Sehr geehrter Herr

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recht herzlichen Dank für Ihre kurze, aber äußerst komplexe Frage, wie mit der desaströsen Finanzsituation der Stadt Wuppertal aus meiner Sicht umzugehen ist. Wie ich sehe, haben Sie diese Frage auch den anderen Kandidaten gestellt; gerne antworte ich der Komplexität entsprechend ausführlich.
Die Finanzsituation Wuppertals wird sich in den nächsten zwei Jahren deutlich zuspitzen. Wenn wir ehrlich sind, dann sind unter diesen Voraussetzungen alle Kommunalwahlprogramme aller Parteien schon Makulatur, bevor sie überhaupt gedruckt vorliegen. Ich selbst stehe zwar für eines dieser Wahlprogramme Pate und unterschreibe jeden Satz darin. Die Finanzsituation wird sich aber derart verändern, dass wir für den Erhalt der städtischen Infrastruktur insgesamt kämpfen müssen. Und schon allein deshalb kommen wir als Politik gar nicht umhin, über Einsparziele offen zu sprechen, um überhaupt ein Quäntchen kommunale Handlungsfähigkeit zu erhalten bzw. zurück zu gewinnen. Dazu braucht es einen parteiübergreifenden Konsens.
Vier Forderungen sind dabei aus meiner Sicht unverzichtbar: Die Endschuldung der Stadt durchzusetzen, die kommunale Finanzreform umzusetzen, Strukturimpulse aktiv zu nutzen und eigene Einsparziele konkret zu diskutieren.
Außerdem müssen wir als Wuppertaler noch vor der Kommunalwahl, Bundes- und Landtagswahl mit symbolischen Aktionen die hier lebende Bevölkerung auf die Finanzsituation aufmerksam machen und die Landes- und Bundesregierung in Düsseldorf und Berlin zum Handeln zwingen.
Meine Überlegungen sind im Einzelnen:
Wir rechnen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise mit einem Einbruch bei der Gewerbesteuer und bei der Einkommenssteuer. Schon heute sind in sog. 25.000 Bedarfsgemeinschaften ca. 50.000 Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen. Angesichts der Wirtschaftskrise wird diese Zahl in diesem und auch im nächsten Jahr deutlich steigen und den städtischen Haushalt zusätzlich belasten. Insgesamt sind wir schon heute nicht mehr in der Lage, allein den kommunalen Pflichtaufgaben nachzukommen. Ein vollständiger Verzicht auf die sogenannten freiwilligen Leistungen hielte die drohende Überschuldung nicht auf und würde unserer Heimatstadt den Charakter rauben.
Wer nicht heute die Diskussion zum Beispiel über die öffentliche Daseinsvorsorge in den Bereichen der Versorgung, Verkehr, Abfall, etc. führt, wird am Morgen nach der Kommunalwahl vom Regierungspräsidenten unter dem Stichwort: "Eigenkapital aktivieren" gedrängt, städtischen Sparlisten zustimmen müssen, mit denen die profitablen Geschäftsbereiche der städtischen Eigenbetriebe und Tochterunternehmen etwa im Bereich der Versorgung privatisiert und die Verluste etwa im Bereich des ÖPNV sozialisiert werden. Gleichzeitig werden wir gezwungen sein, aus kleinsten sozialen und kulturellen Projekten Minimalbeträge heraus zu sparen, die das jeweilige Projekt selber in Gänze in Frage stellen. Dagegen müssen wir uns gemeinsam wehren.
Entschuldung der Städte
Wir brauchen einen Schutzschirm für überschuldete Kommunen. Wuppertal würde auf diese Weise jährlich von der Tilgung und von der Zinslast befreit; allein die Zinsbelastung beträgt jährlich ca. € 55 Mio Euro für Kassenkredite plus ca. 22 Mio Euro für Investitionskredite, die wir derzeit selbst wiederum über Kredite refinanzieren. An Kredittilgung tragen wir derzeit jährlich ca. 22 Mio Euro ab. Summa summarum würde uns eine Entschuldung bis zu 100 Mio Euro jährlich entlasten.
Als Beispiel dient uns der Schutzschirm für "In Not geratene Banken". Innerhalb von nur einer Woche war es der Berliner Großen Koalition möglich, Milliardensummen zu aktivieren. Eine ähnliche Handlungsbereitschaft erwarten wir im Sinne überschuldeter Kommunen.
Kommunale Finanzreform
Die seit vielen Jahren diskutierte kommunale Finanzreform wird auf der Bundes- und Länderebene umgesetzt, inkl. eines Verzichtes auf Fördermittel, die bisher nach Himmelsrichtungen verteilt werden und einer stärkeren Beteiligung des Bundes an den Unterkunftskosten für ALG II-BezieherInnen. Allein der Verzicht auf den "Aufbau Ost" entlastet Wuppertal jährlich um ca. € 25 Mio., die wir derzeit über Kredite refinanzieren. Die dann zur Verfügung stehenden Mittel aus einem kommunalen Ausgleichsfonds werden in den "Stadtumbau Ost und West" je nach Bedarf vor Ort investiert.
