagswahl an, auch wenn sie praktisch keine Chance haben, ins Parlament gewählt zu werden? Ein solcher Einzelkämpfer ist Konrad Dippel aus Bayern - und er ist von seinem Einzug in den Bundestag überzeugt. Wir haben mit ihm gesprochen.

Wolfgang Pehlemann / Wikipedia / CC BY-SA 3.0

Zur Bundestagswahl wollen weit mehr als 2.500 Menschen als Direktkandidierende in einem der 299 Wahlkreise antreten. Rein mathematisch stehen die Chancen, ins Parlament gewählt zu werden, also ungefähr bei 1:10. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit aber nicht für jeden gleich; im aktuellen Bundestag stellen CDU/CSU und SPD 294 der 299 direkt gewählten Bundestagsabgeordneten. Trotzdem ist das Kandidatenfeld zu jeder Bundestagswahl gespickt von Einzelbewerbern - bei der diesjährigen Bundestagswahl wird es wohl so viele Direktkandidierende geben wie nie zuvor. Obwohl seit der ersten Bundestagswahl 1949 niemandem mehr der Einzug in den Bundestag gelungen ist, mischen die Einzelbewerber im Wahlkampf kräftig mit.

Aber warum nehmen diese Menschen den anstrengenden Wahlkampf in Kauf, ohne strukturelle und finanzielle Unterstützung einer Partei - wo sie doch wissen, dass ihre Chancen gleich Null sind, in den Bundestag einzuziehen?

Einer der Einzelbewerber mit den wahrscheinlich größten Chancen bei der diesjährigen Bundestagswahl ist Konrad Dippel im Wahlkreis Weiden (Bayern). Der selbstständige Unternehmer hat den bereits vierten Bundestagswahlkampf vor sich. Doch was motiviert Dippel, den Kampf gegen den scheinbar übermächtigen CSU-Kandidaten aufzunehmen?

Vom Einzug in den Bundestag überzeugt

“Nachdem ich bei der Wahl 2002 keinen Kandidaten der BüSo [Bürgerrechtsbewegung Solidarität, Anm. d. R.] auf dem Wahlzettel fand und aus Verzweiflung die Tierschutzpartei wählte, musste ich einfach selbst aktiv werden”, schildert Dippel den Beginn seiner politischen Karriere. Für den nach eigener Aussage „gläubigen Christen und überzeugten Humanisten“ ist die Kandidatur sowohl Frustrationsbewältigung als auch Widerstand gegen eine Politik, die seiner Meinung nach die wahren Interessen der Bürger nicht vertritt. Außerdem hat Konrad Dippel eine Vision: Er glaubt mit seinem Einzug in den Bundestag – und von diesem ist er überzeugt! – eine bundesweite Bewegung loszutreten, die in einer kritischen Masse von parteilosen Bundestagsabgeordneten resultiert. Diese würde den „zum Ritual verkommenen Plenarsitzungen” neue Bedeutung schenken und die Politiker wieder zu einem Abstimmungsverhalten nach Gewissen und nicht nach Fraktion bringen.

Sein Potential zeigte der selbsternannte Überzeugungstäter bei der Bundestagswahl 2009, als er mit 14,1% stärkster Einzelbewerber der Republik wurde. Dieses Ergebnis will er nun mit Zeitungsannoncen, über 400 Plakaten und Facebookvideos weiter ausbauen. Sein Minimalziel: “Die SPD überholen und Platz 2 sichern!”

