Sehr geehrter Herr

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vielen Dank für Ihre zwei Fragen zu denen ich gern Stellung nehme:
Das Zentrum existiert meiner Kenntnis nach als organisierte Mitgliederpartei erst seit der Weimarer Republik. Zuvor (ab 1870) gab es in der Tat eine Parlamentsfraktion des Zentrums, die jedoch über keinerlei bedeutende Parteiorganisation verfügte. Die SPD hingegen wurde 1890 gegründet, wenn man den Allgemeinen Deutschen Arbeiter Verein als direkten organisatorischen Vorläufer mitzählt, existiert die deutsche Sozialdemokratie als organisierte Mitgliederpartei sogar bereits seit 1863. Von allen heute noch relevanten politischen Kräften verfügt die SPD mit Sicherheit über die traditionsreichste Parteiorganisation.
Von Beginn an hat die Sozialdemokratische Partei in ihrer Mitte immer Platz für Pazifistinnen und Pazifisten gehabt. Jedoch war die SPD niemals eine deklariert pazifistische Partei. Die deutsche Sozialdemokratie hat vielmehr ein positives Verhältnis zur Landesverteidigung und auch zu den republikanischen Streitkräften. Sozialdemokraten werden jederzeit eine demokratisch gewählte Regierung, die durch einen militärischen Putsch gefährdet ist, mit Streitkräften schützen.
Ohne Zweifel gibt es auch schwarze Stunden in der Geschichte der Sozialdemokratie. Die von Ihnen angesprochene Noske-Politik zählt eindeutig dazu. Mit diesen dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit hat sich die SPD stets kritisch auseinandergesetzt. Jedoch halte ich es für falsch, die über 140-jährige Geschichte meiner Partei, auf diese Momente zu reduzieren – gerade auch in Anbetracht der vielen sozialdemokratischen Persönlichkeiten wie Lasalle, Bebel, Willy Brandt und aktuell Gerhard Schröder, die sich mit aller Kraft und häufig gegen erbitterten Widerstand und unerträgliche Anfeindungen für den Frieden eingesetzt haben. Eine aktuell anstehende Wahlentscheidung von einem Fehler der Vergangenheit – der übrigens mittlerweile klar als solcher erkannt, benannt und aufarbeitet wurde – abhängig zu machen, halte ich daher nicht für richtig. Ich bin überzeugt davon, dass sich die SPD von allen politisch relevanten Kräften derzeit am glaubhaftesten und engagiertesten für soziale Gerechtigkeit und Frieden in unserem Land einsetzt.
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Wend