Sehr geehrter Herr

-Hernandez,
Danke für die Wiederholung Ihrer Frage auf diesem Wege – die Kommentarfunktion auf meiner Homepage wäre zur Beantwortung ohnehin nicht geeignet gewesen.
Ich freue mich sehr, dass meine Kandidatur bei den Kandidaten von die "Linke Alternative" auf so großes Interesse stößt, nachdem erst Herr Maßmann und nun Sie mir eine Frage stellen.
Mit dem Beschluss der Grünen Landesdelegiertenkonferenz 2008 zu einem Bürgerticket NRW wollten wir Grüne eine längst überfällige Debatte zur Zukunft des ÖPNV anstoßen. Gerade im Zusammenhang von Maßnahmen zum Klimaschutz werden viele Ansätze diskutiert, wie man den CO2-Ausstoß wirkungsvoll reduzieren kann. Doch leider kommt der ÖPNV in diesen Ansätzen bisher kaum vor. Auch angesicht der Diskussion um die Einführung von Sozialtickets, spielt die zukunftsfähige Aufstellung des ÖPNV eine entscheidende Rolle. Dazu wurden und werden zurzeit innerhalb der Grünen Partei verschiedene Konzepte diskutiert, die unterschiedliche Finanzierungsmodelle vorsehen.
Eine Möglichkeit ist die Idee einer soldarischen Abgabe. Der Vorschlag ist angelehnt an die Semestertickets. Hier ist es bereits jetzt schon möglich für eine verhältnismäßig geringe Summe (ca. 19 Euro pro Monat) die freie Fahrt mit Bus und Bahn in ganz NRW zu ermöglichen – vorausgesetzt, dass alle StudentInnen einer Hochschule dieses Ticket abnehmen. Und so ist unsere Idee von einem Bürgerticket NRW vom Prinzip her auch gedacht – eben über eine solidarische Umlage. Ob die Umlage nun pauschal pro Person, pro KfZ oder eine andere Umlageform erhoben wird, hängt von der konkreten Ausgestaltung des jeweiligen Bürgerticket-Modells ab. Da wären auch unterschiedliche Umlageformen in den verschiedenen Kommunen denkbar. Die Höhe der Abgabe hängt natürlich von der jeweiligen Umlageform ab. Wichtig ist dabei nur, dass die Einnahmen aus bisherigen Ticketverkäufen in Höhe von ca. 1,7 Mrd. Euro pro Jahr kompensiert werden und darüber hinaus Mittel zur Verfügung stehen, die einen qualitativen und quantitiven Ausbau des ÖPNV-Angebots ermöglichen.
Durch eine gerechte Verteilung der Kosten über eine solidarische Umlage ist die erfolgreiche Refinazierung durchaus realistisch. Das Ziel ist also nicht einfach nur ein preiswertes Ticket für ganz NRW zum Kauf anzubieten, sondern zu erreichen, dass die Finanzierung des ÖPNV auf mehr Personen (natürliche und juristische) verteilt wird. Das Problem, dass sinkende Fahrgastzahlen auch gleichzeitig zu sinkenden Einnahmen führen, wäre damit aufgebrochen. Daher gäbe es auch keine "unrentablen" Strecken mehr, weil der wirtschaftliche Betrieb nicht mehr an konkrete Fahrgastzahlen geknüpft wäre. Zum Gesamtkonzept gehören natürlich auch politische Forderungen an die unterschiedlichen Ebenen, wie z.B. die Übernahme zusätzlicher Finanzierungsverantwortung durch das Land, Rücknahme der Kürzung der Regionalisierungsmittel durch den Bund sowie die Beibehaltung des Defizitausgleichs durch die Kommunen – die Aufzählung der Finanzierungsmodalitäten ist hier natürlich nicht abschließend. Wie Sie sehen sind die Finanzierungsmöglichkeiten vielfältig. deshalb sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich hier zwar die unterschiedlichen Möglichkeiten beschreibe, Ihnen aber kein fix und fertig ausgearbeitetes Finanzierungskonzept vorlege.
Sie kandidieren für die sogenannte "Linke Alternative" für den den Rat der Stadt Gelsenkirchen, insofern bin ich Vorhaltungen was Hartz IV angeht aus Ihren Reihen gewohnt. Doch dann bitte ich Sie auch endlich einmal zur Kenntnis zu nehmen, dass sich unsere sozialpolitische Programmatik seit der Regierungsbeteiligung im Bund grundlegend verändert hat. Auf Bundesebene setzen wir uns für eine sanktionsfreie Grundsicherung und für eine deutliche Erhöhung der Regelsätze ein. Sie können unsere sozialpolitische Beschlusslage auch in unserem Bundestagswahlprogramm unter
www.gruene.de nachlesen.
In Gelsenkirchen fordern wir seit langem ein Sozialticket auf VRR-Ebene, dass sich an einem von ca. 15 Euro im Monat orientieren soll – denn mehr ist, wie Sie schon richtig bemerkt haben, für Mobilität im Alg II-Regelsatz nicht vorgesehen.
Doch das Bürgerticket NRW hat vordergründig nichts mit Hartz IV oder mit dem Regelsatz für Mobilität bzw. mit dem Sozialticket zu tun. Insofern geht es auch nicht darum, dass die Verkehrsunternehmen, Kommunen und Verbünde "die Suppe auslöffeln", die wir Grüne "verzapft" haben, so wie Sie es in ihrer Frage geschrieben haben.
Das Bürgerticket NRW ist die Idee Soziales und Ökologie miteinander zu verbinden und allen Menschen in NRW, durch eine soidarische Finanzierung, den Zugang zu umweltfreundlicher Mobilität im ganzen Land unkompliziert und jederzeit zu ermöglichen.
Herzliche Grüße, Irene Mihalic.