Die Beweggründe der EInzelkämpfer sind vielfältig: Politik aktiv mitgestalten, den Bundestag bunter machen, ganz nach dem sportlichen Wettbewerbsgedanken einfach mal dabei sein oder auch Frust über die etablierten Parteien. Mit 200 Unterschriften kann man sich als Einzelbewerber in seinem Wahlkreis aufstellen lassen. Bei der Bundestagswahl 2013 waren dies immerhin 81, in allen bisherigen Bundestagswahlen zusammen 1.015. Einer der Hauptgründe, warum potentielle Einzelbewerber von einer Kandidatur zurückschrecken, sind die Wahlkampfkosten: Flyer drucken, Tische in der Fußgängerzone aufstellen, Plakatplätze an Laternen mieten – all das muss aus eigener Tasche bezahlt werden. Die Tagesschau berichtete unlängst, dass Kandidatinnen und Kandidaten der großen Parteien mit bis zu 70.000 Euro aus dem Privatvermögen dabei sind. Wer als Einzelbewerber mindestens 10% der Stimmen im Wahlkreis auf sich vereinen kann, dem wird pro Stimme 2,80€ vom Staat erstattet. Ein erfolgsversprechendes Geschäftskonzept ist das allerdings nicht – diese Hürde überwinden weniger als 1% der Bewerber. Der erfolgreichste Einzelbewerber bei der Bundestagswahl 2013, Wolfgang Nešković, schrammte mit 9.999 Stimmen knapp an der 10.000er Marke vorbei und holte somit 8,1% im Wahlkreis Cottbus-Spree-Neiße. Er konnte sich damit nicht gegen den CDU-Kandidaten Klaus-Peter Schulze (35,9%) durchsetzen.

Anleitung zur Einzelbewerbung

Um Einzelbewerber zu werden, muss man 200 Unterschriften sammeln, eine Formvorlage dafür finden Sie hier. Die Unterschriften müssen bis zum 17. Juli um 18 Uhr beim zuständigen Kreiswahlleiter abgegeben werden. Jeder Wahlberechtigte kann übrigens zwei Unterstützungsunterschriften ausgeben, für eine Partei und einen Direktkandidierenden (diese müssen nicht zur gleichen Partei gehören). Nach der erfolgreichen Unterschriftenabgabe zählen nur noch drei Dinge: Wahlkampf, Wahlkampf und nochmal Wahlkampf!

Nicht einer Partei zugehörig zu sein, heißt übrigens nicht, dass man sich keiner Initiative oder Wählergemeinschaft anschließen darf. Deren Erfolgsrate liegt im Regelfall nicht viel höher als die der Einzelbewerber. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: Auch die Grünen haben als Wählergemeinschaft begonnen.

Kurzer Wahlrechtsreminder

Bei der Bundestagswahl hat jeder Wähler zwei Stimmen. Mit der Erststimme wählt man einen Kandidaten aus seinem Wahlkreis (das Bundesgebiet ist in 299 Wahlkreise aufgeteilt). Nur der Bewerber mit den meisten Stimmen zieht direkt in den Bundestag ein; es genügt die einfache Mehrheit. Falls ein Einzelbewerber es tatsächlich schaffen sollte, in den Bundestag einzuziehen, entfallen alle Zweitstimmen der Wähler, die ihm ihre Stimme gegeben haben. Mehr Informationen zum Wahlrecht finden Sie hier.

 

Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie darüber informieren, dass ich im Wahlkreis 294 (Ravensburg) als Unabhängiger Einzelkandidat antreten werde.

www.facebook.com/wahlkreis294

Ich war Mitglied der SPD und der LINKEN und habe die Erfahrung gemacht, dass du mit deinen Ideen und Vorschlägen und deinem Tempo entweder ignoriert, vergessen oder bekämpft wirst, vor allem, wenn du ein normales Mitglied der Partei bist. Deshalb bin ich parteilos geworden.

Meine "Präambel" lautet: PARADIGMEN

Meine Maxime: PARADIGMEN- statt POLITIKWECHSEL

Mein politisches Programm steht auf drei Säulen:

1. (Mehr) Transparenz in der Politik; Partizipation an der Politik
2. Echte TEILHABE für ALLE, statt sozialer Almosen
3. Klare Trennung von Kirche und Staat. Änderung art. 140 GG (Laizismus)
-----> https://www.change.org/p/der-deutsche-bundestag-klare-trennung-von-kirch...
4. Verbot der AfD, da sie für mich die ideologische Nachfolgepartei der NSDAP ist.

Stefan Weinert, Ravensburg

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