Darüber hinaus prüft die Stadt Wuppertal eine Klage gegen das Land NRW, da ihr die Mittel fehlen, allein den kommunalen Pflichtausgaben nachzukommen.
Strukturimpulse aktiv nutzen
Wuppertal nutzt die bereits bestehenden Strukturimpulse aus Bund-, Land- und Europa strategisch intensiver und entwickelt zusammen mit der heimischen Industrie, dem heimischen Handwerk, der Uni und anderen Kooperationspartnern Projekte im Bereich neuer und umweltgerechter Technologien. Ein Gründer- und Entwicklungszentrum als "Energieeffizienzcluster" im Rahmen der EU Ziel2-Förderung soll den Weg bereiten für zukunftssichere Arbeitsplätze. Wuppertal profiliert sich als Stadt, die die Energiewende gestaltet.
Alle weiteren bis 2013 bereits angekündigten Wettbewerbe werden frühzeitig mit den heimischen Kooperationspartnern vorbereitet und ´nicht auf den letzten Drücker´. Dabei sollen alle Projekte möglichst regional gedacht werden.
Politik und Verwaltung denken finanzwirtschaftlich um
Wuppertal stellt sich den finanzwirtschaftlichen Hausausforderungen und gestaltet den Rückbau öffentlichen Engagements aktiv. Dabei sollen soziale und kulturelle Angebote, aber auch fachliche Standards unseres Verwaltungshandelns transparent entwickelt und aufrecht erhalten werden. Eine Reduzierung der Haushaltsansätze sogenannter freiwilliger Leistungen und Pflichtaufgaben im Bereich Jugend und Schule, Soziales und freier Kultur kommt für uns nicht in Betracht.
Deshalb werden folgende Positionen zur Diskussion gestellt und verwaltungsseitig geprüft:
- Reduzierung des Aufwandes im Büro OB (Repräsentation)
- Optimierung der dezernatsübergreifenden Zusammenarbeit im Verwaltungsvorstand
- Überprüfung des Umfanges gutachterlicher Tätigkeiten Dritter für die Stadtverwaltung (insbes. GB 4)
- Prüfung eines bergischen Sport- und Gesundheitsamtes, Kulturbüros, Schauspiel- und Opernensembles und einer bergischen Symphonie, eines bergischen kommunalen Ordnungsdienstes und gemeinsamer IT- und DV-Lösungen
- Prüfung eines bergischen Gebäudemanagements, einer Wirtschaftsförderung, einer gesamtbergischen Entsorgungs- und Abfallwirtschaftsgesellschaft und eines Stadtwerkeverbundes
- Verzicht auf das Gewerbegebiet Kleine Höhe und die damit einhergehenden Zusatzkosten (Entwässerung)
- Reduzierung der Bezirksvertretungen
- Sitzungsbeginn der städtischen Gremien nach 18 Uhr
- Personalplanung und -entwicklung, dazu gehört auch ein vermehrtes Angebot von Homeoffice-Arbeitsplätzen und eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten
- Prüfung einer gemeinsamen bergischen Aus- und Fortbildung
- Überprüfung, inwiefern Sporthallen und Schwimmbädern von Vereinen geführt werden können
- Verkauf des Stadions am Zoo
Insgesamt ist eine Organisationsuntersuchung und Aufgabenkritik in der gesamten Stadtverwaltung durchzuführen, aus der sich weitere Einsparpotentiale ergeben können, aber auch Bereiche, in die zur besseren Prozessoptimierung investiert werden muss. Diese Potentiale sollen der Öffentlichkeit vorgestellt und mit ihr diskutiert werden.
BürgerInnen mischen mit
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist Transparenz über das Verwaltungshandeln wichtig. Den Bürgerinnen und Bürgern müssen notwendige Maßnahmen offen und ehrlich vermittelt werden. Anregungen und kreative Impulse aus der Bevölkerung zur Konsolidierung der Finanzen, aber auch zur besseren Gestaltung unseres kommunalen Handelns sind daher zu diskutieren, zu prüfen und in ein Handlungsprogramm aufzunehmen.
symbolische Aktionen
Um auf die drohende Überschuldung der bergischen Metropole aufmerksam zu machen, die Wuppertal ´bis in ihr Mark treffen wird´, werden symbolische Aktionen mit einer sicheren, auch überregionalen öffentlichen Aufmerksamkeit durchgeführt (Schwebebahn als Rückgrat dieser Stadt für einen Tag still legen), kreative Aktionen auf der Straße durchgeführt (freie Kultur auf der Straße, Verkehrsknotenpunkte besetzen, Jugend sucht sich neue Skaterplätze, Familienpicknick am Döppersberg) etc. Dabei unterstützt die Stadtverwaltung Wuppertal das Aktionsbündnis ´Wuppertal wehrt sich´ mit aller Kraft.
Ich hoffe, Herr

, dass ich Ihnen durch diese umfängliche Beantwortung Ihrer Frage nicht nur die Komplexität des Themas transparent, sondern auch inhaltlich weiter helfen konnte und verbleibe
mit freundlichen Grüßen
Lorenz Bahr